Kultur

Dokumentarfilm über Ingeborg Bachmann: Geisterbeschwörung für die Leinwand

19. Juni 2026 16:22:00
Vor 100 Jahren wurde die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann geboren. Ein Dokumentarfilm verbindet nun ihr Leben mit der Gegenwart. Darin fährt Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann mit dem E-Roller durch Rom.
Szenenbild aus „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“; Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann in der Küche am Waschbecken

Zu modern für ihre Zeit: Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann in „Jemand der ich einmal war“

Am 25. Juni dieses Jahres hätte sie ihren 100. Geburtstag gefeiert, doch die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann starb bereits im Alter von 47 Jahren. Es war zwar ein kurzes, aber auch ein intensives Leben, das sie im 20. Jahrhundert führte, denn Ingeborg Bachmann war so erfolgreich wie kaum eine andere Frau ihrer Generation.

Bachmanns Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, sie lebte unter anderem in Wien, Berlin und Rom und veröffentlichte zahlreiche Gedichte, Hörspiele, Erzählbände und einen Roman, schrieb aber auch Libretti für Opern und Essays. Heute gilt sie als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts.

Autorin Ingeborg Bachmann: Mit Smartphone und E-Roller durch Rom

Unter dem Titel „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ nähert sich die Regisseurin Regina Schilling Bachmanns Leben in einer Art Collage. „Collage“ deshalb, weil sich die Dokumentation aus verschiedenen Arten Film zusammensetzt.

Auf der einen Ebenen präsentiert Schilling gespielte Szenen, die Schauspielerin Sandra Hüller als Ingeborg Bachmann in ihrem Alltag in Rom zeigen. Das Besondere hierbei: Hüllers Ingeborg Bachmann ist vollständig in der modernen Welt verankert. Sie nutzt ein Smartphone und eine Meditationsapp und fährt sogar mit dem Elektroroller durch Rom.

Ingeborg Bachmann: Zu modern für ihre Zeit

Die zweite Ebene entsteht durch Szenen, die wie ein Blick hinter die Kulissen dieser gespielten Szenen wirken. Man sieht, wie Sandra Hüller in der Maske zu Ingeborg Bachmann wird und hört, wie die Nachstellung von Bachmanns Leben von der Regisseurin Schilling als „Geisterbeschwörung“ bezeichnet wird.

Ergänzt wird dies mit Szenen aus verschiedenem Archivmaterial. Manchmal ist es dort Bachmann selbst, die zu Wort kommt, andere Male diverse Wegbegleiter*innen, die über sie sprechen. Die Videoaufnahmen sind zwar meist in schwarz-weiß, trotzdem wirkt die Schriftstellerin darin zu modern für ihre Zeit, zu ehrgeizig und selbstbestimmt für das konservative Leben, das Frauen in den 1950ern und 1960ern durch gesellschaftliche Normen übergestülpt wurde.

Auch die Auszüge aus ihren Texten, die im Film vorgelesen werden, zeigen immer wieder, wie weit Bachmann ihrer Zeit voraus war. Diese verschiedenen Ebenen schaffen eine stärkere Verankerung ihrer Person in der Gegenwart, als man es aus früheren biografischen Filmen über Bachmann kennt.

Doku über Bachmann: Erstaunlich wenig Überraschendes

In „Jemand, der einmal ich war“ wird Ingeborg Bachmann meist als eine leidende und getriebene, oder mindestens mit sich hadernde Person gezeigt, für die ihre Arbeit alles ist. Nicht umsonst wird sie an einer Stelle nach einer persönlichen Krise zitiert: „Es gibt für mich, wenn es einen Ausweg geben sollte, nur den in die Arbeit.“ Daneben nehmen ihre unglücklichen Liebesbeziehungen zum Dichter Paul Celan oder dem Schriftsteller Max Frisch einen erheblichen Teil der Charakterisierung ein.

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Die eine, nicht unerhebliche Schwäche des Films bleibt jedoch: Regina Schilling reißt hier viel Verschiedenes aus Ingeborg Bachmanns Leben an, das meiste bleibt jedoch implizit. Seien es ihre Herkunft, ihre Beziehungen, ihr schwieriges Verhältnis zu Alkohol, ihr fast obsessiv wirkendes Arbeiten, ihr Tod – man erfährt in diesem Film erstaunlich wenig Überraschendes.

Zu flüchtig widmen sich die Sequenzen dafür den verschiedenen Abschnitten des Lebens der Schriftstellerin. Zu unvollständig fühlt sich dadurch zunächst auch das Bild an, dass man am Ende des Films hat.

Nach dem Kinobesuch: Ein Film, der im Kopf spuken bleibt

Insofern scheint an dem Vergleich mit einer „Geisterbeschwörung“, der direkt zu Beginn des Films gezogen wird, etwas dran zu sein – dazu tragen auch die gewählten Bilder und die Musik zum Film bei. Wer sich „Ingeborg Bachmann – jemand, der einmal ich war“ ansieht, der bekommt vor allem einen Eindruck und ein Gefühl, und weniger ein konkretes, vollständiges Bild von Bachmann als Mensch.

Doch vielleicht liegt gerade darin der Reiz: Denn aller vermeintlicher Oberflächlichkeit zum Trotz spukt einem dieser Film nach dem Kinobesuch noch wochenlang im Kopf herum.

Infos zum Film

„Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ (Deutschland und Österreich, 2026) ist ab 25. Juni im Kino zu sehen. Ein Film von Regina Schilling, mit Sandra Hüller u.a., 95 Minuten, FSK ab sechs Jahren. Mehr zum Film unter www.weltkino.de.

Autor*in
FL
Finn Lyko

ist Redakteurin des „vorwärts“.

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