Berlin-Wahl: Fünf Thesen zum Sieg der Linken und zum Absturz der SPD
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Elif Eralp vorn, Steffen Krach und die SPD weit dahinter: So endete auch die Wahl für das Berliner Abgeordnetenhaus.
These 1: Das Bündnis mit der CDU hat der SPD geschadet
Im Frühjahr 2023 hat Franziska Giffey eine folgenschwere Entscheidung getroffen. Die Regierende Bürgermeisterin hätte im Amt bleiben können, doch die Sozialdemokratin entschied sich anders. Gerade war die Abgeordnetenhauswahl wegen Pannen wiederholt worden. Die rot-rot-grüne Koalition hatte zwar Stimmen eingebüßt, für eine Mehrheit hätte es trotzdem gereicht.
Stattdessen wandte sich die SPD der CDU zu und machte Kai Wegner zum Regierenden Bürgermeister. Dies war auch eine Folge der schlechten Stimmung innerhalb der bisherigen Koalition: SPD, Linke und Grüne hatten sich wenig gegönnt und viel gestritten. Das schwarz-rote Bündnis regierte harmonischer. Doch ein erheblicher Teil der Berliner Bevölkerung, der links und progressiv denkt, fand sich in der neuen Politik nicht wieder. Zum Beispiel ist es Schwarz-Rot nicht gelungen, eine ausreichende Antwort auf den überhitzen Berliner Mietwohnungsmarkt zu geben. Das so entstandene Vakuum konnte die Linke nutzen. Mehr als die Hälfte der Wähler*innen, die die SPD verloren hat, sind zur Linken abgewandert.
These 2: Die Linke hat sich einiges vom New Yorker Bürgermeister abgeschaut
Zohran Mamdani wurde im November 2025 zum Bürgermeister von New York gewählt. Der Wahlsieg glückte dem Demokraten mit einer für US-Verhältnisse fast radikalen linken Agenda. Und mit einem Wahlkampf, der konsequent auf moderne Social-Media-Kommunikation und Nahbarkeit ausgerichtet war.
Die Berliner Linke hat Mamdanis Wahlkampf als Blaupause genutzt und ihre Kampagne ganz auf Spitzenkandidatin Elif Eralp zugeschnitten. Ihr Vorname „Elif“ prangte groß auf den Wahlplakaten, so wie es in New York schon „Zohran“ vorgemacht hatte. Ihren Anhänger*innen rief Eralp zu: „Ihr alle zieht mit mir ins Rote Rathaus ein!“ Im Prinzip präsentiert sie sich als klassische Kümmerin – nur eben mit den neuen Mitteln des digitalen Wahlkampfes. Daraus können auch andere linke Parteien wie die SPD lernen.
These 3: Auch Berlin ist nicht immun gegen Rechtsextreme
Die AfD ist eine Anti-Berlin-Partei. Die Hauptstadt steht für Vielfalt, Toleranz, Weltoffenheit und vieles mehr, was die AfD verabscheut. Bis heute erfährt die Partei deshalb hier weniger Zuspruch als in Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern oder dem benachbarten Brandenburg.
Doch mit einem Wahlergebnis von 16,3 Prozent ist die AfD in der Spree-Metropole kein Randphänomen mehr. Sie konnte sogar die bisherige Berlin-Partei SPD (12,1 Prozent) überflügeln. Besonders stark ist die AfD in Ostberliner Randbezirken: In Marzahn-Hellersdorf stimmten 34,5 Prozent der Wähler*innen für die AfD. Anhänger*innen findet sie mittlerweile auch im Stadtkern, etwa Mitte (8,9 Prozent) oder Charlottenburg-Wilmersdorf (9,7 Prozent). Medienrecherchen – etwa von Correctiv – zeigen auf, dass sogar manche türkeistämmigen Menschen nicht davor zurückschrecken, die AfD zu wählen, trotz deren „Remigrations“-Politik.
These 4: Der Wahlkampf wurde mehr und mehr zu einem Zweikampf
Lange Zeit konnten sich gleich vier Parteien berechtigte Hoffnungen aufs Rote Rathaus machen. Mitte August lag die CDU in einer Insa-Umfrage noch mit 20 Prozent vor der Linken (19 Prozent). Nicht weit dahinter folgten die Grünen (16 Prozent) und die SPD (15 Prozent).
Doch je näher die Wahl rückte, desto stärker wurde sie als Abstimmung zwischen CDU und Linke wahrgenommen. Dieser Zweikampf setzte eine Dynamik frei, die der Linken im Schlussspurt in die Karten spielte: Ihr Ergebnis von 25,7 Prozent war in keiner Umfrage der vergangenen Wochen auch nur annähernd vorhergesagt worden. Grüne und SPD büßten auf den letzten Metern noch Stimmen ein.
Der Zweikampf-Effekt war am gleichen Tag auch bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern zu beobachten. Dort allerdings waren es SPD und AfD, die sich um den Titel des Wahlsiegers duellierten – zum Leidwesen der CDU, die letztendlich sogar aus dem Landtag flog.
These 5: Die Regierungsbildung in Berlin wird schwierig
Zwar hat die Berlin-Wahl mit der Linken einen klaren Wahlsieger hervorgebracht. Der Weg für Elif Eralp ins Rote Rathaus könnte trotzdem steinig werden. Zum einen, weil antisemitische Vorfälle an der Linke-Parteibasis bei den potenziellen Koalitionspartnern SPD und Grüne gar nicht gut ankommen. Da hilft es nicht, dass laut Medienberichten der Hamas-nahe Palästina-Aktivist Ibrahim Ibrahim und Clan-Chef Issa Remmo auf einer Wahlparty des Neuköllner Bezirksverbandes auftauchten.
Ein weiterer Stolperstein: Die Linke war mit der Forderung nach Enteignung großer Wohnungskonzerne („Vergesellschaftung“) in den Wahlkampf gezogen. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach lehnt das klar ab. Ironischerweise könnte ausgerechnet die Union der Linken nun die Tür zum Roten Rathaus öffnen: Die Bundesregierung will Vergesellschaftung verbieten, nicht zuletzt auf Drängen von CSU-Chef Markus Söder. Dies würde ein Konfliktthema in Koalitionsverhandlungen zwischen Linken, Grünen und SPD faktisch abräumen.
Rechnerisch ist auch eine schwarz-grün-rote Landesregierung unter Führung der CDU möglich. Weil alle drei Parteien zu den Verlierern der Berlin-Wahl gehören, würde ein solches Bündnis mit viel Ballast in die gemeinsame Arbeit starten. Auch strategisch spricht für SPD und Grüne einiges dagegen, der CDU das Amt des Regierenden Bürgermeisters anzutragen.