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Gotha: Aus Tradition eine SPD-Hochburg in Thüringen

10. Juli 2026 17:13:44
Während die SPD anderswo in Thüringen zu kämpfen hat, stellt sie in Gotha seit Jahrzehnten den Oberbürgermeister. Doch das ist kein Zufall, sondern folgt einer historischen Linie, wie Matthias Wenzel erklärt.
Das Rathaus im thüringischen Gotha ist seit vielen Jahren fest in sozialdemokratischer Hand.

Das Rathaus im thüringischen Gotha ist seit vielen Jahren fest in sozialdemokratischer Hand.

Matthias Wenzel kann gar nicht aufhören, von Gotha zu erzählen. Von der Geschichte der früheren Residenzstadt, von den historischen Verbindungen, von Karl Marx, der englischen Königin Victoria und Willy Brandt. Vor allem aber von einer Jahreszahl, die für die weitere Entwicklung der Sozialdemokratie in Deutschland ganz entscheidend war: 1875 fand im Gothaer Tivoli der Einigungsparteitag zwischen dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) in der Tradition Lassalles und der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) statt. „Bis dahin waren die zwei Strömungen der Sozialdemokratie wie Hund und Katze“, sagt Wenzel.

Eine historische Vereinigung

Vom 23. bis 27. Mai 1875 trafen sich die 127 Delegierten im sogenannten Kaltwasserschen Saal, wie Wenzel an eben jenem Ort in Kurzarmhemd und mit leuchtenden Augen berichtet. Damals war das Tivoli eine Gaststätte, heute ist es eine Gedenkstätte. „Der Aufstieg der Sozialdemokratie nach 1875 hat gezeigt, dass die Einheit der richtige Weg war“, erklärt Wenzel an einem Freitag Anfang Juli einer SPD-Gruppe in dem historischen Saal, in dem die Delegierten vor gut 150 Jahren die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) gründeten. Matthias Wenzel kennt sie fast alle.

Matthias Wenzel: Der Mann, der alles über Gotha weiß

Matthias Wenzel hat intensiv über die Lebenswege der 127 Delegierten recherchiert, die 1875 zur Gründung der Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) in den Gothaer Tivoli kamen.

Voller Begeisterung erzählt Matthias Wenzel von der sozialdemokratischen Historie in Gotha.

1962 in Gotha geboren, hat er mehr als ein Dutzend Bücher über seine Heimatstadt geschrieben. Seit 1999 ist er stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins „Gothaer Tivoli“ und hat seitdem ausgiebig über die Lebenswege der 127 Delegierten recherchiert. Wenzel weiß so viel, dass er sich selbst immer wieder bremsen muss, um nicht zu sehr abzuschweifen, wenn er über einen Delegierten aus dem hessischen Heusenstamm, Hamburger Zigarrendreher oder Sozialdemokraten, die später in die USA emigrierten, spricht.

Der Rote Bock für Verständigung

Doch bei einem Namen landet er immer wieder, dem Gothaer Wilhelm Bock. Der war sowohl Gründungsmitglied der SDAP als auch der SAP sowie später der USPD, ehe er 1922 seinen Weg zurück in die SPD fand. Bock war sowohl im Kaiserreich als auch in der Weimarer Republik Mitglied des Reichstages und in den 1920er-Jahren sogar zweimal dessen Alterspräsident, ehe er 1931 mit 85 Jahren starb.

An sein Wirken wird in Gotha seit einigen Jahren mit einem nach ihm benannten Preis erinnert, dem „Roten Bock“, der seit 2008 an Persönlichkeiten in Mittel- und Osteuropa verliehen wird, die sich auf herausragende Weise für soziale, demokratische und europäische Themen eingesetzt haben und in ihren Ländern sozialdemokratische Ziele im Sinne des Gothaer Programms von 1875 verwirklichen helfen.

Willy Brandt vor 100.000 Menschen

Im Erdgeschoss des Tivolis hängt die Ahnengalerie der bisherigen Preisträger*innen, unter ihnen beispielsweise der frühere estnische Ministerpräsident Andres Tarand, der ehemalige polnische Präsident Aleksander Kwaśniewski, aber auch Musiker Roland Kaiser, die frühere Viadrina-Präsidentin Gesine Schwan oder der bereits verstorbene SPD-Politiker Egon Bahr, für den die Verleihung im Jahr 2010 nicht der erste Besuch im Tivoli war.

Denn schon am 27. Januar 1990 reisten Bahr und Willy Brandt nach Gotha, um erneut bei einem historischen Ereignis im Tivoli dabei zu sein, berichtet Wenzel. Nur wenige Monate nach dem Mauerfall wurde an diesem Tag der thüringische SPD-Landesverband als erster in der DDR neu gegründet. Wenzel zeigt im Museum die Fotos dieses historischen Ereignisses und führt die Gruppe anschließend in Richtung Gothaer Innenstadt. Hier, auf dem Hauptmarkt, sprach Wily Brandt 1990 vor bis zu 100.000 Zuhörer*innen. „Jetzt wächst auch hier zusammen, was zusammengehört“, soll der frühere SPD-Vorsitzende gesagt haben. Eine Plakette am Ort der Rede erinnert daran.

Stärkste Kraft trotz AfD-Zuwachs

Doch Gotha ist kein Museum und nicht nur ein historischer Ort der Sozialdemokratie, sondern eine sozialdemokratische Hochburg bis in die Gegenwart. Nur wenige Schritte sind es von der Brandt-Plakette am Hauptmarkt zum Rathaus. „Seit 20 Jahren haben wir Knut Kreuch als SPD-Oberbürgermeister“, sagt Wenzel nicht ohne Stolz. Fast genauso lang, nämlich seit 2008, ist er selbst im Stadtrat. Dort ist die SPD mit zwölf Sitzen stärkste Kraft, hat bei der Kommunalwahl vor zwei Jahren noch einmal 3,5 Prozentpunkte auf 33,9 Prozent zugelegt, während sie landesweit in Umfragen derzeit bei gerade einmal 6 Prozent liegt.

Doch es gibt nicht nur Jubelstimmung aus sozialdemokratischer Sicht in Gotha. „Zweitstärkste Kraft im Stadtrat ist mittlerweile die AfD mit neun Sitzen“, sagt Wenzel mit gewissen Sorgenfalten. Und auch Matthias Hey, dessen Wahlkreisbüro direkt am Marktplatz liegt, musste das Direktmandat bei der Landtagswahl vor zwei Jahren nach einer AfD-Hetzkampagne denkbar knapp mit 31 Stimmen Rückstand dem Kandidaten der als „gesichert rechtsextremistischen“ Partei überlassen. Zuvor hatte er dieses dreimal in Folge klar gewonnen. 

Wenzel empfiehlt: Unbedingt wiederkommen!

Für Matthias Wenzel ist das eher Motivation. Er wird sich weiter engagieren für Gotha, eine sozialdemokratische Hochburg der Vergangenheit und Gegenwart. Zum Abschied rät er der Gruppe: „Sie müssen unbedingt wiederkommen.“ Denn selbst als der Reisebus, der die Gruppe abholt, auf den Parkplatz einbiegt, hat Wenzel längst noch nicht alles über seine Heimatstadt erzählt.

Autor*in
Jonas Jordan
Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

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