„Lifestyle-Teilzeit“: Warum die Forderungen der CDU haltlos sind
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CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz hat etwas gegen Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance. Er sieht dadurch den Wohlstand Deutschlands gefährdet
Der Wirtschaftsflügel der CDU will den Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit abschaffen. In einem Antrag für den Bundesparteitag im Februar ist von einer „Lifestyle-Teilzeit“ die Rede, die den Fachkräftemangel in Deutschland verstärke und der Wirtschaft schade. Zuvor hatte Bundeskanzler Friedrich Merz den aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand in Deutschland kritisiert und diesen vor allem auf die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung zurückgeführt. Auch das schade dem Wirtschaftsstandort.
Es ist nicht das erste Mal, dass Friedrich Merz seine Unkenntnis vom Arbeitsleben in Deutschland preisgibt. „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, forderte der Bundeskanzler bereits im vergangenen Jahr beim CDU-Wirtschaftstag. „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können“, fügte er damals hinzu. Ein paar Zahlen zeigen, wie er und seine Partei irren.
638 Millionen Stunden Mehrarbeit in 2024 unbezahlt
1,2 Milliarden Überstunden wurden im Jahr 2024 laut Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) geleistet, das entspricht einem Umfang von mehr als 750.000 Vollzeitstellen. 638 Millionen Überstunden (53,6 Prozent) wurden unbezahlt geleistet.
Eine Beschäftigtenbefragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) für die Jahre 2020 bis 2024 ergab, dass 44 Prozent der Beschäftigten länger arbeiten als vertraglich vereinbart und 15 Prozent sehr häufig oder oft außerhalb ihrer normalen Arbeitszeit.
In den vergangenen 20 Jahren wurden deutlich mehr unbezahlte als bezahlte Überstunden geleistet.
Zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten arbeitet aufgrund von Überstunden mehr als 48 Stunden pro Woche, ein Umfang, der mit einer Vielzahl von gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden ist.
Kinderbetreuung und Pflege halten von Erwerbsarbeit ab
Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Faktoren, die Menschen davon abhalten, mehr zu arbeiten, selbst wenn sie dazu bereit wären. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (iwkoeln) fehlten im Frühjahr 2024 bundesweit 306.000 Kitaplätze für Kinder unter drei Jahren. Die Bertelsmann-Stiftung ging in ihrem „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme" 2023 von rund 430.000 Kita-Plätzen aus, für alle Altersgruppen.
Etwa 4,9 Millionen Menschen oder 86 Prozent aller Pflegebedürftigen werden in Deutschland laut Statistischem Bundesamt zu Hause gepflegt. Davon 3,9 Millionen von ihren Angehörigen.
30 Stunden Care-Arbeit pro Woche
Frauen wenden rund 30 Stunden pro Woche für unbezahlte Care-Arbeit auf, (von Küche über Pflege und Kinderbetreuung bis Wegezeiten), Männer rund 21 Prozent. Das geht aus einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2022 hervor.
Rund 16,4 Millionen Menschen haben sich 2024 ehrenamtlich in Deutschland engagiert. Laut Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes bringen sowohl Frauen als auch Männer im Schnitt mit rund zwei Stunden die Woche für freiwilliges Engagement auf.
Telefonische Krankschreibung kommt nur selten zum Einsatz
Und wie sieht es aus mit den Krankmeldungen? Laut verschiedenen Erhebungen vom Oktober 2025 lag der Anteil der telefonischen Krankschreibung an allen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen zwischen 0,8 und 1,2 Prozent. 29 Prozent der Befragten hätten diese Möglichkeit bisher einmal oder mehrfach genutzt. Wer behauptet, die telefonische Krankschreibung sei der Haupttreiber für den Krankenstand, liegt also falsch.
hat Politikwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert und ist Redakteurin beim vorwärts.
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