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Antisemitismus in Deutschland: Was dagegen getan werden kann

Zuletzt häuften sich antisemitische Vorfälle und Äußerungen in Deutschland. Im Kampf gegen Antisemitismus soll eine neue Plattform helfen, aber auch Bildungsangebote und mehr gesamtgesellschaftlicher Zusammenhalt.
von Jonas Jordan · 25. October 2023
Demonstration gegen Antisemitismus vor dem Brandenburger Tor in Berlin.
Demonstration gegen Antisemitismus vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

Einen besseren Zeitpunkt zum offiziellen Start der Plattform „OY VEY“ hätte es wohl kaum geben können. Denn seit dem terroristischen Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober häufen sich auch hierzulande antisemitische Äußerungen und Vorfälle. Das zentrale Ziel der Plattform ist, Gegenrede zu verschwörungsideologischen Inhalten online zu erleichtern. Denn: „Es gibt einen sehr engen Zusammenhang zwischen Verschwörungserzählungen auf der einen sowie Gewalt und Terror auf der anderen Seite“, macht Ronja Schonscheck deutlich. Sie ist wissenschaftliche Referentin des Vereins WerteInitiative, der hinter der Plattform steht.

Verschiedene Mittel im Kampf gegen Antisemitismus notwendig

Zur aktuellen Debatte über sogenannten importierten Antisemitismus sagt Schonscheck: „Es gibt einen sehr, sehr großen Anteil von hausgemachtem Antisemitismus in Deutschland.“ Notwendig sei, im Kampf gegen Antisemitismus zu differenzieren. Die Gegenmittel könnten und sollten je nach Kontext verschiedene sein, sagt sie und erläutert: „Es gibt einen Antisemitismus, der sich scheinbar auf den Koran begründet und eine muslimische Identität an die Feindschaft gegenüber Juden knüpft. Das ist ein ganz anderer Antisemitismus als der, der sich am deutschen Volk, das als germanisches, arisches, reines verstanden wird und sich irgendwie von dieser ,Verschmutzung' durch die Juden befreien muss. Das Ergebnis ist für Jüdinnen und Juden in Deutschland in weiten Teilen sehr ähnlich. Die Aufklärung, Bekämpfung und Bildung dagegen muss aber eine natürlich eine angepasste sein“, so Schonscheck.

Der Publizist Michel Friedmann forderte im Gespräch mit dem SPD-Vorsitzenden Lars Klingbeil am Stand des „vorwärts“ auf der Frankfurter Buchmesse gesamtgesellschaftliche Anstrengungen im Kampf gegen Antisemitismus. „Ich brauche keine Solidarität. Ich brauche die Empathie, dass wir alle am Ende unsere Identität nicht mehr leben können“, macht er deutlich. Ähnlich sieht das die Publizistin Sineb El Masrar, die kürzlich das Buch „Sind wir nicht alle ein bisschen Alman?“ veröffentlich hat.

Solidarität nicht mit Verschwörungserzählungen vermischen

„Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zurückentwickeln und diesen antidemokratischen und antisemitischen Tendenzen, die in vielen verschiedenen Auswüchsen existieren, mehr Raum geben. Wir sind als Gemeinschaft gemeinsam dafür verantwortlich, dass wir das hier gut hinkriegen, für uns, aber auch für die nachfolgende Generation“, forderte sie im Gespräch mit dem thüringischen Innenminister Georg Maier (SPD) auf der Buchmesse.

Aus ihrer Sicht vemische sich bei Solidaritätskundgebungen mit den Palästinenser*innen die Solidarität mit der Zivilbevölkerung in Gaza häufig mit verschiedensten Formen von Verschwörungserzählungen. Daher macht El Masrar deutlich: „Es muss uns als Muslimen gelingen, Juden nicht auszugrenzen, sondern uns von Extremisten abzugrenzen und zu erkennen, dass wir den Palästinensern nicht damit helfen, wenn wir auch noch extremistische Gruppierungen umarmen.“

Maier: „Antisemitismus ist im Vorwärtsgang unterwegs“

Für Georg Maier gehört die Bekämpfung von Antisemitismus zu seiner breiten Aufgabenpalette als Innenminister, wobei er auf der Buchmesse deutlich macht, dass er in Thüringen vor allem mit rechtsextremistisch motiviertem Antisemitismus zu tun hat. „Rechtsextremismus zu bekämpfen ist seit vielen Jahren eine meiner Hauptaufgaben“, sagte er. Gleichzeitig berichtete Maier, dass ihn die Umfragewerte und Wahlergebnisse der AfD mit Sorge erfüllten, „weil antisemitische Narrative und Verschwörungserzählungen eine Basis dieser Partei sind“. Maier erzählte: „Wir machen regelmäßig Untersuchungen in Thüringen, wie sich diese Narrative weiter durchsetzen und müssen leider feststellen: Das gewinnt an Boden. Der Antisemitismus ist nicht auf dem Rückzug. Er ist im Vorwärtsgang unterwegs.“

Umso wichtiger erscheinen Angebote wie die Plattform „OY VEY“, auf der Nutzer*innen breite Argumentationshilfen finden, um antisemitische Verschwörungserzählungen vor allem in den sozialen Medien zu kontern und eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

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Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

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