Inland

Sparkurs bei Psychotherapie: „Es drohen noch längere Wartezeiten“

12. Mai 2026 16:30:00
Viele Psychotherapeut*innen müssen seit Kurzem mit weniger Honorar auskommen. Im Interview erklärt Eva-Lotta Brakemeier, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, warum sie die Kürzung seitens der Krankenkassen gerade in dieser Zeit für ein falsches Zeichen hält.
Protest gegen Kürzungen bej Psychotherapie

Protestkundgebung am 15. April in Berlin: Der Unmut unter Psychotherapeut*innen über die Honorarkürzung ist groß.

Psychiotherapeut*innen sind in Aufruhr: Zum April wurden die von den Krankenkassen finanzierten Honorare für ambulante Leistungen um 4,5 Prozent abgesenkt. Zudem steht im Zuge der Gesundheitsreform eine generelle Kürzung der Mittel für Psychotherapie im Raum.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen begründet die Beschneidung der Honorare damit, dass die Honorare in diesem Berufsfeld in den Vorjahren stärker gestiegen seien als bei anderen Arztgruppen. Verbände und Therapeut*innen kritisieren den Schritt. Eva-Lotta Brakemeier, der Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, sieht durch die Absenkung der Honorare die Versorgungssicherheit gefährdet.

Wie hart trifft die Honorar-Kürzung die Betroffenen?

Sehr hart - insbesondere wirtschaftlich, aber auch mit Blick auf die Versorgung. Psychotherapeutische Praxen sind personalintensiv, und eine Therapiestunde bleibt eine Therapiestunde. Psychotherapeut*innen können ihre Arbeit nicht einfach verdichten oder „schneller behandeln“, um Honorarkürzungen auszugleichen. Gerade in Zeiten multipler Krisen und nachweislich steigender psychischer Belastungen ist eine solche Kürzung gesundheitspolitisch nicht nachvollziehbar. Viele Psychotherapeut*innen erleben sie daher auch als mangelnde Wertschätzung ihrer gesellschaftlich hoch relevanten Arbeit. 

Welche mittelfristigen Effekte erwarten Sie für die Versorgungsstruktur?

Für gesetzlich Versicherte drohen noch längere Wartezeiten auf einen kassenfinanzierten Therapieplatz oder im schlimmsten Fall gar kein Zugang zu notwendiger Behandlung. Besonders im ländlichen Raum warten Patient*innen heute häufig bis zu einem halben Jahr auf einen Therapieplatz – Kinder und Jugendliche in Deutschland teils sogar deutlich länger. Mittelfristig besteht die Gefahr einer strukturellen Schwächung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung. Die Verunsicherung unter Studierenden und jungen Kolleg*innen ist bereits spürbar. Ich werde inzwischen von meinen Studierenden gefragt, ob Psychotherapie künftig überhaupt noch ein verlässlicher und gesellschaftlich anerkannter Beruf mit Perspektive sein wird.

Der Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung steigt

Ihrer Ansicht nach braucht es nicht weniger, sondern mehr psychotherapeutische Versorgung. Woran machen Sie das fest?

Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen benötigen wir mehr psychotherapeutische Behandlungsplätze. Studien zeigen, dass psychische Erkrankungen in diesen Altersgruppen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. Für Erwachsene fehlen in Deutschland vergleichbar umfassende Studien, dennoch weisen Daten der Krankenkassen darauf hin, dass auch hier der Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung steigt. Das liegt auch daran, dass spätestens seit der Covid-19-Pandemie deutlich offener über psychische Belastungen und Erkrankungen gesprochen wird. Diese Enttabuisierung ist wichtig, weil sie dazu beiträgt, dass Menschen früher Hilfe suchen. Psychotherapie ist keine Luxusleistung, sondern ein zentraler Bestandteil gesundheitlicher Versorgung.

Die Gesprächspartnerin

Eva-Lotta Brakemeier ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald. Seit Februar 2024 gehört sie dem Wissenschaftsrat der Bundesregierung an. Seit September 2024 ist sie Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Eva-Lotta Brakemeier

Wie soll dieses Mehr an Versorgung seitens der Kassen finanziert werden?

