Federico Quadrelli: Brückenbauer zwischen Berlin und Italien
Facebook / Federico Quadrelli
Der Kampf für Chancengleichheit ist sein Antrieb: Federico Quadrelli kandidiert für die SPD für das Berliner Abgeordnetenhaus.
Es war der 14. Dezember 2010, als Silvio Berlusconi im italienischen Parlament die Vertrauensfrage gewann – trotz Korruptionsvorwürfen gegen den damaligen Ministerpräsidneten und Endlos-Streits der mit der Justiz. Die Mehrheit betrug drei Stimmen: 314 zu 311. Zwei davon galten schnell als gekauft. Das war der Moment, in dem Federico Quadrelli, damals Soziologie-Student, das Vertrauen verlor – und zwar in seinen Staat. „Ich war mehr als enttäuscht“, sagt er heute. „Ich hatte wirklich ein Gefühl von Ekel.“
Der Ekel hatte für Quadrelli zwei Folgen. Die eine war: Er verließ Italien, das ihm politisch und wirtschaftlich keine Perspektive bot. Die andere Folge war: Er wurde Sozialdemokrat, um gegen die politische Rechte zu kämpfen. „Am Ende hast du zwei Optionen“, sagt Quadrelli rückblickend. „Du kannst warten und bleiben oder du machst eine Investition in dich selbst.“ Die Investition war sein Umzug nach Berlin.
Berlin ist international – wie Quadrelli
An einem sonnigen Augustnachmittag sitzt der 39-Jährige vor einem Straßencafé in Berlin-Moabit. In wenigen Wochen wählt die Hauptstadt ein neues Abgeordnetenhaus, an den Straßenlaternen im Brüsseler Kiez hängen die Wahl-Plakate. Von der anderen Straßenseite aus blickt Quadrelli sein eigenes Gesicht entgegen: offenes Lächeln, ein wacher Blick vor rotem Hintergrund. Quadrelli kandidiert für die SPD im Wahlkreis Mitte 4. „Berlin ist international“, sagt er. „Und international ist auch mein Leben.“
Quadrelli hat einen politischen Werdegang, der ungewöhnlich ist. Er ist gleichzeitig Mitglied in der SPD und dem italienischen „Partito Democratico“ (PD). Das geht, weil beide Schwesterparteien sind, in beiden besetzt Quadrelli auch Ämter: Er ist stellvertretender Vorsitzender der SPD Berlin-Mitte und Mitglied der „Nationalversammlung“ des PD in Italien, das Gremium, das einem Bundesparteitag entspricht.
Chancengleichheit als gemeinsamer Nenner
Bereits seit 2014 vertrat Federico Quadrelli die PD-Mitglieder, die in Berlin und Brandenburg leben als Auslandskoordinator. 2022 trat er bei der italienischen Parlamentswahl für den PD als Vertreter der Italiener*innen im Ausland an. Den Einzug ins Parlament verpasste er damals nur knapp. Aus den Wahlen ging das rechtskonservative Bündnis um Giorgia Meloni als Sieger hervor, und der PD landete in einer sehr geschwächten Opposition.
Doch Quadrelli gab nicht auf: 2021 hatte er bereits die deutsche Staatsbürgerschaft erworben – Voraussetzung, um jetzt für die SPD bei der Berlin-Wahl zu kandidieren.
Man könnte diese Zweigleisigkeit für Unentschlossenheit halten. Für Quadrelli hat sein Engagement in beiden Ländern einen gemeinsamen Nenner, und der hat einen Namen: Chancengleichheit.
Mehr offene Türen in Deutschland als in Italien
In Italien hat er erlebt, was fehlende Chancengleichheit bedeutet. Studieren konnte der Sohn einer Arbeiterfamilie aus der Provinz Lucca nur, weil er ein Stipendium bekam, später jobbte er im Callcenter und in der Fabrik. In Deutschland absolvierte er einen zweiten Master und arbeitet heute als Politiklehrer an einer Fachschule für Sozialwesen für Erzieher*innen in Brandenburg. „In Deutschland stehen einem viele Türen offen“, sagt er. „Man kann sich auch später noch beruflich weiterentwickeln, Ausbildung und Universitäten sind zugänglich, es gibt zum Beispiel das BAföG. Das ist in Italien nicht so.“
In der Politik hat ihn ein ähnliches Muster zur SPD geholt: nämlich die Chance auf gleiche Teilhabe an Demokratie. Entscheidungen, die von der Basis ausgehen, von unten nach oben und nicht umgekehrt. „In Deutschland entscheidet die Basis einer Partei, wer bei Wahlen antritt“, erklärt er. „Jedes Mitglied kann sich aufstellen lassen. In Italien entscheidet in der Praxis die Parteizentrale, wer auf die Liste kommt und an welcher Stelle – und das geht oft nach Sympathie.“ Quadrelli gehörte zu denen, die das im PD ändern wollten. Doch der Versuch scheiterte.
Viele Parallelen zwischen Italien und Deutschland
Dennoch: Durch solche Erfahrungen sieht sich Federico Quadrelli besonders für die Arbeit im Berliner Abgeordnetenhaus qualifiziert. Wer in zwei Systemen zu Hause sei, bringe Erfahrungen mit, die auch auf Landesebene zählen, sagt er. „Wir müssen europäisch denken. Die Probleme in Deutschland betreffen auch Italien und umgekehrt. Wenn in Deutschland die Automobilwirtschaft leidet, ist davon auch die Wirtschaft in Italien betroffen. Wohnungsnot gibt es nicht nur in Berlin, sondern auch in Rom und Mailand.“
Wie das praktisch aussieht, zeigt ein Vorhaben, das gerade erst beschlossen wurde. Als erstes Bundesland führt Berlin ein digitales Wohnungs- und Mietenkataster ein, eine riesige Datenbank, die alle dauerhaft vermieteten Wohnungen und Mietpreise erfasst. Behörden sollen dadurch Mietwucher leichter erkennen können. Ein ähnliches System gibt es in Italien schon lange. Für Quadrelli ist das genau die Art von Wissenstransfer, die er meint: Man muss nicht jedes Instrument neu erfinden, wenn es anderswo schon läuft.
„Ideen, Menschen und Kulturen verbinden“
Wohnen, Bildung, politische Mitbestimmung: Der Kampf um Chancengleichheit spiegelt sich für Quadrelli in allen Bereichen. In seinem Kiez im Bezirk Mitte ganz konkret, wo viele Familien eine Einwanderungsgeschichte haben. Deswegen setzt sich Quadrelli unter anderem für eine mehrsprachige Berliner Verwaltung ein. „Ich verstehe mich als Brückenbauer, ich möchte Ideen, Menschen und Kulturen verbinden.“
Im kommenden Jahr sind in Italien wieder Parlamentswahlen. Die Chancen für Giorgia Meloni für eine weitere Amtszeit stehen mehr als gut. Ob Quadrelli sich noch einmal aufstellen lässt? „Ich bin enttäuscht von Italien, von der PD“, sagt er. „Wenn ich die Chance bekomme, mich weiterhin in Deutschland oder auf europäischer Ebene zu engagieren, bevorzuge ich das.“