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Seit 30 Jahren: Wie das Willy-Brandt-Center Frieden in Nahost fördert

18. Juni 2026 12:48:18
Das Willy-Brandt-Center in Jerusalem arbeitet seit 30 Jahren daran, den Dialog zwischen Israelis und Palästinenser*innen zu stärken. Doch hat Frieden in Nahost überhaupt noch eine Chance? Friedensfachkraft Fiona Kopp erklärt, warum sie weiter an Verständigung glaubt.
Friedensfachkraft Fiona Kopp in Jerusalem

Friedensfachkraft Fiona Kopp auf dem Dach des Willy-Brandt-Centers in Jerusalem.

Junge Menschen aus Israel, den palästinensischen Gebieten und der gesamten Welt und über Konfliktlinien hinweg zusammenbringen: Mit diesem Ansatz engagiert sich das Willy-Brandt-Center (WBC) in Jerusalem für eine friedliche Entwicklung im Nahen Osten. 30 Jahre nach Gründung des Begegnungsortes, die auf eine Initiative der Jusos zurückgeht, ist die Region so weit entfernt vom Frieden wie lange nicht mehr. 

Fiona Kopp ist eine von zwei Friedensfachkräften am WBC. Im Interview erklärt die 27-Jährige, warum sie den Ansatz des WBC für richtig hält und wie die Schweizerin ihre tägliche Arbeit erlebt.

Seit September 2024 arbeitest Du als sogenannte Friedensfachkraft am Willy-Brandt-Center (WBC) in Jerusalem. Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus? 

Den gibt es nicht, vieles hängt von den äußeren Umständen ab. An manchen Tagen habe ich Planungsmeetings mit Menschen von Partnerorganisationen, aktuell vor allem von den Young Democrats in Israel, also der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Demokratischen Partei. Dann geht es um Budgets, das Vorbereiten von Delegationsbesuchen, Projektpläne und andere technische Dinge.

„Zwischen der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft hat seit dem 7. Oktober 2023 ein Vertrauensbruch stattgefunden und der wird tendenziell eher größer als kleiner“

Hauptsächlich bin ich damit beschäftigt, Veranstaltungen von Partner*innen zu besuchen und deren Projekte zu begleiten. Viele arbeiten in Jerusalem, einige sind über ganz Israel verstreut oder arbeiten im Westjordanland. Wir sind viel unterwegs. Seitdem ich diesen Job mache, gab es kürzere Phasen, in denen alles nach Plan lief, einige größere Projekte oder Besuche von Delegationen mussten wir allerdings verschieben. 

„Friedensfachkraft“ klingt interessant. Welche Aufgaben zählen zu Deinem Stellenprofil?

Ein Stellenprofil auf dem Papier sagt wenig über die Realität aus. Ich habe einen sehr komplexen Aufgabenbereich. Offiziell geht es um den Dialog oder die Vermittlung und das Befürworten von inklusiven Narrativen. Das sind schöne Begriffe, im echten Leben stellt sich das anders dar. 

Sensibilität ist ein sehr, sehr großes Thema, denn zwischen der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft hat seit dem 7. Oktober 2023 ein Vertrauensbruch stattgefunden und der wird tendenziell eher größer als kleiner. Daher haben das WBC und ich als Friedensfachkraft noch stärker die Aufgabe, Beziehungen zu Partnerorganisationen oder Aktivist*innen aufzubauen und zu pflegen, um eine Grundlage zu schaffen, den Dialog neu zu beleben.

Es geht vor allem darum, mit Menschen zu arbeiten, die sich für ein friedlicheres Zusammenleben einsetzen und die viel opfern, um die gegenwärtigen Lebensrealitäten zu ändern. Und darum, dafür zu sorgen, dass diese progressiven Stimmen Gehör finden. 

Wie kam es dazu, dass Du als Friedensfachkraft arbeitest? 

Dieser Job war kein bewusstes Ziel. In Basel habe ich Soziologie und Politikwissenschaft studiert und hatte einen Fokus auf Internationale Beziehungen und Friedensbildung gelegt, auf diplomatischer und zivilgesellschaftlicher Ebene. Der Nahostkonflikt kam dabei immer wieder als negatives oder positives Beispiel vor. Das Interesse für die Region war geweckt. Zudem habe ich ein Jahr in Jordanien gelebt. 

Einen Tag nach dem 7. Oktober 2023 sollte ich ein Praktikum bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tel Aviv beginnen. Der Terrorangriff der Hamas auf Israel und die darauffolgenden Ereignisse prägten den Start meines Aufenthalts von Beginn an. Während des Praktikums in der Projektarbeit gab es viele Berührungspunkte mit dem WBC. So erfuhr ich von der freien Stelle. Das hat noch besser gepasst, denn ich wollte bei meiner Arbeit sowohl mit Israelis als auch mit Palästinenser*innen in Kontakt sein.

„Im Alltag würden diese Menschen aneinander vorbeilaufen“

Das ist zurzeit sicher eine besonders große Herausforerung. Wann kommst Du abends zufrieden nach Hause?

