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Klimaanpassung: So funktioniert der Hitzeschutz in Frankreich

14. August 2026 14:45:46
Soll die Anpassung an den Klimawandel stärker zentralisiert werden? Das schlägt Bundesumweltminister Carsten Schneider vor. Was das ändern kann, zeigt Frankreich. Hier wurde der Hitzeschutz schon in den Nullerjahren zu einer politischen Priorität. 
Ein Mann mit Sonnenbrille trinkt Wasser aus einer Flasche, im Hintergrund zeigt ein Thermometer eine Temperatur von 47,5 Grad an.

Fast 50 Grad in Paris: Über Frankreich rollt gerade die nächste Hitzewelle. Deutschlands Nachbarland ist allerdings gut vorbereitet.

Die Politikwissenschaftlerin Andrea Römmele hat in ihrem 2024 erschienenen Buch „Demokratie neu denken“ beschrieben, wie Demokratien durch Megatrends wie den Klimawandel verändert werden. Von Hitzesommer zu Hitzesommer wird Römmeles These, dass es bei der Anpassung an den Klimawandel nicht zuletzt um den Kampf gegen soziale Ungleichheit geht, aktueller.

Die sozial Schwächsten sind von der Hitze besonders bedroht

Während das Robert-Koch-Institut die Zahl der hitzebedingten Sterbefälle für dieses Jahr hierzulande inzwischen auf 12.500 beziffert, hat das Nachbarland Frankreich in diesen Tagen mit der fünften Hitzewelle dieses Sommers zu kämpfen. Grundsätzlich gilt: Oft sind es die sozial Schwächsten, die von der Hitze akut bedroht sind. 

„Wir müssen uns als Gesellschaft auf die Folgen des Klimawandels einstellen“, sagte die Autorin Römmele jetzt dem „vorwärts“. „Machen wir nichts oder nur wenig, trifft es – wie so oft – die weniger Privilegierten in unserer Gesellschaft“, fügte die Politikwissenschaftlerin der Berliner Hertie School hinzu. 

Nach den Worten von Römmele trifft der Klimawandel diejenigen, „die auf engem Wohnraum in schlecht isolierten Wohnungen leben, die sich keine Wohnung am Stadtrand in der Nähe des Waldes oder der Grünflächen leisten können. Die sich keine kühlende Erholungspause in Skandinavien gönnen und für die solarbetriebene Klimaanlagen nicht erschwinglich sind.“

In Frankreich hat Hitzeschutz schon lange politische Priorität

Anders als in Deutschland wurde in Frankreich der Hitzeschutz schon in den Nullerjahren zu einer politischen Priorität. Die Hitzewelle im Jahr 2003, die im Nachbarland rund 15.000 Menschen – vor allem Ältere und allein Lebende – das Leben kostete, führte seinerzeit zu einem Weckruf für die Politik. Im folgenden Jahr wurde der „Plan National Canicule“ ins Leben gerufen – ein nationaler Hitzeschutzplan, der vor Ort von den Präfekturen des Landes umgesetzt wird.

Damals wurde die Kategorie „Hitzewelle“ („Canicule“) einem dreistufigen Warnsystem mit den drei Stufen gelb, orange und rot hinzugefügt, das der französische Wetterdienst Météo France bereits 2001 eingeführt hatte. Neben der Warnung der Bevölkerung steht dabei auch die Vorsorge im Vordergrund: Jede Kommune ist verpflichtet, ein Register von besonders gefährdeten Personen – Hochbetagte, allein lebende Senior*innen oder Behinderte – zu führen. 

Sozialdienste fragen in den betreffenden Fällen am Telefon aktiv nach, wie die registrierten Personen mit der Hitze zurechtkommen und ob eventuell Hilfe benötigt wird. Die Eintragung in das Hitzeregister erfolgt auf freiwilliger Basis.

Ein Katastrophenschutzplan gegen die Hitze

Im vergangenen Juli aktivierte die Regierung in Paris außerdem den „Plan Orsec“, der aus dem Jahr 1952 stammt und für den Katastrophenschutz vorgesehen ist. In der Folge wurden in den Départements mit der höchsten Warnstufe Abkühlungszentren für Senior*innen, chronisch Kranke und Obdachlose geöffnet. 

Auch während der aktuellen Hitzewelle versuchen die Kommunen, genügend Räume zum Abkühlen zur Verfügung zu stellen. So verlängerte beispielsweise die Bibliothek im Lyoner Stadtviertel Part-Dieu am Donnerstag ihre Öffnungszeiten. Gleichzeitig teilte Météo France mit, dass die gegenwärtige Hitzewelle mit vereinzelten lokalen Temperaturen von über 40 Grad bereits länger andauere als die fatale „Canicule“ des Jahres 2003.

Postbot*innen geben Tipp gegen die Hitze

In Deutschland ist sich die Regierungskoalition derweil uneins, ob die Anpassung an den Klimawandel ähnlich wie in Frankreich stärker zentralisiert werden soll oder nicht. In dieser Woche forderte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), die „Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung“ ins Grundgesetz aufzunehmen. Damit könnten größere Handlungsmöglichkeiten für den Bund gesichert werden. Schneider nahm in diesem Punkt eine Forderung des Sozialverbandes VdK und des Städtetages auf. Doch Unionsvertreter sind skeptisch, weil sie eine Beschneidung der Kompetenzen der Bundesländer befürchten.

Das Beispiel Frankreichs zeigt hingegen gerade mit Blick auf besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen, wie eingespielte Abläufe beim Hitzeschutz landesweit greifen können. So verteilen Postbot*innen in diesen Wochen nicht nur Briefe, sondern geben im Bedarfsfall nebenbei auch Tipps, wie man Fenster in aufgeheizten Wohnungen besser abdunkeln kann. Der Grund: Nicht alle, die es eigentlich nötig hätten, lassen sich in die kommunalen Hitze-Register eintragen. Deshalb hatte Premierminister Sébastien Lecornu Frankreichs Postler Ende Juni zu einer „außergewöhnlichen Mobilisierung“ aufgerufen, um den Kontakt zu besonders isolierten Personen aufrecht zu erhalten.

Frankreichs Feuerwehrleute sind am Limit

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Frankreichs Budget eng begrenzt ist. Das gilt auch für die Mittel, die für die Anpassung an den Klimawandel vorgesehen sind. So schrumpfte der 2023 von der damaligen Premierministerin Elisabeth Borne für die Klimaanpassung eingerichtete „Fonds vert“ von zwischenzeitlich 2,5 Milliarden Euro pro Jahr auf aktuell 837 Millionen Euro.

Dass das Geld für den Kampf gegen die Folgen des Klimawandels im Nachbarland begrenzt ist, machten zuletzt auch Frankreichs Feuerwehrleute deutlich. Bei den schweren Waldbränden wie der Feuersbrunst bei Bordeaux waren sie im Dauereinsatz. 

Nach Angaben ihrer Gewerkschaftsvertreter *innenhaben die Waldbrände aber auch gezeigt, dass die Einsatzkräfte personell und mit Blick auf die Ausstattung längst am Limit arbeiten. Deshalb haben die Gewerkschaften der Feuerwehrleute für Ende September zu einer Großdemonstration in Paris aufgerufen.

Autor*in
Albrecht Meier

arbeitet als freier Journalist in Berlin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den politischen Entwicklungen in Frankreich und mit Europapolitik.

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