Soziale Marktwirtschaft: Warum die SPD den Begriff wiederbeleben sollte
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Raus aus der Mottenkiste: Die SPD sollten den Begriff der sozialen Marktwirtschaft neu prägen.
Die Union hat zu Beginn dieses Jahres das Thema Wirtschaft erkennbar auf die Tagesordnung gehoben – und es klingt in ihrem Sound nach einem Tal von Schweiß und Tränen. Da wird zum Beispiel gegen die „Lifestyle-Teilzeit“ Stimmung gemacht, die, so die unterschwellige Botschaft, bedeutet, dass faule Menschen ihre Arbeitskraft dem Markt aus egoistischen Motiven entziehen.
Dass einerseits Teilzeit oft gute Gründe hat, andererseits Menschen aber auch das Recht haben, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Leben selbst zu gestalten, fällt dabei komplett unter den Tisch. Ob die Union auch Reiche, die keiner produktiven Erwerbsarbeit nachgehen, zum Arbeiten verpflichten will?
Die SPD knüpft bei der sozialen Marktwirtschaft an
Die SPD setzt andere Schwerpunkte: Sie fordert einen „Deutschland-Korb“ mit einer Auswahl an bezahlbaren Lebensmitteln. Sie will, dass reiche Erben sich gerecht am Steueraufkommen beteiligen und dass das Gesundheitswesen zum Beispiel auch aus Kapitalerträgen mitfinanziert wird: Zurzeit sind dies noch einzelne Versatzstücke, doch die SPD transportiert damit ein anderes Bild vom Wesen des Geldes, des Marktes und von deren Rollen im Gemeinwohl als ihr konservativer Koalitionspartner.
Etwas herunter gebrochen knüpfen die Sozialdemokraten damit an das Konzept der sozialen Marktwirtschaft an, das eng mit dem CDU-Politiker Ludwig Erhard verknüpft ist, aber aus einer Zeit stammt, in der die Union in sozialen Fragen noch ganz anders aufgestellt war.
Von Verteilungsungleichheit wird nicht mehr gesprochen
Dass Geld, bevor es ausgegeben werden kann, erwirtschaftet werden muss, ist eine Binsenweisheit; dass es nicht immer bei denen landet, die es produktiv erwirtschaften, ebenso. Das Bild, das die Merz-Union aber malt, ist das eines unerbittlichen Marktes, dessen Logiken unverrückbar sind und denen der Mensch sich zu unterwerfen hat – wobei diejenigen, die am meisten vom Markt profitieren, außen vor gelassen werden sollen.
Es ist ein Bild von einem Markt, dessen Mechanismen von Zahlen und Kurven, Diagrammen und Quotienten bestimmt werden und nicht von Menschen. So sehr ist diese Geometrie in den Köpfen verankert, dass man in den USA oft schon nicht mehr von Verteilungsungleichheit spricht, sondern von der „k-shaped economy“ („k-förmige Wirtschaft“): Wie bei den beiden Schenkeln des K geht es für einige nach oben, für andere nach unten. Wie viele das jeweils betrifft, thematisiert man nicht unbedingt.
Ein anderes Bild vom Markt
Es gibt aber mindestens noch ein anderes Bild vom Markt: Das, welches sich uns bietet, wenn wir mittwochnachmittags, donnerstagsfrüh oder samstagsmittags über bestimmte Plätze in Deutschland flanieren, um uns mit regionalem Gemüse, Käsespezialitäten oder Kaffee aus der Rösterei um die Ecke einzudecken. Es sind Orte, an denen Menschen vor und hinter den Theken stehen, man einander grüßt und direkt miteinander handelt.
Ein solcher Markt ist übrigens kein Ort für naive Romantik: Die Waage will geeicht sein, um Betrug zu vermeiden. Die Hygienestandards wollen eingehalten werden, um Erkrankungen vorzubeugen. Man braucht ein waches Auge, damit offene Auslagen nicht die oder den einzelnen Flaneur*in zum schnellen unbezahlten Zugriff verführen. Es ist ein Markt, dessen Regeln die Interessen aller Beteiligten wahren sollen. Werden diese Regeln verletzt, ist der Rechtsstaat gefragt.
Der Markt als Zusammenwirken von Menschen
Dieses alternative Bild vom Markt unterstreicht, dass der Markt ein menschengemachtes Phänomen ist, und somit auch seine Regeln. Wenn die SPD also die Bezahlbarkeit von Lebensmitteln und die gerechte Beteiligung von Markterlösen am Gemeinwesen fordert, stellt sie die Menschengemachtheit des Marktes in den Vordergrund: Es geht um eine soziale Marktwirtschaft im besten Sinne des Wortes.
