Meinung

Social Media: Warum ein Verbot keine Lösung ist

19. February 2026 13:30:39
CDU und SPD fordern ein Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche. Zuletzt haben die Sozialdemokraten einen Vorschlag vorgelegt, der zwar die richtigen Themen anspricht, aber zu falschen Schlüssen kommt. Nicht die Nutzer Sozialer Medien sind das Problem, sondern die Anbieter.
Symbolfoto: Ein Handy mit dem Logo von Facebook auf dem Display liegt in einer Handfläche, im Hintergrund die Logos weiter Sozialer Medien

Soziale Medien: Statt Regulierung dort zu verschärfen, wo Macht und Daten liegen, richtet sich der politische Druck primär auf Nutzer*innen.

Soziale Medien sind längst zentrale Räume öffentlicher Kommunikation. Sie ermöglichen politische Teilhabe, soziale Vernetzung und gesellschaftliche Debatten. Gleichzeitig verstärken sie Polarisierung, Desinformation und eine Aufmerksamkeitsökonomie, die auf maximale Nutzungsdauer optimiert ist. Genau diese Ambivalenz beschreibt das SPD-Papier treffend: algorithmische Verstärkung, Suchtmechanismen und Manipulationsrisiken werden klar benannt.

Das Problem beginnt dort, wo aus einer richtigen Diagnose eine falsche Therapie wird.

Keine Kinderprobleme, sondern Geschäftsmodelle

Denn obwohl die Analyse vieler Ursachen überzeugt, bleibt der politische Lösungsansatz widersprüchlich: Einerseits kritisiert die SPD die systemischen Effekte algorithmischer Plattformlogik, andererseits fordert sie weitreichende Altersverbote und Zugangsbeschränkungen.

Die problematischen Mechanismen sozialer Netzwerke betreffen jedoch nicht nur Kinder und Jugendliche. Algorithmisch kuratierte Feeds, Endlos-Scrollen, Push-Benachrichtigungen und Engagement-Optimierung sind keine Jugendprobleme – sie sind Geschäftsmodelle. Erwachsene verbringen ebenfalls übermäßig Zeit auf Plattformen, reagieren auf dieselben psychologischen Trigger und sind genauso anfällig für Polarisierung und Desinformation.

Wenn das Problem systemisch ist, kann ein Altersverbot kein struktureller Lösungsansatz sein. Es wäre, als würde man bei einem Auto mit defekter Bremse nicht die Technik reparieren, sondern bestimmten Altersgruppen das Fahren verbieten.

Rechtsdurchsetzung bei den Kleinsten, statt bei Big Tech

Vieles von dem, was heute als Problem beschrieben wird, ist regulatorisch längst adressiert. Der Digital Services Act der EU verpflichtet große Plattformen dazu, systemische Risiken zu analysieren und zu reduzieren. Die zentrale Herausforderung liegt daher weniger im Fehlen von Regeln als in ihrer konsequenten Durchsetzung gegenüber großen Plattformanbietern.

Die aktuelle Debatte verschiebt den Fokus jedoch: Statt Regulierung dort zu verschärfen, wo Macht und Daten liegen, richtet sich der politische Druck primär auf Nutzer*innen – ausgerechnet auf die jüngsten.

Betroffene werden nicht mitgenommen

Auffällig ist zudem, wie wenig Kinder und Jugendliche selbst in diese Debatte eingebunden werden. Über sie wird gesprochen, ihre Nutzung analysiert, ihre Risiken bewertet – aber selten mit ihnen.

Für viele junge Menschen sind soziale Netzwerke zentrale Räume sozialer Zugehörigkeit, kreativer Entfaltung und politischer Sozialisation. Gerade Jugendliche in ländlichen Regionen oder außerhalb gesellschaftlicher Mehrheiten finden dort Communities, die offline oft fehlen.

Dass soziale Medien nicht zwangsläufig auf maximale Aufmerksamkeitsbindung ausgerichtet sein müssen, zeigen Plattformen wie „Reddit“. Dort stehen thematische Communities und Diskussionen stärker im Vordergrund als algorithmisch gesteuerte Dauerbeschallung. Das macht solche Plattformen nicht automatisch unproblematisch – zeigt aber, dass das Medium selbst nicht das Problem ist, sondern seine konkrete Ausgestaltung.

Social Media damals vs. heute

Ein Blick zurück hilft, diese Entwicklung einzuordnen. Vor fünfzehn Jahren galten soziale Netzwerke kaum als gesellschaftliches Großproblem. Plattformen wie SchülerVZ, StudiVZ oder das frühe Facebook funktionierten im Wesentlichen als digitale Freundeslisten mit chronologischen Feeds. Man sah Inhalte von Menschen, die man kannte. Algorithmische Optimierung spielte kaum eine Rolle.

