SPDqueer nach Anschlag auf den CSD: „Ihr kriegt uns nicht stumm“
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Erinnerung an die Anschlagsopfer in Berlin: aufpassen, dass die Debatte nicht versandet.
Wie habt ihr vom Anschlag auf den Berliner CSD am vergangenen Samstag erfahren?
Carola Ebhardt: Ich war gerade bei der „Pride Night“, die der Auftakt des Hamburger CSD am kommenden Wochenende ist. In dem Moment als Maren Kroymann gerade ihre Dankesrede für den Ehren-Pride-Award hielt und sagte, sie komme ja aus Berlin, kam die Push-Nachricht bei mir an, dass jemand mit einem Auto in den CSD gefahren ist. Ich bin dann mit einigen anderen rausgegangen und vor der Tür standen schon Leute und weinten. Uns allen war klar: Die haben uns gemeint, die haben mich gemeint.
„Als ich von dem Anschlag auf den CSD erfahren habe, habe ich geweint.“
Oliver Strotzer: Ich war den Tag über in Berlin gewesen und hatte vormittags am Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen für die SPDqueer einen Kranz niedergelegt – also ganz in der Nähe der Stelle, an der wenige Stunden später der Anschlag stattfand. Zu dem Zeitpunkt war ich schon wieder in Leipzig, nachdem ich den CSD etwa um 16 Uhr verlassen hatte. Als ich von dem Anschlag erfahren habe, habe ich geweint, weil mir bewusst geworden ist, dass diejenigen, mit denen ich kurz zuvor noch demonstriert hatte, in Lebensgefahr gewesen sind.
Wie sind ein paar Tage später die Gefühle in der queeren Community?
Carola Ebhardt: Zuerst war da vor allem Trauer. Am Sonntag gab es ja gleich in vielen Städten Gedenkveranstaltungen, zu denen glücklicherweise sehr viele Menschen gekommen sind. Hier waren auch trotzige Stimmen zu hören, die deutlich gemacht haben, dass wir jetzt zusammenhalten müssen und uns nicht unterkriegen lassen dürfen. Inzwischen schlägt die Trauer etwas in Wut um, Wut darüber, wie diese Tat von einigen politischen Kräften instrumentalisiert wird. Auch der Bundeskanzler hat, wie es leider zu erwarten war, hier keine gute Figur abgegeben.
„Islamismus ist ein Problem und eine Gefahr, nicht nur für unsere Community, sondern für die ganze Gesellschaft.“
Oliver Strotzer: Viele Menschen beschäftigt, wie unterschiedlich die Tat interpretiert wird. Von rechter und rechtskonservativer Seite wird mal wieder die Keule zum Thema Migration und zum Umgang mit dem Islam geschwungen. Gleichzeitig nehme ich auf der linken Seite Tendenzen wahr, auszublenden, dass es sich hier um einen islamistischen Anschlag gehandelt hat. Beides wird den Umständen nicht gerecht.
Inwiefern?
Oliver Strotzer: Islamismus ist ein Problem und eine Gefahr, nicht nur für unsere Community, sondern für die ganze Gesellschaft. Das muss ganz klar benannt werden und wir müssen daraus auch Konsequenzen ziehen und Vorschläge machen, wie wir dieses Gift aus unserer Gesellschaft bekommen. Gleichzeitig dürfen wir die Rechten und die Konservativen nicht aus der Verantwortung entlassen. Denn auch sie haben gezündelt und gezielt gegen den CSD Stimmung gemacht.
„Wichtig ist, dass den Worten nun auch Taten folgen und die queere Community endlich wirksam geschützt wird.“
Gewalt gegen queere Menschen nimmt seit Jahren zu, wurde bisher allerdings mehr oder weniger achselzuckend zur Kenntnis genommen. Kann die Tat vom vergangenen Samstag ein Wendepunkt sein?
Carola Ebhardt: Das wäre schön. In jedem Fall müssen wir aufpassen, dass die Debatte nicht versandet. Aus der SPD haben wir sehr viele Nachrichten erhalten, was uns sehr gefreut hat. Und einige wie Generalsekretär Tim Klüssendorf und der Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch haben sich auch spontan für den CSD am Wochenende in Hamburg angemeldet. Wichtig ist, dass den Worten nun auch Taten folgen und die queere Community endlich wirksam geschützt wird. Die Ergänzung von Artikel 3 des Grundgesetzes um die sexuelle Identität wäre ein wichtiger Schritt. Hier könnte Friedrich Merz auch zeigen, dass er ernst meint, was er beim Trauergottesdienst in Berlin über den Schutz der queeren Community gesagt hat.
Oliver Strotzer: Ebenso wichtig wäre, dass die angekündigten Kürzungen bei queeren Projekten und der Demokratieförderung zurückgenommen werden, etwa beim queeren Jungendverband „Lambda“. Allen muss klar sein, dass jetzt nicht die Zeit ist für einen Kulturkampf, sondern dass wir gegen die Feinde unserer freien Gesellschaft zusammenstehen müssen. Ich hoffe sehr, die CDU um Friedrich Merz und Karin Prien versteht das.
„Ich bin fest davon überzeugt, dass es am kommenden Wochenende in Hamburg einen neuen Teilnehmerrekord beim CSD geben wird.“
Am kommenden Wochenende steht in Hamburg bereits der nächste CSD an. An den folgenden Wochenenden dann z.B. auch in Nürnberg, Lübeck oder Münster. Welches Signal sollte von diesen CSDs ausgehen?
Carola Ebhardt: Nach dem Anschlag von Berlin ist es jetzt besonders wichtig, sichtbar zu sein und das Signal zu senden: Ihr kriegt uns nicht stumm, ihr krieg uns nicht klein. Ich verstehe jeden, der Angst hat, jetzt an einem CSD teilzunehmen, aber wer schon immer mal mit dem Gedanken gespielt hat, an einem CSD teilzunehmen: Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt dafür.
Oliver Strotzer: Genau so ist es. Ich bin fest davon überzeugt, dass es am kommenden Wochenende in Hamburg einen neuen Teilnehmerrekord geben wird, auch wenn der Grund sehr traurig ist. Die CSD-Bewegung ist die größte Menschenrechtsbewegung in unserem Land und bringt jedes Jahr mehr Menschen auf die Straße als jede andere Kundgebung oder politische Demonstration. Ich würde mir wünschen, dass das auch von politischen Entscheidungsträgern noch stärker wahrgenommen wird.
Carola Ebhardt: Für viele queere Menschen ist ein CSD auch ein Safe Space, in dem sie sein können, wie sie sind. Durch den schrecklichen Anschlag ist das in Gefahr und wir müssen ihn uns zurückholen. Irgendjemand hat in den vergangenen Tagen gesagt, wir dürfen uns nicht entscheiden müssen zwischen Sichtbarkeit und Sicherheit. Ich finde, das bringt es sehr gut auf den Punkt.
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.