Es geht nicht um ein „Gießkannenprinzip“, sondern um gezielte strukturelle Verbesserungen. Besonders dringend benötigen wir eine eigenständige und zielgenaue Bedarfsplanung für die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Kapazitäten fehlen insbesondere im ländlichen Raum, in strukturschwachen Regionen und in sozial benachteiligten Stadtteilen. Auch für Erwachsene sollte die Bedarfsplanung im ländlichen Raum angepasst werden. 

Darüber hinaus muss endlich die Finanzierung der Weiterbildung für angehende Psychotherapeut*innen nach dem Studium gesichert werden. Andernfalls droht Anfang der 2030er Jahre ein erheblicher Fachkräftemangel. Aktuell fehlen ausreichend finanzierte Weiterbildungsplätze.

Die Psychotherapie entlaste das Gesundheitssystem, sagten Sie bei einer Kundgebung gegen die Kürzung der Honorare. Können Sie ein Beispiel geben?

Psychotherapie ist nicht nur wirksam, sondern auch gesundheitsökonomisch sinnvoll. Gesundheitsökonomische Analysen weisen darauf hin, dass sich pro in Psychotherapie investiertem Euro ein gesamtgesellschaftlicher Nutzen von etwa zwei bis vier Euro ergibt – insbesondere durch geringere krankheitsbedingte Ausfälle, weniger Erwerbsminderungsrenten und eine reduzierte Inanspruchnahme stationärer Versorgung. Menschen, die frühzeitig psychotherapeutisch behandelt werden, bleiben häufig länger arbeitsfähig, erleben mehr Lebensqualität und soziale Verbundenheit und können ihr Leben wieder aktiver und sinnerfüllter gestalten.

Investitionen in psychische Gesundheit und Prävention sind gesellschaftlich notwendig und langfristig sinnvoll

Sie haben in diesem Zusammenhang von Evidenz, also von einer nachgewiesenen Wirksamkeit, gesprochen. Die Finanzkommission Gesundheit hat offenbar eine andere Auffassung von Evidenz, wenn sie vorschlägt, dass die Krankenkassen künftig vor allem evidenzbasierte medizinische Behandlungen finanzieren und die Mittel für psychotherapeutische Behandlungen einschränken oder gegebenenfalls auch streichen sollen. Wie gehen Sie damit um? 

Psychotherapie ist nachweislich evidenzbasiert und wissenschaftlich sehr gut untersucht. Zahlreiche Studien und Metaanalysen belegen ihre Wirksamkeit. Deshalb ist es fachlich nicht nachvollziehbar, wenn psychotherapeutische Behandlung nicht als evidenzbasierte Versorgung anerkannt wird. In den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften wird Psychotherapie bei nahezu allen psychischen Erkrankungen als Behandlung der ersten Wahl empfohlen – teilweise in Kombination mit Medikamenten, häufig aber auch eigenständig. Gerade deshalb wäre es ein problematisches Signal, ausgerechnet bei einer nachweislich wirksamen Versorgung zu kürzen.

Wie gehen Sie mit Blick auf die Kürzungen weiter vor? 

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psycholog*innen. Für die berufspolitische Vertretung niedergelassener Psychotherapeut*innen ist in erster Linie die Bundespsychotherapeutenkammer zuständig. Unser besonderer Fokus liegt in diesem Themenbereich auf dem wissenschaftlichen Nachwuchs, der psychotherapeutischen Weiterbildung sowie den strukturellen Bedingungen, die eine hochwertige und langfristig verlässliche und evidenzbasierte Versorgung ermöglichen. Deshalb sehen wir hier auch eine wissenschaftliche und ethische Verantwortung.

Aus wissenschaftlicher Perspektive ist klar: Investitionen in psychische Gesundheit und Prävention sind gesellschaftlich notwendig und langfristig sinnvoll. Honorarkürzungen und strukturelle Unsicherheiten in einer Zeit steigender psychischer Belastungen halten wir daher fachlich für nicht tragbar. 

Deshalb greifen wir diese Entwicklung auch beim Deutschen Psychotherapie Kongress 2026 auf – etwa im Rahmen der politischen Eröffnungsveranstaltung unter dem Titel: „Psychische Gesundheit im Epochenbruch: Versorgung sichern statt kürzen“. 

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