Vater und Tochter wollen ins Berliner Abgeordnetenhaus
Jörg Hüster
Wie der Vater, so die Tochter: Bald könnten Jan und Luise Lehmann gemeinsam für die SPD im Berliner Abgeordnetenhaus sitzen.
Knallblauer Himmel, warme Temperaturen: Es ist bestes Wahlkampfwetter an diesem Augusttag in Berlin. Vor dem Bahnhof im Ortsteil Mahlsdorf hat die SPD Marzahn-Hellersdorf einen Infostand aufgebaut. Luise Lehmann, Direktkandidatin im Wahlkreis 5, und ihre Mitstreiterinnen verteilen Faltblätter an Passantinnen. Lehmann ist darauf gemeinsam mit Steffen Krach zu sehen. Der Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl ist an diesem Tag auch nach Mahlsdorf gekommen, was der Aktion zusätzliche Aufmerksamkeit verleiht.
Luise Lehmann: Mit 29 Jahren schon ein halbes Leben in der SPD
Obwohl sie erst 29 Jahre alt, hat Luise Lehmann schon jede Menge politische Erfahrung. Sie engagierte sich bei den Jusos und trat mit 14 Jahren in die SPD ein. „Ich bin schon über mein halbes Leben in der Partei. Mit 13, 14 Jahren hatte ich einen Erkenntnissprung, dass es mir gut geht, aber vielen auf der Welt nicht. Deshalb sollte man etwas beitragen zur Gesellschaft, das ist der Gedanke, der mich bis heute antreibt“, beschreibt sie ihre Motivation, sich schon in jungen Jahren ehrenamtlich zu engagieren. In der Bezirksverordnetenvertretung (BVV), dem Kommunalparlament von Marzahn-Hellersdorf ist sie stellvertretende Vorsteherin.
Neben Lehmann am Stand steht ihr Vater Jan. Der 52-Jährige sitzt seit 2021 für die Sozialdemokraten im Berliner Abgeordnetenhaus und ist seit vielen Jahren Vorsitzender der SPD-Abteilung Kaulsdorf und Mahlsdorf ist.
Jan Lehmann: Kein Vorbild für Tochter Luise
Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war Jan Lehmann gerade 18 Jahre alt. Der gebürtige Oranienburger ging in Berlin zur Schule und studierte später Rechtswissenschaften und Medieninformatik. Nach seiner Heirat lebte er mit seiner Familie in Marzahn „in der Platte“, wie er sagt. Dann zog die Familie nach Mahlsdorf. Luise war damals drei Jahre alt. Als Teenagerin entflammte Luises politisches Engagement beim Umwelt- und Klimaschutz. Doch ihre gemeinsame politische Heimat wurde die Sozialdemokratie.
In dieser Vater-Tochter-Konstellation haben beide der sozialdemokratischen Politik im Bezirk ihren Stempel aufgedrückt. Als Vorbild für Luise sieht sich Jan Lehmann aber nicht unbedingt. Er betont, er habe ihr immer die Wahl gelassen: „Ich habe Luise auch die Wahlprogramme der Grünen und Linken mitgebracht.“ Luise fügt hinzu: „Er hätte mich auch zu den Ortsvereinstreffen gefahren – zur CDU aber wohl eher nicht.“
Gemeinsames Engagement für soziale Gerechtigkeit
Die Herzensthemen der Lehmanns überschneiden sich teilweise, spiegeln aber auch die Unterschiede zwischen den Generationen wider. Gemeinsam ist beiden ein ausgeprägtes Gefühl für soziale Gerechtigkeit. „Alles Soziale wird langsam wieder zurückgebaut“, schildert Luise Lehmann die Situation.
Für Vater Jan ist wiederum wichtig, dass der Ost-Bezirk Marzahn-Hellersdorf im Vergleich zu anderen Teilen Berlins nicht benachteiligt wird. Etwa bei der Verkehrsinfrastruktur: mehr Fuß- und Fahrradwege, damit die Straßen sicherer werden, mehr Carsharing und ein besserer ÖPNV sind Lehmanns Ziele.
„Außerdem müssen wir überall in die Köpfe reinkriegen, dass viel mehr Rücksichtnahme nötig ist.“ Er kämpft zwar für den Neubau erschwinglicher Wohnungen, wendet sich aber gegen eine Baupolitik der Verdichtung im Bezirk. Gerade dort, wo Plattenbauten stehen, gebe es viel Grün und Spielplätze. „Wenn dort in die Innenhöfe neue Blöcke gebaut werden, ist das ein bisschen traurig, weil man den Leuten Lebensqualität nimmt, wo es nicht nötig ist.“
Luise Lehmann hat sich neben dem Klima- und Umweltschutz vor allem der Gleichstellungs- und Queerpolitik verschrieben. „Dass das zu meinem politischen Themenfeld geworden ist, hat sich so ergeben, weil ich bei den SPD-Frauen sehr aktiv war und bei der SPD-Queer sehr aktiv bin“, sagt die 29-Jährige.
