Nach dem Hitzesommer: Deutschland muss Klimawunderland werden!
IMAGO/Rupert Oberh?user
Klares Warnsignal des Hitzesommers: Der Rhein war so ausgetrocknet wie nie zuvor.
Eine angemessene Kommunikation zu finden, ist so eine Sache: Hängt man Dinge zu hoch, schürt man gegebenenfalls zu große Erwartungen; emotionalisiert man zu sehr, kann es später schwierig sein, in sachliche Debatten überzugehen. Zurückhaltung kann gerade im üblichen politischen Alltag also durchaus geboten sein.
Bei der Kommunikation zum Hitzesommer 2026, der verschiedene Negativrekorde gebrochen hat, wären aber weniger Zurückhaltung als mehr deutliche Worte gefragt. Erfolg oder Misserfolg bei der Bewältigung der Klimakrise entscheidet schließlich darüber, wie lebenswert der Planet Erde in Zukunft noch sein kann. Es darf also gerne rangeklotzt werden.
Die Wortmeldungen, etwas gegen den Klimawandel zu tun, werden lauter
Zu Beginn und im Verlauf des Hitzesommers hörte man deutliche Worte zunächst allerdings vor allem von der Opposition. Auf das Thema Hitzeschutz beispielsweise in Krankenhäusern oder Schulen reagierte man aus dem Umweltministerium heraus lediglich mit dem Verweis auf das Sondervermögen. Auf die Probleme der Binnenschifffahrt aufgrund des Rekordniedrigstands des Rheins fiel der Union sogar nur die Vertiefung von Fahrrinnen als Antwort ein. Mit der Klimakrise selbst wollte sich zunächst scheinbar keine Wortmeldung der Regierung auseinandersetzen.
In eine Panikkommunikation zu verfallen wäre kontraproduktiv, aber auch die neuen, deutlicheren Töne der Regierung erscheinen insgesamt immer noch zu zaghaft. Die SPD-Minister*innen schlugen zuletzt verschiedene Maßnahmen vor; Lars Klingbeil formulierte, gegen die Folgen der Hitze müsse man „politisch etwas machen“. Nach langem Schweigen ging Friedrich Merz sogar einen Schritt weiter als nur über Maßnahmen zur Anpassung zu sprechen und ließ im Hürtgenwald unter dem Eindruck brennender Wälder unter anderem verlauten: „Wir werden alles tun, um den Klimawandel zurückzudrängen“.
Auch bei der Kommunikation noch eine Schippe drauflegen
Letzteres kann man, wohlwollend interpretiert, als Ansage werten, die gespannt darauf macht, was ihr folgen wird. An der SPD kann zwar man kritisieren, dass sie das Thema Naturschutz lange nicht mit dem nötigen Nachdruck verfolgt hat. Aber gerade Merz’ Partei – unter deren Führung in den 1980er Jahren das Bundesumweltministerium eingeführt wurde – hat in der mittelfristigen Vergangenheit alles andere als Begeisterung dafür versprüht: Angela Merkel, die bei der Abkehr von der Atomenergie einst zögerte, fragte vor Kurzem selbst, ob sie als Kanzlerin mehr Vorsorge hätte treffen können. Die heutige Wirtschaftsministerin Katherina Reiche tritt sogar als Kämpferin gegen die notwendige Energiewende auf.
Um die Leugner*innen des Klimawandels und die skeptischen Gegner*innen einer Naturschutzpolitik von Energiewende, Renaturierungen und vielen anderen notwendigen Maßnahmen zu überzeugen braucht es natürlich viel mehr als nur etwas politische Kommunikation. Aber auch bei der Kommunikation gilt, noch eine gehörige Schippe draufzulegen.
All das Vokabular, mit dem man im üblichen politischen Alltag vielleicht vorsichtiger umgehen wollte, gehört hier hin: Es muss eine Vision formuliert werden, die ein klares, großes Ziel vorgibt. Und es müssen positive Emotionen aufgerufen werden, etwa die Liebe Vieler zur Natur angesprochen und die Zuversicht vermittelt werden, doch noch etwas bewegen zu können.
Jetzt ist wieder ein Wunder gefragt
Die Bundesrepublik Deutschland hat schon viele große Veränderungen durchlebt und einige Krisen durchstanden: Wirtschaftswunder, mehr Demokratie wagen, Wiedervereinigung, Finanzkrise und so weiter. In der aktuellen Klimakrise ist wieder ein Wunder gefragt. Nur Maßnahmenkataloge genügen nicht, sondern es braucht einen Ruck, der einen tiefgreifenden Wandel auch in vielen Köpfen anstößt, der dazu beiträgt, unseren Planeten auch für die nachfolgenden Generationen zu bewahren.
Ein Land alleine wird die Klimakrise nicht bewältigen, aber betrachtet man die vielen Länder, die bereits entschiedene Maßnahmen eingeleitet haben, dürfte klar sein, dass wir uns in guter Gesellschaft befinden würden. Daher gilt auch für uns: Deutschland muss Klimawunderland werden!
ist Übersetzungswissenschaftler und beschäftigt sich mit Denk- und Sprechmustern in verschiedenen Kulturen. Gelegentlich schreibt er zu gesellschafts- und wissenschaftspolitischen Themen. Er trötet unter @OliverCzulo@spd.social.