Meinung

Klimaschutz: Warum die SPD eine CO2-Strategie braucht

7. November 2025 12:39:27

Der Bundestag hat das Gesetz zur Speicherung und zum Transport von CO2 beschlossen. Auch wenn die CCS-Technologie kein klimapolitisches Allheilmittel ist, sollte die SPD hier mutig vorangehen – und die Lücke schließen, die andere Parteien lassen.

grauer Rauch aus drei Fabrik-Schornsteinen vor einem gelben Sonnenuntergangshimmel

In manchen Bereichen wird sich der CO2-Ausstoß auch künftig kaum vermeiden lassen. Methoden wie die CCS-Technologie werden deshalb an Bedeutung für den Klimaschutz gewinnen.

Die SPD hatte mit dem 2010 verstorbenen Hermann Scheer einmal einen „Solarpapst“ – jemanden, der sich mit Verve für die damals neue Klimatechnologie der Nutzung von Sonnenenergie einsetzte. Und das mit Erfolg. Bei anderen Klimatechnologien zeigt sich die SPD erstaunlich zurückhaltend. Etwa beim Abscheiden und Speichern von CO2 (Fachausdruck: Carbon Capture and Storage, kurz CCS).

Ohne CCS werden wir unsere Klimaziele nicht erreichen

Am Donnerstag wurde im Bundestag ein Gesetz beschlossen, das den Transport und das Speichern von CO2 erlauben soll. Eine vor kurzem stattgefundene Anhörung von Expert*innen hat gezeigt, dass die Meinungen bei diesem Thema sehr weit auseinander gehen. Sie reichen von totaler Ablehnung bis zu großer Begeisterung.

Worum geht es? CCS bedeutet, dass CO2 abgeschieden, zu einem geologischen Speicher transportiert und dort dauerhaft gespeichert wird. Das klingt einfach, ist allerdings sehr infrastruktur- und energieintensiv. Damit bleibt CCS auf absehbare Zeit teuer. Zudem können lokal Umweltauswirkungen auftreten. Allerdings lassen sich unsere Klimaziele ohne CCS nicht erreichen. Da sind sich Expert*innen einig.

Nahezu alle Studien zur Klimaneutralität in Deutschland weisen darauf hin, dass es in bestimmten Industrieprozessen sowie in der Abfallverbrennung auf absehbare Zeit entweder technisch unmöglich oder volkswirtschaftlich nicht vertretbar bleiben wird, CO2 vollständig zu vermeiden. Bei diesen schwer bzw. nicht vermeidbaren Emissionen, ist CCS oft die einzige Möglichkeit, konsequenten Klimaschutz im Industriesektor zu betreiben.

CCS und CCU entlasten uns nicht von einer schnelle Emissionsreduktion

Wir meinen, dass CCS, aber auch die Wiederverwendung von CO2 (das sogenannte Carbon Capture and Utilization, kurz CCU), etwa zur Herstellung von Energieträgern, chemischen Grundstoffen, Düngemitteln oder Baustoffen, grundsätzlich sozialdemokratische Instrumente der Industriepolitik sowie des Klimaschutzes sind – uns aber zugleich nicht von einer schnellen Emissionsreduktion entlasten.

Ein sozialdemokratisches CO2-Management ist vor allem ein realistisches: Es überzieht die Erwartungen an die Technologien nicht, aber es erkennt an, dass sie in begrenztem Maße wichtig für Industrie und Klimaschutz ist. Fakt ist: Bestimmte industrielle Anwendungen können nicht oder nur sehr aufwändig elektrifiziert oder anders dekarbonisiert werden. Zudem verbleiben zur Mitte des Jahrhunderts etwa zehn Prozent Emissionen – also um die 60 Millionen Tonnen, die konventionell nicht vermieden werden können. Für diese braucht es Lösungen: CCU verzögert Emissionen, CCS reduziert sie und natürliche und technische Verfahren, um CO2 aus der Luft zu entnehmen, kompensieren Emissionen, die an anderer Stelle entstehen.

Die Rangfolge im Umgang mit klimaschädlichen Emissionen muss deshalb sein:

  1. Sie gar nicht erst entstehen lassen (ernsthafte und schnelle Vermeidung)
  2. Nur, wenn es nicht anders möglich ist, sie abzuscheiden und zu speichern
  3. CO2-Entnahme zur Kompensation der weiterhin bestehenden Emissionen

So kann die SPD ein überzeugendes CO2-Management gestalten

Mit dieser klaren Priorisierung kann gerade die SPD ein überzeugendes und verantwortungsbewusstes CO2-Management gestalten. Denn während CDU und CSU CCS fälschlicherweise als Allheilmittel für alle möglichen unwirtschaftlichen Anwendungen inklusive fossiler Gaskraftwerke ausrufen, steht die Opposition dieser Technologie in weiten Teilen grundsätzlich skeptisch gegenüber. Damit entsteht eine politische Lücke, die die SPD mit einer ehrlichen, aber mutigen CO2-Strategie füllen sollte.