Mehr über diese soziale Marktwirtschaft zu sprechen, könnte auch ein potenzielles Dilemma der SPD lösen: Rückt sie nämlich nur nur den Sozialstaat in den Mittelpunkt, droht sehr schnell der Vorwurf, die SPD denke nur an das Verteilen von Wohltaten und wisse nur, wie man Geld ausgibt. Mit dem Bezug auf die soziale Marktwirtschaft aber kann sie die vielbemühte „wirtschaftliche Vernunft“ mit ureigenen Werten paaren, wie zum Beispiel dem „Respekt“, mit dem sie 2021 noch erfolgreich den Bundestagswahlkampf bestritt.
Die SPD kann so das Bild einer Wirtschaft mit Regeln zeichnen, die zudem mit ihrem Beitrag ins Gemeinwesen eingebunden ist, von diesem – zum Beispiel vom Bildungsangebot – ebenso abhängt und nicht unabhängig von diesem existiert. Viele Themen wie etwa die große Angst vor der überhypten „KI“, die Berücksichtigung von Sorgearbeit und anderes lassen sich hiermit verknüpfen. Die Ökologie, oft von der Sozialdemokratie unterbetont, ist in einem solchen Bild vom Markt ebenfalls ein wichtiger Faktor: Sozial ist auch, was die Natur schützt.
Soziale Marktwirtschaft als Gegengewicht zum Kapitalismus
Strategisch wie inhaltlich bietet sich also für die SPD die Möglichkeit an, den Begriff der sozialen Marktwirtschaft aktiv wiederzubeleben und zentral zu deuten. Daraus ließe sich sogar ein umfassendes, ganzheitliches und in sich schlüssiges Programm entwickeln. Nicht zuletzt würde die SPD das Themenfeld der Wirtschaft, das derzeit die Merz-Union allein zu besetzen versucht (und dabei zu einem Ort der Kälte macht), mitbeackern und damit einer allzu einseitigen Wahrnehmung ihrer Positionen entgegenwirken.
Der Kapitalismus, der allein auf die Anhäufung von Geld abzielt und andere Werte dafür gerne beiseite räumt, hätte ein diskursives Gegengewicht. Die Sozialdemokratie könnte mit einer klar ausformulierten Vorstellung der sozialen Marktwirtschaft im Rücken eine Wirtschaft von den Menschen für die Menschen mitgestalten.
ist Übersetzungswissenschaftler und beschäftigt sich mit Denk- und Sprechmustern in verschiedenen Kulturen. Gelegentlich schreibt er zu gesellschafts- und wissenschaftspolitischen Themen. Er trötet unter @OliverCzulo@spd.social.
Ich fände es Klasse, wenn die SPD die beschlossene Beschaffung von Waffen im Wert von etwa 1.000 Mrd. € in kurzer Zeit und den „gezielten Ausbau ´einer koordinierten europäischen Rüstungsindustrie´“ (9.2.26) nach dem Marktmodell von Oliver Czulo realisieren würde. Der will nicht den „unerbittlichen Markt, dessen Logiken unverrückbar sind und denen der Mensch sich zu unterwerfen hat“, sondern den, auf dem wir „mittwochnachmittags, donnerstagsfrüh oder samstagsmittags … flanieren, um uns … einzudecken“. Da hätten Pistorius, Klingbeil und Siemtje Möller bestimmt massive Einwände, denn auf diesem Markt könnten wir uns nicht - losgelöst von jeder ernsthaften Bedrohungsanalyse - gigantisch aufrüsten. Ein(e) Markt(wirtschaft) „an dem Menschen vor und hinter den Theken stehen, man einander grüßt und direkt miteinander handelt“ würde auch Kriegstüchtigkeit deutlich erschweren, eine Kompetenz, über die unsere Bevölkerung nach SPD-Vorstellungen ausdrücklich verfügen sollte.
Ich lese aus dem Artikel, dass Czulo mit sozialer Marktwirtschaft das Model des Wochenmarktes auf die Volkswirtschaft übertragen will. Wenn ich über den Wochenmarkt gehe, sehe ich auch die anheimelnde Spitze eines Eisberges, wo „man einander grüßt und direkt miteinander handelt“, ich sehe aber auch die damit verbundenen ökonomischen Vorgänge, die unterhalb der Eisbergspitze verborgen sind (und sechs Siebtel seines Volumens ausmachen): 10.000 bis 30.000 Einzelteilen zu beschaffen und daraus ein Auto zusammenzuschrauben, setzt schon ein paar „unverrückbare Logiken“ und „Mechanismen von Zahlen und Kurven, Diagrammen und Quotienten“ voraus.
