Kultur

Film „Chronos“: Eine Reise in die Ukraine zwischen gestern und morgen

16. März 2026 12:24:45
Menschen aus Ländern zwischen Ostsee und Schwarzem Meer blicken auf sich und ihre Heimat: Für seinen Dokumentarfilm „Chronos“ reiste Regisseur Volker Koepp erneut in einen besonders geprüften Teil Europas.
Die Memel inspirierte Volker Koepp zu seinem Film "Chronos"

Für die Griechen trug die Memel den Namen des Gottes der Zeit: Chronos.

Es gibt Landstriche, die einen Menschen nie wieder loslassen. Für den Dokumentarfilmer Volker Koepp ist dies die Region zwischen Ostsee und Schwarzem Meer. Griech*innen, Römer*innen und Byzantiner*innen nannten die Gegend „Sarmatien“. Seit den 1970er-Jahren zog es Koepp immer wieder dorthin, um Menschen und Orte zu porträtieren, unter anderem für den Film „In Sarmatien“ (2014), inspiriert von Johann Bobrowskis Gedicht „Das Land Sarmatien“.

Der Krieg machte den Drehplan zunichte

In seinem neuen Film „Chronos“ blickt Koepp erneut auf die Region, die seit Russlands Vollinvasion in der Ukraine und den zunehmenden Spannungen zwischen Moskau und der EU mehr denn je öffentliche Aufmerksamkeit findet. Eigentlich hatte der vielfach ausgezeichnete Regisseur und Drehbuchautor geplant, die Stationen von „In Sarmatien“ in umgekehrter Reihenfolge, also von der ukrainischen Schwarzmeerküste bis in die russische Exklave Kaliningrad, aufzusuchen. 

Doch daraus wurde nichts. 2019 begann der heute 82-Jährige mit den Dreharbeiten, die sich über fünf Jahre hinzogen. 2020 kam die Corona-Pandemie. Zwei Jahre später ließ der russische Diktator Wladimir Putin die gesamte Ukraine angreifen. Eine erneute Reise nach Russland war so gut wie unmöglich und Koepp musste umplanen. Somit legte er den Schwerpunkt komplett auf die Ukraine, wobei aber auch Menschen aus Belarus und Moldawien zu Wort kommen.

Zu Beginn des Films windet sich ein träger Fluss durch flaches Land: Es ist die Memel. Auf Landkarten aus der griechischen Antike trägt sie den Namen „Chronos“, so wie der Gott der Zeit. Letztere spielt in dieser Erzählung eine zentrale Rolle. Mit der Kamera besuchte Koepp einige Protagonist*innen seiner früheren Filme, darunter  „Dieses Jahr in Czernowitz“ (2003). In seinem neuen Film greift er einige dieser Fäden wieder auf. Insofern ist „Chronos“ auch ein (erneuter) Rückblick auf sein eigenes Schaffen.

Das leidgeprüfte Herz von Europa

Was ist in all den Jahren aus diesen Menschen geworden? Wie blicken sie heute auf sich und ihre Heimat, die im vergangenen Jahrhundert besonders massiv von Krieg, Holocaust und den Repressionen des stalinistischen Sowjetsystems betroffen war, wie der Historiker Timothy Snyder in seinem Buch „Bloodlands“ beschrieben hat? Und die seit 2014, als Russland die Krim besetzte und die Kämpfe im Osten der Ukraine begannen, erneut zum Schauplatz eines blutigen Konflikts geworden ist? Wie viel Erinnerung steckt in der Gegenwart? 

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All dies schwingt mit in den Gesprächen, die Koepp mit Menschen geführt hat, die in jenem Sarmatien ihre Wurzeln haben. Die meisten Gesprächspartner*innen leben mittlerweile in Deutschland, daher wurden viele Begegnungen dort eingefangen. Oftmals begegnen sie uns auch in Ausschnitten aus vergangenen Werken Koepps.

Es sind Menschen wie Tetyana Hoggan-Klouber, die bereits in „In Sarmatien“ aufgetreten war. Ihr begegnen wir auf verschiedenen Zeitebenen. In den Szenen mit der nahe dem westukrainischen Czernowitz aufgewachsenen Frau verdichten sich die Hoffnungen, aber auch Ängste und sonstige leidvolle Erfahrungen vieler Ukrainer*innen, und zwar nicht nur ihrer Generation. 

Wo ist der Platz der Ukraine in Europa?

Im Jahr 2012 sehen wir sie im sommerlichen Garten ihrer Eltern. Bei Tee und Kuchen philosophiert ihr Vater über die Zukunft der Ukraine und ihren Platz in Europa. „Ein Teil Europas wird die Ukraine erst nach einem Beitritt zur EU sein, doch das wird wohl noch 20 Jahre dauern“, sagt er. 

In einer anderen Szene sehen wir Hoggan-Klouber, nunmehr Uni-Dozentin, auf einem Marktplatz in Augsburg. Dort lebt sie seit einigen Jahren mit ihren drei Kindern. Kurz nach dem Großangriff Russlands auf die Ukraine nimmt sie an einer Mahnwache teil. Ihr Schmerz, aber auch ihr Trotz, sind mit Händen zu greifen. 

Zeitzeug*innen aus Filmen aus den 90er-Jahren tauchen ausschließlich in Originalszenen auf, die Koepp eingebaut hat. Was zwei alte Damen damals über antisemitische Gewalt während des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine berichteten, hat nichts von seiner Eindringlichkeit und bedrückenden Wirkung verloren.

Wie ein Reisender durch die Zeit

Mit Blick auf die Entwicklung dieses weiten Raumes im östlichen Europa gab es für Koepp nichts zu beschönigen. Während der Gespräche, die mehr mit einem freien Strom von Gedanken und Gefühlen als mit einem strukturierten Interview zu tun haben, versucht er sich meist als neutraler Beobachter, ähnlich einem Reisenden durch die Zeit. Einmal allerdings verlässt Koepp diese Position.

Stets ist seine tiefe Verbundenheit mit Menschen, Orten und Landschaften spürbar. Und sein Entsetzen über Russlands Krieg gegen die Ukraine. Wenn er minutenlang das nächtliche Czernowitz bei Luftalarm zeigt, gefilmt mit einem Smartphone vom Hotelzimmer aus, ist in diesem ungewöhnlich langem und häufig fragmentarisch erzähltem, aber sehr berührendem Film alles gesagt. 

„Chronos – Fluss der Zeit“ (Deutschland 2026), ein Film von Volker Koepp, ca. 196 Minuten.

Im Kino

Weitere Infos unter salzgeber.de

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