Geschichte

Kriegsende am 8. Mai: Was das „Nie wieder!“ bedeutet

„Nie wieder!“ Seit dem Ende der Naziherrschaft sind die zwei Worte ein klares Bekenntnis gegen den Krieg. Doch woher kommen sie? Eine Spurensuche
von Oliver Gaida · 8. Mai 2024
Nie wieder Krieg! Diese Forderung hat zurzeit traurige Aktualität, wie bei dieser Friedensdemo in Göttingen.
Nie wieder Krieg! Diese Forderung hat zurzeit traurige Aktualität, wie bei dieser Friedensdemo in Göttingen.

Zwei Worte, die am 8. Mai, dem Gedenktag an das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, jährlich fallen, lauten: Nie wieder! Dabei beziehen sie sich aber nicht nur auf diesen Tag, an dem an die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht und der Befreiung vom Nationalsozialismus erinnerte wird. Sie sind zu einem Fixpunkt für Gedenkreden und Mahnmale geworden.

Der Bundeskanzler baute sie in seine Ansprache am 8. Mai ein, der Bundespräsident verwendete sie, als er an der Holocaust-Gedenkstätte in Yad Vashem in Israel sprach, oder die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer richtete sie an ihr Publikum, als sie vor dem Europäischen Parlament redete.

Ursprung: Der Buchenwald-Schwur

Diesen eindringlichen Ausruf „Nie wieder“ begegnen Besucherinnen und Besucher auch in diversen Gedenkstätten: In mehreren Sprachen in Stein gehauen steht es am Mahnmal des ehemaligen Vernichtungslagers Treblinka nahe Warschau, in dem die SS schätzungsweise über 800.000 Menschen in Gaskammern ermorden ließ. Die meisten der Ermordeten waren Jüdinnen und Juden. Ebenso sind die Worte in der KZ-Gedenkstätte Dachau bei München und an weiteren NS-Gedenkorten in Europa zu lesen.

Diese europaweit und darüber hinaus verständliche Formel wird meist auf den sogenannten Buchenwald-Schwur zurückgeführt: Am 19. April 1945, also nur wenige Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch die amerikanischen Truppen, versammelten sich auf dem ehemaligen Appellplatz des Lagers Überlebende. Sie hielten die erste Trauerfeier für die Toten des Lagers ab und weihten ein provisorisches Denkmal für sie ein. Ihr Gelöbnis, gemeinsam die Grundlagen der NS-Verbrechen zu bekämpfen, legten sie in zahlreichen Sprachen ab. Laut des ehemaligen Buchenwald-Häftlings Heinz Brandt haben die Teilnehmenden auf dieser Gedenkversammlung lautstark „Nie wieder“ skandiert.

Nie wieder Faschismus. Nie wieder Krieg.

Das „Nie wieder“ bezog sich dabei in erster Linie auf den „Nie wieder Faschismus“, darauf folgte die weitere Bedeutung „Nie wieder Krieg“. Nationalsozialismus und ihr Angriffskrieg hingen damals freilich untrennbar zusammen. Die beiden Ziele können sich aber durchaus widersprechen – zum Beispiel: Soll Krieg geführt werden, um einen Faschismus zu bezwingen?

Das Ziel, dass sich der Nationalsozialismus und seine Verbrechen auf keinen Fall wiederholen dürfe, drückte der Philosophen Theodor W. Adorno mit einem ähnlichen Leitsatz aus: „Dass Auschwitz nicht noch einmal sei“. Auschwitz steht dabei stellvertretend für den gesamten Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Adorno, der selbst vor den Nationalsozialisten in die USA geflohen war, erhob genau diesen Satz zum obersten Ziel einer Erziehung nach dem Holocaust.

Wichtiger Bestandteil der Gedenkkultur

Wie so oft bei gängigen Formulierungen gibt es noch ältere und weniger bekannte Bedeutungen: So spielte das „Nie wieder“ für einige Jüdinnen und Juden auch vor 1945 bereits eine große Rolle. Sie dachten dabei an den Dichter Yitzhak Lamdan, der schon 1927 den Vers „Masada darf nie wieder fallen“ niederschrieb. Masada war eine antike Festung in Judäa, die römische Truppen nach schweren Kämpfen einnahmen. Dieses Ereignis bedeutete die Niederlage für die damalige jüdische Bevölkerung. Auf diese Schlacht und dieses Gedicht bezogen sich Jüdinnen und Juden im Warschauer Ghetto, als sie sich 1943 – ebenfalls an einem 19. April – zu einem verzweifelten Aufstand gegen die Nationalsozialisten erhoben. Sie kämpften aussichtslos gegen die laufenden Deportationen, deren Ziel unter anderem das Vernichtungslager Treblinka war.

Die Worte „Nie wieder“ werden inzwischen auf unterschiedliche Gewaltverbrechen angewandt. Im Kern sind sie – und sollten es auch sein – auf die nationalsozialistischen Verbrechen bezogen. Sie haben sich – wenn auch unterschiedlich ausgelegt – zu einem wichtigen Bestandteil einer Gesellschaften übergreifenden Gedenkkultur entwickelt.