Eine solche Strategie ist zum einen Voraussetzung für die Akzeptanz und damit den Erfolg von CCS: Wenn CCS-Infrastruktur nicht überzeugend zu unseren Klimaschutzzielen beiträgt, wird sie am öffentlichen Widerstand scheitern. Genau das hat die kontroverse Debatte um CCS bei Kohlekraftwerken im Jahr 2012 und das darauffolgende de-facto Verbot gezeigt.

Umgekehrt ist eine zu zögerliche CCS-Strategie ohne eine gezielte Förderung ebenso zum Scheitern verurteilt: Die langen Vorlaufzeiten solcher Infrastrukturprojekte erfordern Planungssicherheit, die der aktuelle CO2-Preis der EU allein kurzfristig nicht liefern kann. Damit bis 2045 ausreichend Kapazitäten zur Verfügung stehen, muss eine CO2-Infrastruktur aber jetzt aufgebaut werden: nicht überdimensioniert, aber flächendeckend genug, um die zentralen Emittenten zu erreichen.

Es geht auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen

Das Entwickeln einer solchen Strategie wäre zugleich auch Ausdruck sozialdemokratischer Grundwerte: Wenn CCS auf die Bereiche ausgerichtet wird, in denen die Klimaneutralität bis 2045 anderweitig nicht erreicht werden kann, können Arbeitsplätze in Schlüsselindustrien wie Zement und Chemie erhalten werden, die bereits heute unter enormen Druck stehen.

Zudem ermöglicht eine vorausschauende CCS-Politik, dass Deutschland Technologieführerschaft bei CO2-Technologie übernimmt. Das erste Zementwerk mit CCS wurde vom deutschen Baustoffkonzern „Heidelberg Materials“ gebaut, steht aber in Norwegen – ein Weckruf, dass Deutschland den Anschluss und das Knowhow gegenüber Skandinavien und den USA nicht verlieren darf.

Deutschland muss zum Gestalter werden

Nicht zuletzt bietet ein mutiges, aber verantwortungsbewusstes CO2-Management auch die Chance, internationale Klima- und Umweltschutzstandards zu setzen. Der „Net-Zero-Industry-Act“ der Europäischen Kommission schreibt bis 2030 eine Speicherkapazität von 50 Millionen Tonnen CO2 innerhalb der EU vor – die CCS-Technologie wird also kommen, ob Deutschland dabei die Regeln mitbestimmt, hängt von unseren Entscheidungen heute ab.

Deshalb muss auf die rechtliche Grundlage für CCS jetzt eine vorausschauende CO2-Strategie mit klaren Prioritäten und sozialdemokratischer Handschrift folgen, um die Klimaziele erreichbar zu halten, industrielle Standorte zu sichern und die Zukunft dieser Technologie aktiv zu gestalten.

Autor*in
Lukas Daubner

ist Soziologe und leitet beim Think Tank Zentrum Liberale Moderne das Programm Ökologische Moderne.

Autor*in
Christian Sarpey

ist aktiv im Verein „Klima.Gerecht“.

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10 Kommentare

Gespeichert von max freitag (nicht überprüft) am Fr., 07.11.2025 - 19:58

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geologisch nach Schleswig Holstein gehört, dorthin also, wo auch die meisten als gut geeigneten Lagerstätten für die sichere Einlagerung von Atommüll zu finden sind, jedenfalls nach dem derzeitigen Forschungsstand. Wir müssen aufpassen, dass hier nicht "unser Revier" in Niedersachsen in Mitleidenschaft gerät. In SH war und ist für uns ja nicht viel zu holen, so dass die Probleme gerne dort zu verankern sind. Sollen sich CDU und Grüne kümmern- die ja so eng verbandelt sind dort im Norden wie sonst nirgendwo.

