Film „Ich verstehe Ihren Unmut“ gibt Niedriglohn-Arbeit ein Gesicht
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Objektleiterin Heike (Sabine Thalau) fasst selbst mit an, wenn in der Gebäudereinigung mal wieder etwas nicht nach Plan läuft.
Wer in der Gebäudereinigung arbeitet, ist viel unterwegs. Erst recht, wenn sie oder er Verantwortung trägt. Im Film „Ich verstehe Ihren Unmut“ ist die Kamera der Objektleiterin Heike, die die Arbeiten in mehreren Gebäuden anleitet, immer dicht auf den Fersen, oftmals mit dem Fokus auf ihren stämmigen Rücken. Auch an dem Nachmittag, an dem sie kurzatmig durch die Kellerräume eines Münchener Altenheimes hetzt. Vor einer Waschmaschine entdeckt sie etwas, das ihren Stresspegel noch weiter nach oben schnellen lässt.
Eine Kollegin aus dem Reinigungsteam liegt erschöpft am Boden. „Du weißt, du darfst eigentlich nicht mehr hier sein“, ermahnt Heike die Frau, die offenbar schon das Rentenalter erreicht hat. Eigentlich müsste sie längst woanders sein, schließlich ist der heutige Einsatz in der Senioreneinrichtung längst beendet. Heike flößt ihr etwas Traubenzucker mit Wasser ein und sie richtet sich tatsächlich wieder auf. Fragt sich nur, wie lange das gutgeht.
Gebäudereinigung zu Niedriglohn: Menschen arbeiten am Limit
Die Deutschen müssen mehr und länger arbeiten: Mit diesem Mantra hat Bundeskanzler Friedrich Merz seit seinem Amtsantritt immer wieder polarisierende Debatten losgetreten. Der Film von Regisseur und Co-Drehbuchautor Kilian Armando Friedrich zeigt, wie realitätsfern die Einlassungen des CDU-Chefs sind. Erst recht, wenn man auf körperlich anstrengende und schlecht bezahlte Branchen wie die Gebäudereinigung schaut, wo ein gesetzlicher Mindestlohn von 15 Euro pro Stunde gilt und ein durchschnittliches Bruttogehalt von 2600 Euro gezahlt wird.
„Ich verstehe Ihren Unmut“ erzählt von einem System, in dem viele Menschen permanent am Limit arbeiten und trotzdem wenig Geld haben. Die Reinigungsmittel stehlen, um über die Runden zu kommen. Die von Heike immer wieder aufgefordert werden, besser zu arbeiten, um die Kund*innen und den Chef bei Laune zu halten. Und die unter Druck gesetzt werden, unbezahlte Überstunden zu machen, weil sich im Dienstplan immer wieder Lücken auftun.
Niedriglohnsektor: Ein auf Kante genähtes System
In diesem organisierten Hexenkessel kämpft Heike, die im Notfall auch selbst zum Wischmopp greift, an mehreren Fronten. Mit dem Geschäftsführer sucht die 59-Jährige nach Wegen, um die kleine Firma durch die Untiefen des Niedriglohnsektors zu lotsen. Gleichzeitig ist sie bemüht, die Reinigungskräfte mit einer Mischung aus Fürsorge und Druck zu Höchstleistungen zu bringen. Nicht zuletzt plagt sich Heike mit Kundenbeschwerden herum. In letzterem Kontext fällt der titelgebende Satz.
Es kommt, wie es kommen muss: Irgendwann scheint dieses ohnehin auf Kante genähte System zu scheitern. Eines Tages droht ein wichtiger Subunternehmer damit, seine Unterstützung einzustellen, wenn er nicht mehr Stunden und Einsätze erhält. Das würde bedeuten, dass eine fest angestellte Kraft ihren Job verliert. Heike sitzt in der Klemme. Die Firma geht über alles, daher greift sie zu einer besonders perfiden Grenzüberschreitung. Diese ist auch deswegen ein Wendepunkt, weil Heike zunehmend klar wird, dass sie so nicht weitermachen kann. Doch hat sie die Kraft, sich von einer (selbst)ausbeuterischen Struktur zu lösen, die kaum Gemeinschaft kennt und vor allen Verlierer*innen produziert?
Film „Ich verstehe Ihren Unmut“: Wie Reinigungskräfte ein Gesicht bekommen
Friedrich, der eigene Erfahrungen in der Putzbranche mitbringt, gibt Menschen ein Gesicht, denen tagtäglich viel abverlangt und zugemutet wird. Die den Laden sprichwörtlich sauber und dadurch mit am Laufen halten, für die Auftraggeber*innen aber am besten unsichtbar bleiben sollen. Allein das macht sein Langfilmdebüt, das bei der Berlinale gezeigt wurde, hoch politisch.
Zur besonderen Wirkung trägt das große Maß an Authentizität bei: Das Ensemble besteht ausschließlich aus Laiendarsteller*innen, Hauptdarstellerin Sabine Thalau ist auch im echten Leben Objektleiterin einer Reinigungsfirma. Mit Blick auf den Arbeitsalltag bewegt sie sich wie in einem vertrauten Ökosystem, spiegelt mit ihrer mitunter schroffen und zugleich sensiblen Direktheit aber auch die Entwicklung einer Frau wider, die auf einen Abgrund zusteuert und immer mehr ihre Zerbrechlichkeit erkennen lässt. Schauspielerisch ist sie eine echte Entdeckung.
Mehrarbeit: Wieso sich der Film in die Debatte fügt
Hinzu kommt die auf das Nötigste reduzierte Erzählweise: In langen Einstellungen folgt die Kamera den Menschen, was das Ganze sehr realistisch und organisch anmuten lässt, wenngleich das Tempo wiederholt angezogen wird. Was dazu führt, dass sich die Erschöpfung der Auftretenden mitunter auf die Zuschauenden überträgt. Auf einen Soundtrack wurde konsequenterweise verzichtet.
Am Ende bleibt in dieser schnörkellos inszenierten, aber sehr berührenden Erzählung einiges offen, aber immerhin auch Raum für Hoffnung. Diese sei nicht nur, aber gerade all denen empfohlen, die beim Thema Mehrarbeit, zumal im Niedriglohnsektor, womöglich Bedarf haben, etwas genauer hinzuschauen.
Info:
„Ich verstehe Ihren Unmut“ (Deutschland 2026), ein Film von Kilian Armando Friedrich, mit Sabine Thalau u.a., 90 Minuten, FSK ab zwölf Jahre
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