Film „La Grazia“: Wie Italiens Präsident das Zweifeln entdeckt
Andrea Pirrello
„Betonkopf“ und Liebender in einem: Toni Servillo als italienischer Staatspräsident Mariano De Santis.
Gerade in Italien gehört es zum guten Ton, über die Regierung zu spotten oder sie mit vernichtender Kritik zu überziehen. Anders verhält es sich mit dem Amt des Präsidenten der Republik. Viele Italiener*innen sehen die jeweiligen (und bislang ausschließlich männlichen) Amtsinhaber als moralische Autorität, die über der als selbstsüchtig wahrgenommenen Politikszene in der Hauptstadt steht. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Personen, die es ausfüllen. Dies erklärt das weit verbreitete Entsetzen, als der frühere und inzwischen verstorbene Skandal-Ministerpräsident Silvio Berlusconi vor vier Jahren Ambitionen auf das höchste Amt im Staate zeigte. Doch das ist eine andere Geschichte.
Ein Staatschef mit inneren Widersprüchen
Um die hohen Erwartungen, die Italiens Staatschef ausgesetzt ist und die er an sich selbst stellt, kreist Paolo Sorrentinos neuer Kinofilm „La Grazia“. Aber auch um dessen Ambivalenzen. Der italienische Regisseur und Drehbuchautor bewegt sich auf vertrautem Terrain. In seiner düsteren Filmbiografie „Il Divo“ (2008) hatte er sich an Giulio Andreotti, dem „Paten“ der italienischen Politik und mehrfachen Ministerpräsidenten, abgearbeitet. In seinem neuen Film geht es um eine fiktive Figur. Und doch sind Bezüge zur Realität allgegenwärtig.
Der Filmtitel bezieht sich auf die „Anmut des Zweifels“. Genau die hat sich Mariano De Santis zumindest nach außen hin nie geleistet. Nach einer Karriere als Richter und Rechtsprofessor sitzt er im Quirinalspalast, dem Amtssitz von Italiens Staatsoberhaupt in Rom. Das Vertrauen auf Gesetzestexte, ein konservatives Weltbild und seine Freundschaft mit dem Papst: Dieser klare Kompass hat sein Denken und Handeln über Jahrzehnte angeleitet. Dafür schätzen ihn seine Anhänger*innen. In seinem Stab ist er hingegen als „Betonkopf“ verschrien.
Doch nun naht das Ende seiner Amtszeit und es kommen einige Dinge ins Wanken. Seine Tochter und engste Mitarbeiterin Dorotea hat ein Gesetz zum Thema Sterbehilfe ausgearbeitet. Doch der gläubige Katholik zögert mit der Unterschrift, weil es seinem Image zuwiderlaufen könnte. Gleichzeitig muss er über zwei moralisch heikle Gnadengesuche entscheiden. In einem Fall hat ein Professor seine demente Ehefrau erdrosselt. In einem anderen hat eine Frau ihren Mann im Schlaf erstochen, nachdem sie jahrelang von ihm misshandelt worden war.
Eine vergangene Affäre lässt den Präsidenten nicht los
Diese Delikte aus dem Dunstkreis der Liebe weisen wiederum lose Verbindungen zum persönlichen Leben von De Santis auf: Vor 40 Jahren hatte seine verstorbene, von ihm noch immer innig geliebte Frau eine Affäre. Mit wem und unter welchen Umständen, kam nie heraus. Diese Wissenslücke ließ den Witwer nie los. Erneut drängt es ihn, die Sache aufzuklären.
Diese Handlungsstränge führt Sorrentino zu einer eher lyrischen als analytischen Erzählung über einen Menschen zusammen, der sich aus verschiedenen Gründen der Grenzen bisheriger Gewissheiten bewusst wird. Breiten Raum nimmt das Innenleben des Protagonisten ein. Wir begleiten De Santis, wenn er während einsamer Touren durch Palastflure seinen Gedanken und Sorgen nachhängt oder wenn er im Zwiegespräch mit einem Traumbild von seiner toten Frau ist.
Der Kontakt mit der Außenwelt erscheint zunächst überwiegend als Strapaze, sei es nur die tägliche Routine als Präsident der Republik. Doch irgendwann kommt der Punkt, wo De Santis neuen Mut findet und der Zweifel beziehungsweise das Abweichen von vermeintlichen Glaubenssätzen als Chance erscheint.
Die Grenzen zwischen Fantasie und Realität verschwimmen
Dem lyrischen Ansatz entsprechend, lebt dieser Film mehr von Stimmungen und Andeutungen als von auf Eindeutigkeit abzielenden Dialogen. Im Gegensatz zu seiner Entourage bleibt De Santis oft einsilbig. Vielsagend, aber auch vieldeutig sind die bisweilen magischen Bilder, die Sorrentino gefunden hat, um zu illustrieren, was in De Dantis vorgeht. Mitunter verschwimmen die Grenzen zwischen Fantasie und Realität.
Im Kontrast dazu steht die ebenso stoische wie ausdrucksstarke Mimik von Hauptdarsteller Toni Servillo. Wie zuvor als Andreotti in „Il Divo“ umgibt ihn die Aura eines charismatischen Stummfilmstars. Wenn diese scheinbar monolithische Fassade wackelt, kommen meist ganz große Momente.
Für Sorrentino und Servillo ist „La Grazia“ die siebte Zusammenarbeit. Fast könnte man meinen, der Film sei auf Servillo zugeschnitten. An einigen Stellen wirken Bildsprache und Ästhetik etwas routiniert, wenngleich gerade die Tonalität der emotionalen Momente überzeugt.
Die Einladung lohnt sich
„La Grazia“ soll zeigen, warum es gerade für Politiker*innen darauf ankommt, sich auf Zweifel einzulassen, anstatt, wie es Sorrentino formuliert, „plumpe Bündel von Gewissheiten oder hohle Posen zu präsentieren, die nur Schaden, Reibung und Groll produzieren“. Letztendlich geht es um Verantwortung, so der Filmemacher. „La Grazia“ ist eine Einladung, sich näher mit diesem Anliegen zu beschäftigen. Es lohnt sich, sie anzunehmen.
„La Grazia“ (Italien 2025), ein Film von Paolo Sorrentino, mit Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque, Massimo Venturiello u.a.,131 Minuten.
Im Kino
Weitere Informationen unter mubi.com