SPD-Bas will übrigens „das Modell der sozialen Marktwirtschaft „zu einer digitalen sozialen Marktwirtschaft“ weiterentwickeln: der „moderne Sozialstaat als Plattformökonomie“. Das ist gut, sehr gut - für seinen Zugang. Die wichtigeren Bausteine des SPD-Modells Soziale Marktwirtschaft aber bleiben noch im Dunklen: Pflege, Rente, Krankenkasse.
Kommissionen sollen „Vorschläge bis zum Frühjahr 2027“ erarbeiten. Czulo hebt den Vorhang allerdings ein wenig, wenn er mit der SPD dafür wirbt, „dass reiche Erben sich gerecht am Steueraufkommen beteiligen; und dass das Gesundheitswesen zum Beispiel auch aus Kapitalerträgen mitfinanziert wird“, würde gut zur Sozialen Marktwirtschaft passen. Kommt aber nicht – weder mit noch ohne die CDSU.
SPD-Klingbeil hingegen braucht ein „neues Wirtschaftsmodell für Deutschland“, denn das alte überaus erfolgreiche - „billige (russische) Energie und eine stark auf Export ausgerichtete Wirtschaft“ (7.2.26) - haben wir verspielt, weil es „dem Westen nach seinem Sieg im Kalten Krieg nicht gelungen ist, Russland in gemeinsame europäische Sicherheitsstrukturen einzubinden“ (Blätter …, 4(2022)67). In diesem neuen Wirtschaftsmodell spielt massive Aufrüstung und der „gezielte Ausbau ´einer koordinierten europäischen Rüstungsindustrie´“ eine wichtige Rolle. Dieser Aufbau wird unsere Industriestruktur
nachhaltig verändern: Vielleicht stellt VW dann Panzer, Kanonen und Munition her und muss auf Krieg als Verkaufsförderung verweisen.
Ich glaube nicht, dass es die SPD wiederbeleben kann, wenn sie den gebrauchten, sperrigen Begriff der Sozialen Marktwirtschaft zu einem wichtigen Stichwort ihrer Programmatik machen wird. Außerdem: Was hilft die Soziale Marktwirtschaft, wenn, wie alle unsere Kriegsbesessenen uns ständig einbläuen, die Russen uns bald „großmasstäblich“ mit Krieg überziehen werden. Wenn Sozialstaat gegen Kriegshysterie steht, ist der Sozialstaat immer der zweite Sieger. Das werden wir sehen, ohne Putins Überfall auf uns, wenn bald die jährlichen Militärausgaben auf 150 Mrd. € angewachsen sind und die Zinsen für das Sondervermögen für Aufrüstung in voller Höhe anfallen werden. Dann konkurrieren 200 Mrd. € Militärausgaben jedes Jahr mit dem Sozialhaushalt, völlig egal, wie die SPD das Wirtschaftsmodell nennt.
Der Namen des Wirtschaftsmodells wiederbelebt die SPD nicht. Frieden in der Ukraine auf Betreiben der SPD könnte die Agonie beenden. Ist aber nicht zu erwarten.
Danke zunächst mal für die Auseinandersetzung mit meinem Beitrag. Dieser hat ja bei genauerem Hinschauen vor allem ein Kernthema: Agentivität, also zu Deutsch sozusagen die Frage, wer das Heft des Handelns in der Hand hat. Dass das von mir alternativ angebotene Bild des Marktes nicht die Komplexität einer Autobaulieferkette widerspiegelt, ist klar, aber das ist auch nicht das Ziel. Es geht darum, in den Blickfeld zu rücken, dass "der Markt" eben nicht reine Mathematik ist, sondern ein zunächst mal menschengemachtes Phänomen. Damit ist er nicht von Logiken der Mathematik etc. abgekoppelt, aber er ist auch kein Urzeitmonster, vor dem wir widerstandslos den Kopf neigen müssen. Letztere Unvermeidlichkeit wird aber gerne transportiert, wenn man von Alternativlosigkeit spricht, von Wachstumsquotienten etc. etc., Redeweisen also, die andere Aspekte an den Rand drängen sollen.