Gespeichert von Christiane Grefe (nicht überprüft) am Sa., 08.11.2025 - 18:16

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Schön, dass Lukas Daubner und Christian Sarpey an die Schlüsselrolle Hermann Scheers für die weltweite solare Transformation erinnern. Das wünschte man sich öfter von seiner Partei, denn die lässt Stolz auf den Träger des Alternativen Nobelpreises meist vermissen. Befremdlich ist aber, dass die Autoren eine Passion, wie Scheer sie für die Grund legende Umstellung der Energiebasis auf erneuerbare Quellen aufbrachte, nun für eine Technologie fordern, deren Einsatz sie selbst höchstens als Notlösung rechtfertigen. Gerade Scheer hat vor den erheblichen ökonomischen und ökologischen Risiken von CCS gewarnt. Die Zuspitzung der Klimakrise 15 Jahre nach seinem Tod oder kleine technologische Fortschritte mögen die Ausgangslage verändert haben: strukturell bleibt Scheers CCS-Kritik (u.a. im Buch „Der EnergEthische Imperativ“) größtenteils einschlägig. Diese Technologie ist kein Fall für „Verve“, sondern für Skrupel. Verve fehlt aber bei der „ernsthaften und schnellen Vermeidung“ von Emissionen.

Gespeichert von Lukas Daubner (nicht überprüft) am Di., 11.11.2025 - 15:15

Antwort auf von Christiane Grefe (nicht überprüft)

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Hallo Frau Grefe,

danke für Ihren Kommentar. Sie haben völlig recht: ernsthafte und schnelle Vermeidung muss ganz vorne stehen. Da sollte die SPD noch stärker für eintreten.
Aber: ein Großteil der Klimawissenschaft bestätigt, dass Klimaschutz ohne CCS (und Co) nicht zu machen ist. Das war vor zwei Jahrzehnten (und mit Einsatzziel Kohle) sicherlich noch anders. Heute leben wir leider in einer anderen Realität. Und gerade, wenn es um Industrie und Industriearbeitsplätze geht, sollte CCS kein Tabu sein. Man darf aber auch nicht den Fehler machen, so zu tun, als wäre das die Lösung für alle unsere Probleme. Das ist CCS ganz sicher nicht.

Viele Grüße
lukas Daubner

Gespeichert von Christiane Grefe (nicht überprüft) am Mo., 10.11.2025 - 09:20

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Schön, dass Lukas Daubner und Christian Sarpey an die Schlüsselrolle Hermann Scheers für die weltweite solare Transformation erinnern. Das wünschte man sich öfter von seiner Partei, denn die lässt Stolz auf den Träger des Alternativen Nobelpreises meist vermissen. Befremdlich ist aber, dass die Autoren eine Passion, wie Scheer sie für die Grund legende Umstellung der Energiebasis auf erneuerbare Quellen aufbrachte, nun für eine Technologie fordern, deren Einsatz sie selbst höchstens als Notlösung rechtfertigen. Gerade Scheer hat vor den erheblichen ökonomischen und ökologischen Risiken von CCS gewarnt. Die Zuspitzung der Klimakrise 15 Jahre nach seinem Tod oder kleine technologische Fortschritte mögen die Ausgangslage verändert haben: strukturell bleibt Scheers CCS-Kritik (u.a. im Buch „Der EnergEthische Imperativ“) größtenteils einschlägig. Diese Technologie ist kein Fall für „Verve“, sondern für Skrupel. Verve fehlt aber bei der „ernsthaften und schnellen Vermeidung“ von Emissionen.

Gespeichert von Armin Christ (nicht überprüft) am Mo., 10.11.2025 - 11:24

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Wie in diesem Beitrag deutlich geschrieben wird ist CCS enorm energieintensiv (für die Bereitstelligung von hochreinem Sauerstoff für die Verbrennung und die Verflüssigung von CO2), also ist es nicht nachvollziehbar warum der Weg für diese Technologie geöffnet wird. 40 bis gar 60% mehr Primärenergieverbrauch sagen wissenschaftliche Studien,
Aich wenn viele der Abgeordneten in ihrem früheren Leben die Naturwissenschaften un der Schule abgewählt haben, die Naturgesetze gelten trotzdem.
Oder mit dem gitzem altem Friedrich Engels; "Rühmen wir uns nich unserer Siege über die Natur, denn für jeden davon rächt sie sich an uns."

