Tausende Hitzetote: Wo in Deutschland der Hitzeschutz versagt
IMAGO/Wolfgang Maria Weber
Gerade alte Menschen sind bei Extremhitze besonders gefährdet.
Temperaturen über 40 Grad, tropisch warme Nächte: Eine lang anhaltende Hitzewelle Ende Juni hat in Deutschland rund 6.800 hitzebedingte Todesfälle gefordert – so viele wie nie zuvor. Besonders gefährlich sind mehrere heiße Tage hintereinander mit warmen Nächten. Um vor gesundheitlich gefährlicher Hitze zu warnen, veröffentlicht der Deutsche Wetterdienst auf seiner Webseite regelmäßig Hitzewarnungen.
Hitzewarnungen: Wo Expert*innen Lücken sehen
Jonas Gerke, Referent für gesundheitlichen Hitzeschutz bei der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), sieht genau hier ein Defizit. „Das Problem ist unter anderem, dass es in Deutschland kaum Warnungen in der Fläche gibt.“ Es gebe zwar eine Warn-App und ein Abo des DWD-Newsletters. Aber: „Das macht natürlich nur, wer schon für die Gesundheitsgefahr durch Hitze sensibilisiert ist. Warnungen durch Kommunen oder Warnungen an Gesundheits- oder Pflegeeinrichtungen oder andere betroffenen Einrichtungen gibt es kaum flächendeckend“, stellt Gerke fest.
Wer Hitze früh erkennt, kann sich vorbereiten: nachts kühlen, Vorräte prüfen, ausreichend Trinkwasser vorhalten – besonders wichtig, „wenn man nicht so ganz mobil ist oder chronisch erkrankt oder vielleicht schon älter ist“, so Gerke. Auch Medikamente sollten vorhanden sein und richtig gelagert werden. Wer selbst nicht betroffen ist, könne auf Nachbar*innen oder Verwandte achten.
Individuelle Maßnahmen stoßen jedoch an Grenzen: „Wer als Mieter oder Mieterin in der Stadt in einer 2-Zimmer-Wohnung lebt, in die die Sonne strahlt, und die nicht saniert ist, dessen Mittel sich anzupassen sind sowohl kurzfristig als auch langfristig sehr begrenzt.“ KLUG fordert daher besseren strukturellen Hitzeschutz.
Warum Kommunen beim Hitzeschutz an Grenzen stoßen
Rund 40 bis 50 Kommunen haben Hitzeaktionspläne, vieles basiert jedoch auf Freiwilligkeit. Einheitliche Mindeststandards fehlen. Seit 2024 gibt es zwar das Klimaanpassungsgesetz. Es verpflichtet die Länder, dafür zu sorgen, dass Kommunen lokale Klimaanpassungskonzepte – und in diesem Rahmen auch Hitzeaktionspläne –erstellen.
Jonas Gerke kritisiert: „Das ist aber sehr allgemein gehalten und kann alles sein, von Baumpflege oder Begrünung bis hin zu einem Akutplan für Rettungsdienst und Krankenhäuser. Hier müssen wir nochmal nachschärfen, damit das wirklich konkret ist.“ Zudem sei Hitzeschutz keine Pflichtaufgabe und oft nicht finanziert. „Da fällt natürlich die Hitzeaktionsplanung oft hinten runter.“
Wieso Hitzewarnungen nicht alle erreichen
Allgemein existieren viele Informationsangebote, doch ihre Wirkung ist begrenzt: „Wir sehen auch, dass Flyer oder Webseiten, die sich an die Bevölkerung richten, oft nicht angenommen werden“, erklärt Gerke. KLUG setzt daher auf Multiplikator*innen in Pflege, Kitas und Schulen. Mit den Handreichungen des Verbands für die Fachkräfte sollen gefährdete Gruppen erreicht werden, um diese zu sensibilieren .
