Kultur

Kinofilm „Staatsschutz“: Eine Staatsanwältin kämpft einsam gegen rechts 

28. August 2026 11:14:22
Eine junge Staatsanwältin wird zum Opfer rassistischer Gewalt. Doch ihr persönliches Drama steht damit erst am Anfang. Der Thriller „Staatsschutz“ wirft zwei Fragen auf: Wie gut schützt dieser Staat seine Bürger*innen gegen rechts? Und: Wen schützt er wirklich?
Szene aus dem Film "Staatsschutz"

Staatsanwältin Seyo (Chen Emilie Yan) gerät ins Fadenkreuz von Rechtsextremist*innen.

Die Warnung an die Staatsanwältin ist überdeutlich. „Verlassen sie unser Land, solange sie noch können“, raunt ein ihr Mann aus dem Justizapparat fast schon beiläufig zu. Womit gemeint ist: Dieses Land namens Deutschland sei nicht das Land von Seyo Kim.  

Verbindung zu rechtsextremen Verbrechen  

Diese Haltung bekommt die junge Frau im Laufe des Films „Staatsschutz“ immer wieder zu spüren. Vor Gericht erscheint die deutsch-koreanische Juristin wie das Idealbild einer selbstsicheren und wortgewandten Anklägerin. Alles scheint dafür zu sprechen, dass die Berufsanfängerin auf eine große Karriere zusteuert. Doch nach einer unerwarteten Wendung steht ihr Lebensentwurf infrage. Nur durch einen Zufall übersteht sie einen rassistischen Brandanschlag ohne größere äußere Verletzungen. Sie klinkt sich in die Ermittlungen ein und schließlich landet ein Tatverdächtiger vor Gericht.

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Doch ist es damit getan? Seyo findet immer mehr Hinweise darauf, dass es eine Verbindung zu vergangenen Fällen von rechtsextremer Gewalt gibt. Doch diese will außer ihr zunächst niemand erkennen. Ihre Kollegen und Vorgesetzte spielen alles herunter, legen ihr sogar Steine in den Weg bei der Aufklärung. 

Weil die Staatsanwaltschaft jemanden decken will? Oder weil sie längst von Rechtsextremist*innen unterwandert ist? Diese quälenden Fragen begleiten Seyo Tag für Tag. Auf eigene Faust sammelt die Staatsanwältin weitere Indizien und begibt sich in große Gefahr. Und dabei werden die inneren Verletzungen der anfangs so kontrolliert wirkenden Frau immer deutlicher.  

NSU und mehr: „Staatsschutz“ bezieht sich auf reales „Staatsversagen“ 

„Staatsschutz“ erzählt eine fiktive Geschichte, doch die realen Bezüge sind nicht zu übersehen. Einiges erinnert an das mehr als zweifelhafte Vorgehen von Polizei und Verfassungsschutz gegenüber der Terrorzelle „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), die zwischen den Jahren 2000 und 2007 migrantisch gelesene Menschen und eine deutsche Polizistin ermordet hat

Jahrelang wollten Ermittler*innen keinen rechtsextremen Hintergrund der Taten sehen. Bis heute ist unklar, wie groß das Netzwerk hinter dem NSU war, das dessen Taten überhaupt erst möglich gemacht hat. 

Regisseur Faraz Shariat hatte aber auch das „Staatsversagen in Hanau“, wie er es nennt, im Blick. Also den von Thomas R. verübten Mord an neun Menschen mit Migrationsgeschichte im Jahr 2020. Auch damals musste sich die Polizei wegen ihres Agierens heftige Vorwürfe gefallen lassen, bis hin zu institutionellem Rassismus. 

Vertrauensbrüche, Verharmlosungen und Momente der Frustration 

„Die Frage, ob Widerstand aus dem Inneren überhaupt möglich ist oder der staatliche Apparat doch in erster Linie eher sich selbst als die Bürger*innen schützt, ist im Film sicherlich eine zentrale“, sagt der deutsch-iranische Filmemacher über sein neues Werk. „Aber es geht eben auch darum, wo genau und warum immer diese Vertrauensbrüche, Verharmlosungen und Momente der Frustration passieren, von denen Opfer rechter und rassistischer Gewalt berichten.“  

Auch da müsse der Blick auf die Strukturen und das System selbst gerichtet werden. Zudem hinterfragt Faraz Shariat den Begriff der sogenannten Objektivität oder Neutralität aufseiten der Justiz. Führt Letztere gegenüber Nazis nicht am Ende zur Parteinahme? Auch diese Frage wirft der 32-Jährige auf. In Zeiten wachsenden Zulaufs für die rechtsextreme AfD erhält dieser Aspekt umso mehr Gewicht. 

„Staatsschutz“: Ein Film zwischen Thriller und Realität 

Nicht jede dieser politischen Implikationen lotet „Staatschutz“ bis in den hintersten Winkel aus. Und nicht alle Figuren entfalten ihre ganze Komplexität. Dennoch funktioniert die Erzählung ziemlich gut. Der Film wurde als Thriller konzipiert und lebt dementsprechend von einem anhaltend hohen Spannungslevel und einer zunehmenden Bedrohung durch Kräfte, die man immer deutlicher zu erkennen glaubt, ohne dass sie sich komplett enttarnen lassen. 

Vor diesem Hintergrund pendelt die Staatsanwältin Seyo zunehmend zwischen einer realitätsnahen Figur und einer stärker genrebezogenen Protagonistin: Wenn sie mit stoischer Miene in ihrem schwarzen Mustang über nächtliche Landstraßen brettert, erinnert sie mehr an eine ebenso einsame wie entschlossene Ninja-Kämpferin als an eine Juristin, die sich gegen zweifelhafte Tendenzen im Justizapparat stemmt.   

Insgesamt bleibt die Balance zwischen Genreelementen und Realitätsbezug gewahrt. Auch dank der Hauptdarstellerin Chen Emilie Yan. In ihrem Spielfilmdebüt ist es der 26-Jährigen gelungen, für die Zuschauenden den Zugang zu ihrer sehr vielschichtigen Rolle Szene für Szene zu erweitern, ohne Seyo dabei das letzte Quantum Geheimnis zu nehmen. Yan ist eine wahre Entdeckung und steht völlig zu Recht im Zentrum eines intensiven, aber nicht übermäßig komplexen Films, der Zuschauende beunruhigt zurücklässt. 

„Staatsschutz“(Deutschland 2023), Regie: Faraz Shariat, Drehbuch: Claudia Schaefer, Jee-Un Kim und Sun-Ju Choi, mit Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Akev Irnak, Arnd Klawitter u.a., 113 Minuten, FSK ab 12 Jahre. 

Im Kino 

www.plaion-pictures.com

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