Gespeichert von Lukas Daubner (nicht überprüft) am Di., 11.11.2025 - 15:08

Antwort auf von Armin Christ (nicht überprüft)

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Hallo Herr Christ, danke für Ihren Kommentar. Sie müssen ja nicht uns glauben, aber die Leopoldina hat in einer umfangreichen Untersuchung dargelegt, warum ein Carbon Management (inkl. CCS) - indem auch von uns beschriebenen Rahmen - nötig und auch praktikabel ist: https://www.leopoldina.org/presse-1/nachrichten/esys-kohlenstoffmanagem…

Zementwerke bspw. wird man nicht anders klimafreundlich bekommen. Und wer sagt, dass der Energieverbrauch nicht zukünftig auch gerniger ausfallen kann?

viele Grüße
Lukas Daubner

Gespeichert von Dr. Bernhard Weßling (nicht überprüft) am Mi., 12.11.2025 - 07:44

Antwort auf von Lukas Daubner (nicht überprüft)

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Sehr geehrter Herr Daubner, die Leopoldina hat nicht nur CCS als unvermeidlich angesehen, sondern in der von Ihnen zitierten Stellungnahme (April 2024) gefordert, daß jährlich etwa 100 Millionen Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entnommen werden sollten. Das geht nicht mit CCS (was selbst schon nicht nachhaltig ist, siehe mein Kommentar unten), sondern nur mit DAC, was ebenfalls alles andere als nachhaltig ist. Meine auf Thermodynamik beruhende Analyse der Nicht-Nachhaltigkeit dieser Verfahren (noch schlimmer ist es mit CCU, das die Leopoldina auch befürwortet), die ich der Leopoldina sowie dem PIK auch zur kritischen Diskussion zugeschickt hatte, wurde nicht beantwortet, wurde nicht widerlegt. Deutschland müßte im Jahr 2030 mindestens 18% mehr Primärenergie einsetzen als aktuell geplant, nur um DAC / CCS betreiben zu können. (Die Analyse der Leopoldina-Stellungnahme können Sie auf der von mir zitierten Webseite https://www.bernhard-wessling.com/nachhaltigkeit_und_entropie etwas weiter unten finden, April 2024.)

Gespeichert von Armin Christ (nicht überprüft) am Mi., 12.11.2025 - 13:24

Antwort auf von Dr. Bernhard Weßling (nicht überprüft)

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Diese Organisation hat sich z,B, in Sachen COVID selbst desavouiert. Einseitige Parteinahme und offene wissenschaftliche Debatte sind nun mal nicht vereinbar. Ich fürchte wir sind da was Wissenschaft betrifft auf der schiefen Bahn des Lyssenkoismus.

Gespeichert von Dr. Bernhard Weßling (nicht überprüft) am Mi., 12.11.2025 - 21:50

Antwort auf von Armin Christ (nicht überprüft)

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Ich finde es nicht so wichtig, bei der Leopoldina Parteilichkeit zu vermuten oder zu unterstellen. Ich (als Wissenschaftler (#)) gehe da möglichst nicht emotional heran, sondern versuche zu verstehen, was im Falle von DAC / CCS / CCU deren wissenschaftliche Grundlage ist. Diese kritisiere ich als unvollständig, weil sie einseitig auf CO2 / Klima schaut, aber nicht darauf, ob und wenn ja wie schwerwiegende Nebenwirkungen es gibt. Das müßte eine Akademie der Wissenschaften wie die Leopoldina aber tun. Es hilft nicht, irgendwelche düsteren Machenschaften zu unterstellen, es ist besser - und das versuche ich - wissenschaftlich mit Wissenschaftlern zu diskutieren. Bedauerlich ist, daß diese sich der Diskussion nicht stellen, denn ich hatte den führenden Autoren meine Analyse der Stellungnahme der Leopoldina direkt zugeschickt mit der Bitte um wissenschaftliche Auseinandersetzung. Es hat niemand zurückgeschrieben, trotz mehrfacher Nachfrage.
(#) https://www.bernhard-wessling.com

Gespeichert von Dr. Bernhard Weßling (nicht überprüft) am Mo., 10.11.2025 - 17:50

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Es wird leider auch in klimabewegten Kreisen sehr leichtfertig CCS als notwendig und alternativlos beworben, bestenfalls noch (weil man ja kritisch ist) als "notwendiges Übel". CCS ist aber weder nachhaltig noch notwendig. Hier (https://www.bernhard-wessling.com/nachhaltigkeit_und_entropie) finden Sie genügend Analysen und Diskussionsbeiträge, die zeigen, inwiefern und warum CCS nicht nachhaltig ist, sondern erhebliche Umweltschäden (nicht zuletzt an der Artenvielfalt) verursachen wird. Und hier (https://www.bernhard-wessling.com/cdr_bioagriculture_sustainability) finden Sie genügend Daten und Fakten, daß allein schon Biolandwirtschaft CCS komplett ersetzen könnte, wenn man ... (ja, wenn man ... Oder Moore, die noch viel leistungsfähiger sind in der Speicherung von CO2, man müßte sie nur wiedervernässen - und zugleich wird die Artenvielfalt gestärkt, CO2 wird ohne Energieaufwand und ohne Kosten gespeichert.