20. Todestag: Ein wenig Johannes Rau täte uns heute gut
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Bundespräsident Johannes Rau im Jahr 2001: Er zeigte Haltung ohne Säbelrasseln.
Wenige Tage nach dem Auftritt des US-Präsidenten beim Weltwirtschaftsforum in Davos gerät eine Würdigung des langjährigen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau zum Kraftakt. Der Kontrast könnte nicht größer sein zwischen einem Egomanen, der täglich aufs Neue jedes bisher gekannte Maß an Respektlosigkeit im eigenen Land ebenso wie gegenüber den ehedem engsten Partnern der USA sprengt, der zugleich nicht davor zurückschreckt, seinen Narzissmus mit einer hemmungslosen Verächtlichmachung Andersdenkender zu verbinden – und einem, dessen Lebensmotto „Versöhnen statt Spalten“, vor allem aber das erklärte Ideal war, „ohne Angst verschieden sein zu können“.
Vielerorts herrscht Schockstarre
Sind die Leitplanken eines Johannes Rau Schnee von gestern? Überholt? Nicht mehr realitätstauglich? Oder sind sie nicht gerade heute Aufruf und Handlungsoption zugleich?
Augenblicklich herrscht vielerorts Schockstarre. Angefangen bei den US-Demokraten, die kaum, dass sie begonnen haben, sich zu sortieren, von einem neuen Rausch der Grenzüber- oder besser -unterschreitung überrannt werden. Den Verbündeten und Handelspartnern geht es nicht anders. Die einen versuchen in einer beklemmenden Unterwürfigkeit, Schaden zu begrenzen, die anderen denken über das große Besteck nach, das man aus der Schublade holen müsse.
Haltung zeigen ohne Säbelrasseln
Da könnte man Johannes Rau mit dem Etikett des Appeasement-Politikers versehen, dem das Wogenglätten wichtiger war als Rückgrat zu bewahren und sich dem Sturm zu stellen.
Wer Johannes Rau kannte, weiß, was für eine grandiose Fehleinschätzung das wäre. Ja, Johannes Rau war selten laut. Von ihm stammt der Satz, dass sein Mittel der Auseinandersetzung im übertragenden Sinne „das Florett und nicht der schwere Säbel“ sei. Ein Verzicht auf die Durchsetzung der eigenen Position war das mitnichten. Versöhnen bedeute nicht, „die Soße der Harmonie“ über die Probleme dieser Welt zu gießen. Das waren keine hohlen Phrasen. Dem entsprach seine Haltung, und die zeigte er auch – eben nur ohne Säbelrasseln.
Sein offenes Auftreten verbunden mit Fingerspitzengefühl für sein Gegenüber und mit dem, was er „die Macht des Wortes“ nannte, haben ihm Möglichkeiten gegeben, Haltung zu zeigen und Themen anzusprechen, die viele lieber umschiffen. Dazu gehört Mut, den man heute gelegentlich als Mangelware empfinden kann – nicht nur gegenüber der derzeit vielleicht auffälligsten Missachtung moralischer und geopolitischer Grenzen in der einst für sakrosankt gehaltenen westlichen Hemisphäre.
Den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen
Eindrucksvoll war auch Raus Tischrede als Bundespräsident anlässlich des Abendessens zu Ehren des israelischen Staatspräsidenten Moshe Katsav am 9. Dezember 2002. Dort sagte er: „Terrorismus ist durch nichts zu rechtfertigen. Auch der Einsatz militärischer Mittel kann aber gewiss nur ultima ratio sein. … Jeder weiß doch, dass eine dauerhafte Lösung nur friedlich sein kann, mit Gewalt erzwingen lässt sie sich nicht, von keiner Seite.
Der jahrzehntelange Kampf um Sicherheit, unter ständiger Bedrohung, führt zu Verstrickung, vielleicht verengt er auch den Blick. … Rein militärisch ist das Nahostproblem nicht zu lösen. Der Teufelskreis der Gewalt muss durchbrochen werden. Zerstörung und Erniedrigung führen nicht weiter – sie schwächen nur die Friedenswilligen, und ohne sie lässt sich keine gute Zukunft für alle bauen.“ Zur Aktualität dieser Aussage für viele Orte weltweit muss man nichts sagen.
