Inland

Kampf gegen Kinderarmut: „Wir müssen jedes Kind wie einen König behandeln“

1. Juni 2026 10:20:27
Jedes siebte Kind in Deutschland ist von Armut bedroht. Der Berliner Verein „Die Arche“ will Mädchen und Jungen dagegen stark machen. Arche-Sprecher Wolfgang Büscher erklärt, wie das geht – und was Politik und Gesellschaft ändern müssen.
Zwei Mädchen im Clubraum des Vereins Die Arche in Berlin

Anlaufstelle an einem sozialen Brennpunkt: Zwei Mädchen im Clubraum des Vereins Die Arche in Berlin-Hellersdorf.

Seit 30 Jahren engagiert sich der Verein Die Arche gegen Kinderarmut in Deutschland. Wie viele Gespräche mit Politiker*innen haben Sie schon geführt? 

Sehr viele. Alle waren bei uns in der Arche zu Besuch und danach waren sie wieder weg. Das sich nichts ändert, das erschüttert mich. Denn unsere Kinder sind unsere Ressource. Wenn wir uns weiterhin so wenig um sie kümmern, gehen wir als Land kaputt. Das versuche ich zu vermitteln. 

Laut aktueller Unicef-Studie steht es um das Wohlbefinden von Kindern in Deutschland schlecht. Was fehlt den Kindern, die in ihre Einrichtungen kommen, am meisten? 

Wir merken, dass viele in der Schule nicht richtig gefördert werden. Hinzu kommt, dass ihre Schulen schlecht ausgestattet sind und sie zu wenig Lehrpersonal haben. Gleichzeitig sind die Lehrer enorm belastet. Mir hat kürzlich ein Lehrer erzählt, dass er gar keine Zeit hat, den Kindern Wissen zu vermitteln, weil er viele Dinge zu tun hat, die normalerweise das Elternhaus macht. Aber auch gesundheitlich sind die Kinder angeschlagen. 

Kinderarmut und Gesundheit: Welche Folgen das für Kinder hat

Wie wirkt sich Armut auf die Gesundheit aus? 

Wer wenig Geld hat, ernährt sich schlecht, beispielsweise mit den billigsten Nahrungsmitteln aus Supermärkten. Das macht etwas mit einem, wenn ich damit als Baby anfange. Manche Kinder sind ausgemergelt, manche zu dick, bei manchen sind die Zähne schlecht. Kinder brauchen ein gutes Essen und auch mal einen Urlaub. Und sie brauchen gute Bildung. 

Für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen ist Nachhilfe zu teuer

Weil auch die Chancen für Kinder aus finanziell schwierigen Verhältnissen schlechter sind? 

Das sieht man schon, wenn wir einen Blick auf den Chancenmonitor werfen, der im Auftrag von „Ein Herz für Kinder“ kürzlich vorgestellt wurde. 

Danach gehen bei einem Familieneinkommen von rund 25.000 Euro jährlich nur 25 Prozent der Kinder aufs Gymnasium. Bei einem Nettoeinkommen von 35.000 Euro sind es schon 30 Prozent. Und von den Eltern, die über 60.000 Euro netto verdienen, gehen 65 bis 70 Prozent der Kinder aufs Gymnasium. Viele Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen scheitern in der Schule, Nachhilfeunterricht ist zu teuer. Am Ende verlassen 65.000 Kinder die Schule ohne Abschluss. Das geht so nicht. Vielmehr müssen wir uns um jedes Kind kümmern. Das machen wir als Arche.  

Arche gegen Kinderarmut: Wie der Verein Kinder stärkt

Was ist das Besondere an der Arbeit der Arche? 

Alle unsere Pädagoginnen und Pädagogen sind Ansprechpartnerin und Ansprechpartner für unsere Kinder. Da können sie sich ausweinen, schimpfen, über Probleme in der Schule sprechen. Dann reden wir mir den Lehrerinnen und Lehrern an den Schulen. Darauf bin ich sehr stolz. Aber das ist auch sehr personalintensiv.  Manchmal braucht es eine Eins-zu-eins-Betreuung. Aber so machen wir Kinder stark. 

Mir hat einmal ein früherer finnischer Bildungsminister erklärt, dass wir einiges in Deutschland falsch machen. „Ihr müsst jedes Kind wie ein König oder eine Königin behandeln“, sagte er. Das gilt bis heute in Skandinavien, aber auch in den Niederlanden und in Irland. Überall dort, wo die Kinder stark sind. So machen wir das in der Arche. Aber das kostet Geld.  

Bildung gegen Kinderarmut: Was Deutschland besser machen muss

Wie wird das finanziert? 

Aus Spenden. Wir suchen uns Partner, die uns unterstützen. Oder wenden uns an Stiftungen, wenn wir beispielsweise eine Reise an die Ostsee machen wollen. Wir brauchen in diesem Jahr 28 Millionen Euro für die Betreuung. 

Wir müssen die Stärken der Kinder suchen und nicht die Schwächen

Was können wir als Land besser machen? 

Es ist wichtig, dass wir in die Schulen gehen. Wir müssen unser Bildungssystem ändern. Der frühere US-Präsident John F. Kennedy hat einmal gesagt, dass es nur eines gibt, was teurer ist als Bildung: Das ist keine Bildung. Wir brauchen mehr Lehrpersonal und mehr Erzieherinnen und Erzieher. Wir müssen auf die Kinder eingehen, die Stärken suchen und nicht die Schwächen. Für all das können wir uns das Schulsystem in Skandinavien, in Irland und den Niederlanden zum Vorbild nehmen. Wir sollten es diesen Ländern gleichmachen. Denn hinter jeder einzelnen Geschichte steht auch ein Schicksal.  

Engagiert für Kinder in Not: 

Der Verein Die Arche – Christliches Kinder- und Jugendwerk ist ein evangelisches Hilfswerk, das sich für sozial benachteiligte Kinder einsetzt. Gegründet wurde es 1995 in Berlin. Die Arche betreibt Freizeiteinrichtungen und Schulbetreuung an 35 Standorten in Deutschland. Weitere Ableger gibt es in Polen, der Schweiz und Tansania. 

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Vera Rosigkeit

hat Politikwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert und ist Redakteurin beim vorwärts.

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