Berlinale-Sieger „Gelbe Briefe“: Der richtige Film zur richtigen Zeit
FISCHERTGO
In „Gelbe Briefe“ müssen sich die Eheleute Derya (links, gespielt von Özgü Namal) und Aziz (rechts, gespielt von Tansu Biçer) entscheiden, wie viel ihnen ihre politischen Ideale wert sind.
Auf der diesjährigen Berlinale gewann mit „Gelbe Briefe“ ein Film den Goldenen Bären, der zeigt, wie im autokratischen System der Türkei politischer Druck auf Kulturschaffende ausgeübt wird. Wenige Tage nachdem Regisseur İlker Çatak den Preis entgegennahm, gehen dann Gerüchte um, der parteilose Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wolle Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle absetzen. Der Grund, offenbar: Immer wieder wurde der Nahost-Konflikt auf der Berlinale thematisiert, mehrere Filmschaffende äußerten sich kritisch zur deutschen Nahost-Politik.
„Gelbe Briefe“ von İlker Çatak: Deutschland als Bühne für eine fiktive Türkei
Auch wenn Tricia Tuttle nun letztendlich ihren Job behalten wird, scheint es ironisch, dass auch „Gelbe Briefe“ direkt in den ersten Minuten – wenn auch sehr subtil – bei einer Solidaritätsdemo für Palästina in Berlin ansetzt. Denn der Film spielt zwar in der Türkei, wurde aber in Deutschland gedreht. Çataks Film geht damit transparent um, indem die Hinweise „Berlin als Ankara“ und später „Hamburg als Istanbul“ eingeblendet werden – doch gerade wer den Film in der türkischen Originalfassung schaut, wird sich kurz wundern, wenn für wenige Sekunden zu sehen ist, wie Männer in Uniformen mit dem Aufdruck „Polizei“ die Demo überwachen.
Schnell wird also deutlich, dass auch in dieser Welt von „Gelbe Briefe“, irgendwo zwischen Berlin und Ankara, Themen rund um Krieg und Frieden die Gesellschaft polarisieren. Denn Protagonist Aziz (gespielt von Tansu Biçer), Theaterregisseur und Dozent an einer Universität, gerät, wie auch einige Dozenten-Kolleg*innen, ins Visier des Staates. Sie werden von der Universität suspendiert, wohl wegen „unserer Haltung zum Krieg“, wie einer seiner Kollegen vage mutmaßt. Auch ihre Büros werden durchsucht.
Gleichzeitig gerät auch das Theater, an dem Aziz‘ Theaterstück mit seiner Frau Derya (gespielt von Özgü Namal) in der Hauptrolle aufgeführt wird, unter Druck – das Stück wird abgesetzt und somit ist auch Derya ihren Job los.
Die Grenze zwischen privatem und politischem verschwimmt
Als sich dann auch noch die Polizei bei ihrem Vermieter nach ihnen erkundigt, ist für das Ehepaar klar, dass sie Ankara verlassen müssen. Gemeinsam mit ihrer Teenager-Tochter Ezgi (gespielt von Leyla Smyrna Cabas) ziehen sie nach Istanbul zu Aziz‘ Mutter.
In diesem Ausnahmezustand sind Derya und Aziz mit grundlegenden Fragen konfrontiert: Wie viel Widerstand ist man bereit zu leisten? Und welchen Wert haben die eigenen politischen Ideale noch, wenn die eigene Lebensgrundlage dadurch plötzlich gefährdet ist? Und was überwiegt für Künstler*innen am Ende: die gesellschaftliche Verantwortung oder die private, etwa für die eigene Familie? Wo hier das Private beginnt, und wo das Politische aufhört, wird immer schwieriger auszumachen.
Das Ehepaar entspricht dabei keineswegs dem Prototyp „mutiger Kämpfer im Widerstand“, was den Film umso interessanter macht. Mit Aziz und Derya als Protagonist*innen zeichnet Regisseur İlker Çatak auf ehrlichste Art und Weise zwei Menschen die nicht nur mit der Welt um sie herum hadern, sondern auch mit ihrer Rolle als Künstler*in sich selbst. Dabei bleibt es den Zuschauer*innen bis zuletzt selbst überlassen, sich mal in der Positionierung des idealistischen Aziz und mal in der pragmatischeren Derya wiederzufinden.
Berlinale-Sieg für „Gelbe Briefe“ absolut gerechtfertigt
Çatak erzählt die Geschichte des Ehepaars dabei mit einer klaren Liebe zum Detail. Viele Drehorte lassen sich bei genauerem Hinsehen klar in Deutschland verorten – wodurch es ihm gelingt, eine klare Universalität der Handlung herzustellen, die trotzdem immer klar in der Türkei verortet bleibt.
Die Filmmusik und der subtile Spannungsbogen tragen ihr Übriges dazu bei, dass man „Gelbe Briefe“ trotz einzelner Längen in der Erzählstruktur die vollen 128 Minuten durchaus gerne schaut. Allein um zu entdecken, wie viel Türkei in Deutschland steckt: Das kann als Hinweis sowohl auf die vielen Orte der türkischen Community als auch auf die erschreckenden Warnungen hinsichtlich der autoritären Tendenzen in Deutschland verstanden werden.
Den Goldenen Bären hat „Gelbe Briefe“ absolut zurecht gewonnen, so viel dürfte feststehen. Mit Blick auf die bisherige Amtszeit von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der vor allem durch (versuchte) Eingriffe in die Kunst- und Kulturszene Deutschlands auffiel, bleibt nach dem Kinobesuch jedoch vor allem die Frage, wie lange Filme wie „Gelbe Briefe“ wohl noch auf derartige Auszeichnungen hoffen dürfen.
„Gelbe Briefe“ (Deutschland, Frankreich, Türkei 2026), ein Film von İlker Çatak, mit Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas u.a., 128 Minuten, FSK ab 12.
Im Kino
Weitere Informationen unter alamodefilm.de.