Meinung

Rechtspopulisten überholt: Was die SPD von Andy Burnham lernen könnte

28. September 2026 13:29:25
In Großbritannien gilt er als neuer Hoffnungsträger. Der neue Premier und Chef der Labour-Party Andy Burnham hat die Rechtspopulisten von links überholt. Was kann sich die SPD von ihm abschauen?
Labour-Chef und britischer Premier Andy Burnham in der Downing Street

Der Labour-Chef und britische Premier Andy Burnham hat Einzug in die Downing Street gehalten.

Das Erschreckende am Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist nicht allein die Tatsache, dass so viele Menschen rechtsextrem wählen. Es ist auch die Schockstarre, in die gerade viele verfallen. Als wäre es quasi gesetzt, dass erfolgreiche Rechtsextreme noch erfolgreicher werden. 

Doch das stimmt nicht. Man kann sie bremsen. Wie das geht, zeigt Großbritanniens neuer Premier gerade. 

Andy Burnham: Vom Regionalpolitiker zum Premier

Der Labour-Politiker Andy Burnham hat nicht nur den abgeschlagenen Premier Keir Starmer ersetzt, er hat die Populisten von Reform UK um Nigel Farage von links überholt. Seit März 2025, also fast anderthalb Jahre lang, führten die Rechtspopulist*innen die nationalen Umfragen an. Labour stagnierte noch im April dieses Jahres mit 18 Prozent auf dem dritten Platz. Inzwischen liegt die Partei mit fast 27 Prozent in den Umfragen vorn. 

Dabei ist Burnham weder Newcomer noch Underdog, der punktet, weil er sich mit dem Establishment anlegt. Im Gegenteil, er ist eigentlich das Establishment in Person. Das macht ihn auch für die SPD als Regierungspartei interessant.  

Burnhams politische Karriere verlief auffallend klassisch: Nach seiner Mitarbeit in einem Abgeordnetenbüro zog er mit 31 Jahren für Labour ins Unterhaus ein, war von 2001 bis 2017 Abgeordneter und Minister unter Tony Blair und Gordon Brown. Zweimal bewarb er sich erfolglos um den Labour-Vorsitz. Weil es damit nicht klappte, ging er als Bürgermeister nach Greater Manchester. Dort etablierte sich Andy Burnham in den folgenden Jahren als einer der bekanntesten regionalen Politiker Großbritanniens.  

Wie Burnham die Rechtspopulisten überholt hat

Rund neun Jahre lang führte er die Metropolregion, ihre Wirtschaft wuchs schneller als der gesamte Rest des Landes. Unter anderem holte er das Busnetz zurück in die Verantwortung der öffentlichen Hand. Sein offensives Eintreten für die Region brachte ihm den Spitznamen „König des Nordens“ ein. 

Diesen Kurs setzt Burnham nun in der Downing Street fort. Seine Vision: den Regionen mehr Macht geben und sie stärken. Als erste Amtshandlung richtete er in Manchester ein Außenbüro der nationalen Verwaltung ein. Die Botschaft: Wir sind da, wo ihr seid. 

Burnham ist Vertreter des Establishments, aber er widerlegt gleichzeitig, was die Rechtspopulist*innen dem Establishment vorwerfen: Er regiert eben nicht über die Köpfe der Menschen hinweg – er sieht, dass ihnen das Geld fehlt. Dabei beherrscht er die Kommunikation, er wirkt authentisch und nahbar, wenn er auf Social Media in T-Shirt und Freizeitjacke kleine Erleichterungen im Alltag verkündet. Der Preis für Bus-Tickets soll auf zwei Pfund gedeckelt werden, Abos sollen leichter gekündigt werden können, Rabattaktionen an der Supermarkt-Kasse sollen halten, was sie versprechen. 

Kleine Verbesserungen, die im Alltag ankommen

Burnham will Steuernachlässe für Pubs und beim Strom für Privathaushalte einführen und das Alkoholverbot im Stadion in Sichtweise des Spielfelds aufheben. Alles Kleinigkeiten, die die Wirtschaftsprobleme des Landes kaum lösen werden. Bei den Wähler*innen aber kommen sie an. 

Natürlich muss der neue Premier auch handfeste Reformen liefern. Doch es scheint, als habe er bei den Wähler*innen einen Vertrauensvorschuss, der der SPD in Umfragen zeitweise fehlt. Dazu mag sein kometenhafter Aufstieg beigetragen haben: In nur wenigen Wochen ist er vom Regionalpolitiker ins Amt des Premiers gezogen. Dabei hat er nicht nur das Scheitern seiner Kandidaturen von 2010 und 2015 wettgemacht, sondern sich als kühner Visionär erwiesen, der die Gunst der Stunde ergreift.

Das ist ein bisschen, so als wäre Olaf Scholz 2018 direkt aus dem Hamburger Rathaus ins Kanzleramt eingezogen, ohne dazwischen drei Jahre Bundesfinanzminister zu sein. Für deutsche Ohren klingt das nicht gerade vertraut: Bundespolitiker*innen müssen sich hierzulande erst jahrelang in Landesverbänden, Fraktionen und Ministerien beweisen. Ein Kanzler wird außerdem vom Bundestag gewählt, während in Großbritannien der Chef der Mehrheitspartei Premier wird.  

Mit Zuversicht gegen den Aufstieg der AfD

Die SPD sollte sich trotzdem ein Beispiel daran nehmen und mehr Andy Bunrham wagen, um ihre Visionen durchzusetzen und die Menschen wieder anzusprechen. Burnham zeigt in Großbritannien, wie Politik Zuversicht wecken kann: mit kleinen Verbesserungen, die die Menschen am Monatsende merken. Die SPD hat viele gute Gesetze gemacht, die jedoch kaum jemand mit ihr verbindet. Das muss sie ändern, bevor sich der Siegeszug der AfD weiter fortsetzt. 

Autor*in
Lea Hensen
Lea Hensen

ist Redakteurin des „vorwärts“.

Weitere interessante Rubriken entdecken

Noch keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.