Im Bezirk sei bereits vieles erreicht worden, etwa durch eine Queer-Beauftragte im Bezirksamt und einen Aktionsplan gegen Queerfeindlichkeit. Luise verortet sich klar als SPD-Linke, Jan gehört im Abgeordnetenhaus in der Fraktion zum konservativen Flügel. . Er verortet sich als Pragmatiker: „Es gibt eine Lösung für alles, man muss nur eine Weile darüber nachdenken.“
Verbündete helfen, Beruf, Politik und Familie unter einen Hut zu bringen
Ein weiteres Feld, auf das Luise Lehmann ihren Schwerpunkt legt, ist die Gesundheitspolitik. Das mag ihrem Beruf geschuldet sein: Sie ist promovierte Ärztin und wird zur Zeit in der Neurochirurgie zur Fachärztin ausgebildet. In der BVV ist sie gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Zum Beruf und zur Kommunalpolitik kommt noch ein Drittes: Luise hat ein 3-jähriges Kind. Ein solches Pensum schaffen nicht viele: Frauen sind in der Kommunalpolitik deutlich unterrepräsentiert.
Luise Lehman räumt ein: „Es kann viel Freude machen, aber auch schnell entmutigen, wenn man sich als Frau engagiert. Ihr wichtigster Rat ist deshalb: „Such dir weibliche Verbündete. Mir haben am meisten andere Mamas geholfen.“
Luise Lehmann ist in der Berliner SPD längst keine Unbekannte mehr. 2024 kandidierte sie gemeinsam mit dem Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus, Raed Saleh, für den Landesvorsitz und gewann dabei viel Anerkennung. Nun kämpft sie im Wahlkreis 5 für den Einzug ins Abgeordnetenhaus und steht auf Platz 3 der Bezirksliste. Vor ihr: ihr Vater Jan auf Platz 2 und Innensenatorin Iris Spranger auf Platz 1.
Für Jan sind die Aussichten gut, erneut ins Abgeordnetenhaus einzuziehen, Luise hat mit Platz 3 eine Außenseiterchance. Rund fünf Wochen vor der Wahl liegt die SPD bei 15 Prozent. Als Konkurrenten sehen sich Vater und Tochter trotzdem nicht.
Wahlkampf in einem rauer werdenden Klima
Der Ton in der Politik wird rauer, wie beide bestätigen. „Das Klima hat sich geändert“, sagt Luise. „2019 bin ich auf dem Weg zu Wahlkämpfen im SPD-T-Shirt durch Berlin gelaufen, das mache ich heute nicht mehr.“ Es gebe Gewaltvorfälle gegen Wahlkämpfende, auch das Debattenklima habe sich verändert – nicht nur in der Bundespolitik, sondern auch vor Ort. Macht sich der Vater Sorgen, dass seine Tochter Politik macht? „Ich würde mir Sorgen machen, wenn Leute wie Luise nicht mehr in die Politik gehen“, betont er.
Am Infostand vor dem S-Bahnhof bilden sich immer wieder Gesprächsgrüppchen auf dem Bürgersteig. Einige Menschen nehmen Informationen mit, doch viele winken ab. Die Bundespolitik helfe den Wahlkämpfenden gerade nicht, meint Jan Lehmann. Luise ergänzt: „Die Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit der Politik kommt auch im Berliner Wahlkampf an.“ Derzeit steht die rechtsextreme AfD laut Umfragen in Berlin bei 17 Prozent.
„Ich kann aus meiner privilegierten Perspektive überhaupt nicht nachvollziehen, wie man so einer Partei die Stimme gibt“, meint Luise Lehmann. Es werde aber immer schwieriger, in der Politik den richtigen Ton zu treffen. Mehr Empathie, gerade für jene im Osten, die nach der Wende vor dem Nichts standen und die auch in den vergangenen Jahren keinerlei Unterstützung erfahren hätten, sei gefordert. Doch Vater und Tochter betonen: „Wir haben immer noch die Hoffnung, diese Menschen zu erreichen“.
Dirk Bleicker
Karin Billanitsch hat Rechtswissenschaften und Journalistik in München und Stuttgart studiert und ist Redakteurin beim „vorwärts“.