Erste Regulierungsversuche (Netzwerkdurchsetzungsgesetz, NetzDG) adressierten die falschen Punkte: permanentes Tracking, Lock-In-Effekte und die Marktmacht von Big Tech waren keine Regulierungsziele.

Die zentrale Veränderung kam erst später: Plattformen wurden von sozialen Netzwerken zu hochoptimierten Engagement-Systemen umgebaut. Das Problem liegt daher (logischerweise!) nicht im Prinzip sozialer Vernetzung selbst, sondern in der Transformation hin zu algorithmisch gesteuerten Aufmerksamkeitsmaschinen. Regulierung sollte genau dort ansetzen: bei Designentscheidungen und Geschäftsmodellen – nicht beim Zugang.

Die EUDI-Wallet: Datenschutzversprechen mit Nebenwirkungen

Die SPD setzt in ihrem Impulspapier stark auf die EUDI-Wallet als technische Grundlage für Altersverifikation und Zugangskontrolle bei sozialen Medien. Die Idee dahinter klingt zunächst überzeugend: Plattformen sollen lediglich bestätigt bekommen, dass jemand einer bestimmten Altersgruppe angehört – ohne den echten Namen oder weitere Identitätsdaten zu sehen. Damit, so die Logik, ließen sich Jugendschutz, Datensparsamkeit und Anonymität gleichzeitig sichern.

Technisch ist das Konzept der selektiven Offenlegung sinnvoll. Politisch entsteht jedoch ein Widerspruch: Anonymität besteht nicht nur darin, keinen Klarnamen preiszugeben.

Plattformen identifizieren Menschen längst über Verhaltensdaten, Interaktionen und Beziehungen – den sogenannten Social Graph. Sie wissen, mit wem jemand interagiert, welche Inhalte konsumiert werden, welche Communities genutzt werden und wie sich Nutzer über Zeit verhalten. Selbst ohne Namen entstehen dadurch präzise Profile.

Echte Anonymität scheint kaum möglich

Wenn Plattformen zusätzlich eine verlässliche Altersbestätigung erhalten, bekommen sie nicht weniger, sondern mehr hochwertige Daten. Die Wallet verhindert keine Profilbildung – sie liefert im Zweifel ein besonders belastbares Merkmal, das zuvor nur geschätzt wurde.

Noch problematischer wird es, wenn Eltern ihre Kinder verifizieren sollen. Dadurch entstehen zusätzliche Verknüpfungen, die den Social Graph erweitern und Accounts stärker an reale Identitäten koppeln. Eine harte Altersverifikation erhöht zwangsläufig die Identitätsnähe digitaler Konten.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Wallet anonym sein kann, sondern ob echte Anonymität überhaupt möglich ist, solange Plattformen auf Datensammlung und Beziehungsanalyse beruhen.

Strategisch unklug für gute Lösungen

Die Bundesregierung hat eine Kommission eingesetzt, die sich genau mit diesen Fragen beschäftigt und im Sommer Vorschläge vorlegen soll. Dass die SPD dennoch schon jetzt auf Verbotsforderungen setzt, wirkt politisch eher wie ein Aufspringen auf eine populäre Debatte als wie ein Beitrag zu einer langfristig tragfähigen Lösung.

Das Problem daran ist strategisch: Wenn sich mehrere Regierungsparteien frühzeitig auf Verbote festlegen, wird es schwieriger, später differenzierte, technisch fundierte Lösungen durchzusetzen. Gleichzeitig verschiebt sich die öffentliche Debatte weg von den eigentlichen Ursachen – algorithmischer Verstärkung und manipulativen Designmustern – hin zu einfachen Zugangsbeschränkungen.

Hinzu kommt, dass es durch das Heranrücken der SPD an die CDU noch schwieriger wird, gefährlichere Ideen wie eine Klarnamenpflicht abblocken zu können.

Europa sollte die Gestaltung sozialer Netzwerke selbst regulieren

Dabei läge die naheliegende Alternative auf der Hand: Statt nationale Verbotsdiskussionen zu führen, sollte Europa die Gestaltung sozialer Netzwerke selbst regulieren. Eine EU-weite Begrenzung manipulativer Designmuster und algorithmischer Verstärkungsmechanismen würde die Ursachen adressieren, ohne digitale Teilhabe pauschal einzuschränken.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie wir junge Menschen aus sozialen Medien heraushalten. Die entscheidende Frage lautet: Wie gestalten wir soziale Medien so, dass sie für alle weniger manipulierend, transparenter und demokratischer werden? Klar, dies lässt sich weniger gut im Wahlkampf verbreiten. Aber es geht uns um Lösungen, oder?

Autor*in
Henning Tillmann
Henning Tillmann

ist selbständiger Informatiker, Mitglied der SPD-Medienkommission und lebt in Berlin.

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