Abends zufrieden nach Hause komme ich meistens nach Treffen mit unseren Partnerorganisationen oder nach Veranstaltungen im WBC. Bei uns gibt es beispielsweise Hebräischkurse für palästinensische Frauen, aber auch Arabisch-Unterricht für israelische Aktivist*innen*innen. Manchmal sind verschiedene Gruppen im Haus und es ergibt sich eine interessante Interaktion zwischen ihnen. Im Alltag würden diese Menschen aneinander vorbeilaufen, aber nie miteinander ins Gespräch kommen. 

Wann dachtest Du das letzte Mal nach der Arbeit: „Ich bin glücklich, das war ein guter Tag“?

Das war am vorletzten Freitag. Im WBC haben wir einen Solidaritätsmarkt mit Olivenöl, Gewürzen und weiteren Produkten aus dem Westjordanland veranstaltet. 80 Prozent der Erzeuger*innen und Händler*innen waren Frauen. Deren Kleingewerbe wollten wir unterstützen, viele kämpfen ums Überleben. Da viele von ihnen nicht vor Ort sein konnten, haben wir uns mit zwei Partnerorganisationen zusammengetan und die Produkte nach Jerusalem gebracht. 

An diesem Ort der Begegnung und des Austauschs waren palästinensische Verkäufer*innen aus Jerusalem und viele Israelis aller Altersgruppen mit dabei, viele davon aus unserer direkten Nachbarschaft, in der jüdische Israelis und Palästinenser*innen leben. Zudem wurde palästinensisches Essen angeboten, das viele Israelis gekauft und für Schabbat mit nach Hause genommen haben. Das war ein kurzer Moment von einer sehr erfüllten und friedlichen Stimmung, die es in Jerusalem leider sonst nicht so oft gibt.

„Für mich fühlt sich Israel fast wie ein zweites Zuhause an“

Wie lange wirst Du als Friedensfachkraft in Jerusalem durchhalten?

Für mich persönlich habe ich sehr gute Wege gefunden, mit der permanenten Belastung durch die wechselhafte Sicherheitslage umzugehen. Mit jeder Waffenruhe kehren die Routine und die Gewohnheiten zurück. Dann tut es gut, das Leben auf der Straße zu sehen. An all dies gewöhnt man sich. 

Andererseits weiß niemand, ob man beispielsweise den für Juli geplanten Sommerurlaub wirklich antreten kann. Für mich funktioniert all dies aktuell trotzdem gut. Noch habe ich eine Perspektive und Hoffnung. Für mich fühlt es sich fast wie ein zweites Zuhause an, was auch daran liegt, dass ich seit gut sechs Jahren einen israelischen Partner habe. Für mich überwiegen die schönen Dinge. In naher Zukunft sehe ich mich auf jeden Fall in Jerusalem. Und auch als Friedensfachkraft.

30 Jahre nach der Gründung des WBC haben in Israel Männer fortgeschrittenen Alters das Sagen und eher das Gegenteil von Frieden erreicht. War der Ansatz zu optimistisch?

Der Ansatz war richtig. Dass in der Politik ältere Männer das Sagen haben, ist leider eine Realität. Umso wichtiger ist es, jungen Menschen eine Perspektive zu geben, egal, ob sie in die Politik gehen. So oder so hängt die Zukunft von der jungen Generation ab. Was Israels Premier Benjamin Netanjahu betrifft: Viele Israelis sehen in der Parlamentswahl im Oktober eine Chance für ihr Land. Knapp 60 Prozent der jüdischen Israelis sind dagegen, dass Netanyahu noch mal antritt. Darin zeigt sich ein Wandel.

„Der wichtigste Erfolg ist, dass es das Willy-Brandt-Center trotz der vielen politischen und militärischen Krisen noch gibt“

Worin siehst Du den wichtigsten Erfolg des WBC und wie willst Du daran anknüpfen?

Der wichtigste Erfolg ist, dass es das WBC trotz der vielen politischen und militärischen Krisen noch gibt. Und dass es nicht nur von unseren Partner*innen, sondern von beiden Zivilgesellschaften geschätzt und als sicherer Ort gesehen wird. Auch in dem Sinne, dass man dort offen sprechen und Ideen ausarbeiten kann. Daran anknüpfend sollte es auch das Ziel sein, diesen Ort noch bekannter und für möglichst viele Menschen zugänglich zu machen, wenn sich die Lage wieder beruhigt. Kurz nach Beginn des Iran-Kriegs mussten wir das WBC schließen, weil es bei uns keine Schutzräume gibt. Rasch war spürbar, dass etwas fehlt. 

Der frühere SPD-Vorsitzende und Bundeskanzler Willy Brandt ist Namensgeber des WBC. Mit seiner Zeit als Außenminister wird das Konzept „Wandel durch Annäherung“ verbunden. Welche Chancen hätte es in Nahost?

Annäherung ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt. Wir arbeiten täglich an der Annäherung zwischen Menschen, die rein geografisch fast am selben Ort leben und ähnliche Erfahrungen haben, durch diese aber eher auseinandergetrieben werden. Das Leben in Jerusalem ist als jüdischer Israeli und als Palästinenser*in unterschiedlich, obwohl man eigentlich in derselben Stadt lebt. Die Perspektive der anderen Seite zu kennen, kann viel bewirken. Dort fängt die Annäherung an. 

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