Autor*in
Oliver Gaida

ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie Doktorand an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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2 Kommentare

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Do., 09.05.2024 - 15:20

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Oiver Gaida, Historiker, zeigt in seinem kurzen Artikel, wie sich zwei Worte „zu einem wichtigen Bestandteil einer Gesellschaften übergreifenden Gedenkkultur entwickelt“ konnten. Aus „nie wieder!“ wurde ein „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ (oder „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“), und damit das Paradox, Faschismus - vielleicht - doch durch Krieg bekämpfen zu sollen. Seine Spurensuche zum 8. Mai beginnt Gaida aber mit der Verknüpfung von „Nie wieder!“ mit der Verbindung zur „bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und der Befreiung vom Nationalsozialismus“. (Auch wenn man den Satz im Text mehrmals liest, findet man nicht heraus, wer am 8.5.1945 vom „Nationalsozialismus befreit“ worden ist.) Befreit vom Nationalsozialismus wurden natürlich wir, die Deutschen.

Deutsche Soldaten haben im Zweiten Weltkrieg überall in Europa getötet; vielleicht nicht in Spanien und Portugal, dafür aber in Nordafrika, in der Ukraine und kurz vor Moskau. Insgesamt 60 – 70 Millionen Menschen wurden getötet, nahezu alle europäischen Juden .
Die deutschen katholischen Bischöfe wussten 1945 noch, dass zwischen den Deutschen und dem Nazi-Regime keine deutliche Trennung bestand, denn „viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen“; sie begannen aber die Trennung von Volk und Naziherrschaft, indem sie feststellten, dass „die Parteizugehörigkeit oftmals nicht eine innere Zustimmung zu den furchtbaren Taten des Regimes bedeutete. Gar mancher trat ein in Unkenntnis des Treibens und der Ziele der Partei, gar mancher gezwungen, gar mancher auch in der guten Absicht Böses zu verhüten“ (Hirtenbreif vom 23.8.1945). Diese vorsichtige Abkehr kulminierte in der berühmten Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1985), der den „8. Mai (zu) einem Tag der Befreiung“ machte, und „uns alle von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befreite“. Damit war vom Bundespräsidenten aus der (Kollektiv-) Schuld der Deutschen über die „Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit“ die „Erinnerungskultur“ gemacht worden (, lesenswert dazu Norbert Frei, Blätter ... 8(1923)68), die wir mit lobenswerter Hartnäckigkeit betreiben, ohne dass wir jedoch nationalsozialistische Ideen vollständig von unseren Mitmenschen, von uns, fernhalten können.

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Fr., 10.05.2024 - 14:19

Antwort auf von Rudolf Isfort (nicht überprüft)

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(Dazu der kleiner Rückblick eines Zeitzeugen, des allerdings nur die Erinnerungen seiner größeren Brüder (und Recherchen) zu seinen eigenen gemacht hat.)

Als am 30. März 1945 die Amerikaner Bottrop besetzten, vorab Panzer, hatten sich die Nazigrößen aus Partei und Verwaltung – auch „ein Teil der Beamten und Angestellten“ - bereits ins Münsterland, Sauerland oder Rheinland abgesetzt - völlig unbehelligt. Mit ihnen verschwanden auch Nachbarn aus vielen Straßen, z. B. die Familie S., Nachbarn der Familie H. Isfort auf der Aegidistraße. Frau S. erzählte stolz bereits kurz nach Kriegsbeginn ihren Nachbarn, „unser M. ist für den Führer gefallen“ – bis Kriegsende konnte sie das dreimal melden. Nachbar Anton K. verschwand, weil er fürchten musste, von ihm unterstellten Zwangsarbeitern erschlagen zu werden, die er immer mit einem Spitzhackenstiehl zur Arbeit angehalten hatte. Blockwarte, niedrigste Stufe der Partei-Hierarchie, die auf kurzen Straßenabschnitten auf Linientreue zu achten hatten, entfernten lediglich den Aushang für den „Stürmer“ vor ihrem (Miets)Haus. Am 9.4.45 lösten die Briten die Amerikaner ab.

Die Aufgabe der Briten war gigantisch, es fehlte an allem; die Lage der Bevölkerung war katastrophal. (Das muss hier reichen.)
Zur Information der Bevölkerung wurden von der Pressestelle der Stadt „Mitteilungsblätter“ im „Einvernehmen mit der Militärregierung“ herausgegeben und an ca. 100 Anschlagstellen, z. B. Lithfasssäulen, Zecheneingängen, ... ausgehängt. In der ersten Ausgabe (18.5.45) setzte - englisch und deutsch – die Militärregierung das "Nazi Law" außer Kraft. Die 55. Ausgabe (20.11.45) begann unter der Überschrift, „Der Wert des politischen Gedankens“, mit dem Satz: „Es gibt einen Mann, den die meisten Offiziere der Militärregierung in Deutschland gern treffen möchten. Und das ist ein Nazi.“. Sie fanden keinen, musste J. Spottiswoode, Colonel, mit Verwunderung und Verachtung feststellen – ich glaube, mehr mit Verachtung.