Kultur

100 Jahre Siegfried Lenz: Seine Heimat war der Schreibtisch

17. März 2026 12:24:06
Vor 100 Jahren wurde Siegfried Lenz geboren. Seine Romane und Erzählungen machten ihn zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsgeschichte. Für Willy Brandt und Helmut Schmidt hatte Lenz eine besondere Bedeutung.
Schwarz-weiß-Aufnahme von Siegfried Lenz am Schreibtisch; hier ihm ein voll gefülltes Bücherregal

Der Schreibtisch als Heimat und Bühne: Siegfried Lenz in seinem Arbeitszimmer

Die Leser*innen waren seine Verbündeten. Sie nahm er mit, um erzählend aufzuklären. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, nicht anklagend, aber eindringlich. Siegfried Lenz, oder „Siggi“ wie ihn seine Freunde von Helmut Schmidt bis Heinrich Böll liebevoll nannten, wurde vor hundert Jahren am 17. März 1926 im masurischen Lyck geboren, lebte in Schleswig-Holstein und Hamburg. Aber seine wahre Heimat war der Schreibtisch.

Siegfried Lenz: Seine größte Tugend war die Bescheidenheit

Einer der großen Erzähler der Bonner Republik. Nicht so effekthaschend wie Günter Grass. Nicht belastet wie Böll, als Gewissen der Nation herhalten zu müssen. Nicht das überbordende Selbstbewusstsein eines Martin Walsers vor sich hertragend. Im Kleeblatt der bedeutenden Schriftsteller der Nachkriegszeit war seine größte Tugend die Bescheidenheit, mit der er sich hinter seinen Geschichten versteckte.

Erzählen, immer wieder erzählen, die Welt in Worten malen, das war die große Leidenschaft des Mannes, der 1939 aus Ostpreußen nach Schleswig-Holstein kam, sich nach dem Notabitur zur Wehrmacht meldete, sich in die NSDAP verirrte und kurz vor Kriegsende desertierte. Diese Episode seines Lebens hat er 1951 in dem Roman „Der Überläufer“ verarbeitet (der war dem Verlag damals politisch nicht opportun und erschien erst 2016 posthum). Nach Studienjahren an der Universität Hamburg arbeitete Lenz kurz als Redakteur der „Welt“entschied sich aber nach der Veröffentlichung seiner Erzählung „Es waren Habichte in der Luft“ als freier Schriftsteller zu arbeiten.

Die „Deutschstunde“ vertiefte Lenz' Freundschaft zu Helmut Schmidt

Mit einer nie versickernden Phantasie, die Leser*innen mit immer neuen Geschichten, Themen, Personen in den Bann zu ziehen. Als er 2014 im Alter von 88 Jahren in seiner Wahlheimat Hamburg starb, hinterließ er ein Werk von mehr als fünfzehn Romanen, ungezählten Hörspielen, Erzählungen und Essays.

Sein größter Erfolg war der 1968 erschienene Roman „Deutschstunde“, in dem er der Schuld der Pflichterfüllung in der Zeit des Nationalsozialismus auf den Grund ging. In einer Strafarbeit des Jugendlichen „Siggi“ zeichnet er die „Freuden der Pflicht“ nach,  mit denen der Polizist Jens Ole Jepsen das über den Maler Ludwig Nansen verhängte Malverbot unerbittlich überwacht. Zur Tragik dieses Romans gehört, dass die Figur des Malers dem realen Emil Nolde nachempfunden war, dessen Kunst den Nazis als entartet galt, Nolde aber ein glühender Anhänger der Nazi-Ideologie war, wie in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher wurde.

Die „Deutschstunde“, ein Riesen-Publikumserfolg, mehrfach verfilmt, hatte für Lenz einen Nebeneffekt. Der Roman vertiefte die Freundschaft zu Helmut Schmidt, einem großen Anhänger der Nolde-Malerei und einem Bewunderer der Erzählkunst von Siegfried Lenz. Der robuste Macher Schmidt und der oft so schelmisch wirkende Lenz, als sei er den Figuren seiner karikaturenhaften Erzählsammlung „So zärtlich war Suleyken“ entsprungen.

Nicht so laut wie Günter Grass, aber immer klar für die SPD

Politisch waren sich die beiden ohnehin nah. Siegfried Lenz war immer dabei, wenn es galt für die SPD-Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt die Trommel zu schlagen. Nicht so laut wie Grass – aber nie einen Zweifel erlaubend, auf welcher Seite er in den politischen Auseinandersetzungen der Bonner Republik stand. So war es selbstverständlich, dass der in Masuren geborene Lenz bei Willy Brandts Kniefall 1970 in Warschau dabei war. Und ebenso selbstverständlich war es, dass der Schriftsteller zu der kleinen Delegation gehörte, als Helmut Schmidt 1977 als erster Bundeskanzler das Konzentrationslager Auschwitz besuchte.

An der Seite des Kanzlers

Siegfried Lenz war immer dabei, wenn es galt für die SPD-Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt die Trommel zu schlagen – wie hier bei einem Auftritt mit Günter Grass im November 1977.

Schwarz-weiß-Aufnahme von Siegfried Lenz, Willy Brandt und Günter Grass

Die Aussöhnung mit Polen trieb Lenz zeitlebens an. Genauso wie jene mit Israel. Und da ist dem Erzähler, dem leidenschaftlichen Wortmaler ein kleines Wunder gelungen. Sein israelische Kollege Amos Oz, einer der bedeutendsten Schriftsteller seines Landes, hatte sich geschworen, niemals das Land der Täter*innen zu betreten. Die Erzählkraft der deutschen Nachkriegsliteratur, nicht nur die von Lenz, aber vor allem wohl seine, stimmte ihn um. Bald ging er in der Hamburger Wohnung des bescheidenen Geschichten-Erfinders ein und aus. Und wurde erster Träger des „Siegfried Lenz Preis“, der seit 2014 für Verdienste um die Literatur vergeben wird.

Siegfried Lenz, Erinnerungen an einen Leisen im oft allzu laut und schrill daher kommenden Literaturbetrieb. An einen, dem der Schreibtisch die wichtigste Bühne war, um seine Leser*innen mit seiner Kunst des Erzählens gefangen zu halten. Über seinen Tod hinaus.

Autor*in
Norbert Bicher

arbeitete in den 1980er und 1990er Jahren frei für den „Vorwärts". Danach war er Parlamentskorrespondent, Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und des Verteidigungs­ministeriums.

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