Besonders verletzlich sind Menschen in sozialen Notlagen, die allein leben oder obdachlos sind. „Die sind die Gruppen, die am meisten gefährdet ist und die wir auch am schwersten erreichen.“ Nötig seien lokale Netzwerke, etwa Nachbarschaftstreffs. Das macht KLUG zum Beispiel in Berlin mit dem Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin.
Beispiel Berlin: Wie „Kühle Räume“ gegen Hitze helfen
Berlin hat im November 2025 einen landesweiten Hitzeaktionsplan beschlossen. Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) sprach von „systematischem Hitzeschutz“ und einer „unterschätzte Gefahr“. Die Umsetzung liegt bei den Bezirken, etwa durch „Kühle Räume“ in öffentlichen Einrichtungen. Eine „Kühle-Orte-Karte“ informiert darüber. Zudem gibt es Hitzehilfe für Obdachlose, rund 240 Trinkwasserbrunnen und einen geplanten Musterhitzeschutzplan für Behörden.
Gerke fordert außerdem „eine zentrale Kommunikation, die direkt an die Bevölkerung und an die gefährdeten Gruppen geht“. Vorbild sei Frankreich mit vier Warnstufen und klarer Sichtbarkeit im öffentlichen Raum. „Das hat einfach eine andere Präsenz, weil dort jedes Departement wirklich Hitzeaktionspläne hat. Alle Menschen, die sich im öffentlichen Raum bewegen, werden erreicht. Das ist ein wichtiger Baustein, den wir in Deutschland so nicht haben.“
Wieso der Bund das Grundgesetz ändern müsste
Viele Expert*innen diskutieren zur Zeit eine Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung im Grundgesetz, die jedoch eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag erfordert. „Der Bund könnte durch die Einführung einer Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung die Umsetzung von Maßnahmen zum Hitzeschutz unterstützen. Wir sehen das ja auch bei der Anwendung der Gemeinschaftsaufgabe Küstenschutz.“ 1969 wurde der Küstenschutz und die Verbesserung der Agrarstruktur zu einer gemeinsamen Aufgabe von Bund und Ländern erklärt. Der Bund beteiligt sich langfristig an den Kosten, und es gibt eine überregionale Strategie für den Küstenschutz.
Erfahrungen aus den Kommunen zeigten hohe Motivation beim Thema Hitzeschutz. Es gebe ein großes Verständnis dafür, dass es eine zentrale Aufgabe für die Zukunft sei, die Städte insbesondere an Hitze aber auch andere Folgen des Klimawandels anzupassen. „Da ist die Gemeinschaftsaufgabe sicherlich ein Hebel, der da viel bewegen könnte“, so Jonas Gerke.
Was wir aus vergangenen Hitzewellen lernen sollten
Darüber hinaus fordert Gerke mit Blick auf Bund und Länder, den ausgelaufenen Pakt für öffentliche Gesundheitsdienste (ÖGD) wieder aufleben zu lassen. Eine stärkere Rolle der Gesundheitsämter ermögliche es, „mit einem Gesundheitsblick“ zu handeln. Hitzeschutz solle in bestehende Strukturen integriert werden. „Ich glaube man muss aufpassen, dass jetzt nicht die Gelder fließen, aber das Personal und das Know-how fehlt“, sagt Gerke.
Außerdem fordert er eine systematische Aufarbeitung: „Ich glaube, es wäre sinnvoll zu schauen, was in dieser Hitzewelle funktioniert hat und was nicht. Wo sind die Rettungsdienste, Krankenhäuser und die Gesundheitsversorgung wirklich an ihre Grenzen gestoßen?“ Zudem müsse laut Jonas Gerke geklärt werden, wo Gesundheits- und Katastrophenschutz enger zusammenarbeiten sollten. „Da brauche es ein politisches Signal, um zu zeigen, dass das Thema uns auch in Zukunft nicht in Ruhe lassen wird.“
Dirk Bleicker
Karin Billanitsch hat Rechtswissenschaften und Journalistik in München und Stuttgart studiert und ist Redakteurin beim „vorwärts“.