Ein klarer Standpunkt in Frageform
Nicht nur international hat Johannes Rau über den Tag hinausgewiesen. Er hat auch gesellschaftspolitisch Klartext geredet. Beim Jahreskongress des Wissenschaftszentrums NRW am 18. November 1997 nahm er die wachsende Unwucht in der Vermögensverteilung aufs Korn – lange bevor einige Wenige in vier Sekunden so viel verdienten wie ein Weltdurchschnittsbürger in einem Jahr:
„Wir kommen … dem Punkt näher, an dem wir fragen müssen, … ob nicht eine gleichmäßigere Verteilung – nicht nur der Lebenschancen, sondern auch der realen Lebensbedingungen – ein Wert ist, an dem es uns mangelt.“
Ein für ihn typisches Stilmittel, mit dem er unmissverständlich Position bezog, war die Formulierung eines klaren Standpunktes in Frageform, dem dann schnell ein Ausrufezeichen folgte:
„Für falsch, ja gefährlich halte ich die Vorstellung, dass eine Schwächung der Politik infolge der wirtschaftlichen Globalisierung ganz gut sei, weil die Politik entweder ohnehin versage oder zu viel Einfluss habe. Wenn wir den Primat … demokratisch legitimierter Politik insgesamt aufgäben – sei es in den Regionen, auf staatlicher oder auf internationaler Ebene, dann wäre das fatal.
Wenn die Menschen das Vertrauen in die politische Gestaltbarkeit ihrer wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Lebensbedingungen verlören, dann wäre auch die breite Zustimmung zu unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bedroht. Das wäre dann wahrhaft Staatsgefährdung durch Politikversagen.“
Ein Präsident von unerhörter Klarheit
Heribert Prantl, Kolumnist der „Süddeutschen Zeitung“, hat Raus Macht des Wortes 2004 zum Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten in seiner gewohnt pointierten Art kommentiert, überschrieben mit „Chapeau, Herr Präsident, adieu!“. Prantl beschreibt Johannes Rau als „einen unterschätzten Mann, der sich als ein Präsident von unerhörter Klarheit erwiesen“ habe. Mit dem bewusst doppeldeutig gewählten Wort „unerhört“. Wenn etwas zu bedauern ist, dann, dass Raus Klarheit nicht schon damals mehr Gehör gefunden hat.
Führen durch Überzeugen mittels menschlicher Autorität und unbeugsamer Haltung, dazu die Bereitschaft zum Schulterschluss nach einer wo nötig auch kontroversen Debatte anstatt eigenmächtig Fakten zu schaffen, das sind Eigenschaften, die ihren Wert auch zwanzig Jahre nach dem Tod des großen Sozialdemokraten Johannes Rau nicht verloren haben. Auch nicht als Bausteine für den Umgang mit den Mächtigen, die gerade dabei sind, das globale Zusammenleben nachhaltig zu zerrütten.
Heute fehlen uns leider Persönlichkeiten vom Schlage von Johannes Rau, abgesehen vom Verfasser dieses Beitrags, Norbert Walter-Borjans, den ich sehr schätze. Johannes Rau war ein Mann des Ausgleichs und betonte nach seiner Wahl zum Bundespräsident, der Präsident aller zu sein. Neben Johannes Rau vermisse ich Persönlichkeiten wie Willy Brandt, Egon Bahr, Helmut Schmidt, aber auch Richard v. Weizsäcker.
Heute erleben wir leider, dass manche Politiker, die sich pharisäerhaft "christlich" nennen, mehr dem Kapital verbunden sind als dem Volk, für das sie ihr Amt ausüben sollten. Beispiele hierfür treten immer häufiger auf wie z.B. die jüngst Forderung des Wirtschaftsflügels der Union nach weniger Teilzeit, ohne nach den Gründen zu fragen, warum manche in Teilzeit arbeiten.