Mit Behinderung im Landtag: Wie Katrin Gensecke für mehr Teilhabe kämpft
Katrin Gensecke im Landtag von Sachsen-Anhalt, dem sie seit fünf Jahren angehört
Ihre Erkrankung merkt man Katrin Gensecke nicht sofort an. Die Treppen im Magdeburger Landtagsgebäude nimmt die 54-Jährige zu Fuß, um ihren Besuch abzuholen. Nur ein leichtes Hinken verrät, dass ihr das Laufen schwerer fällt als anderen. Der Rollstuhl steht bei ihr zu Hause auf dem Dachboden, erzählt sie. Zurzeit brauche sie ihn nicht. „Darauf bin ich stolz“, sagt sie.
Es gab eine alte Zeit: vor der SPD, vor dem Einzug in den Magdeburger Landtag, vor der Krankheit. „Sport war mein Leben“, sagt Katrin Gensecke über ihre Kindheit und Jugend in Thüringen. Sie fuhr Rennschlitten, interessierte sich für zahlreiche andere Disziplinen und zog nach dem Abitur nach Magdeburg, um Sport und Geschichte zu studieren. Gegen Ende des Studiums kamen die ersten Ausfallerscheinungen.
Die Diagnose war ein Wendepunkt
Angefangen hat es mit einem heftigen Sportunfall. Den hat jeder Leistungssportler mal, dachte sie. Doch ihr Körper erholte sich kaum, sie fühlte sich kaputt. Dann veränderte sich das Sprachvermögen. Plötzlich fiel es ihr schwer, zusammenhängende Wörter zu finden und Sätze zu formulieren. Die Ursache konnte lange niemand finden, bis einem Arzt ihr Gangbild auffiel und er sie an einen Nervenarzt überwies. So bekam sie schließlich eine Diagnose: Multiple Sklerose, eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Sie ist bislang nicht heilbar und kann zu schweren Behinderungen führen.
Genseckes Zukunftsträume zerplatzten. Gleichzeitig war sie froh, endlich zu wissen, was mit ihr los war. Das Studium brach sie ab und begann eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten, die sie 1997 abschloss. Doch nur ein Jahr später wurde sie über die Krankenkasse aufgefordert, sie Erwerbsminderungsrente zu beantragen. Den Job hätte sie gerne weiter ausgeübt, aber mittlerweile musste sie die meiste Zeit des Tages sitzen.
Ihre Chef*innen signalisierten ihr, dass sie eine Mitarbeiterin, die nicht voll leistungsfähig sei, nicht gebrauchen könnten. „Das war natürlich ein Schlag ins Gesicht“, erinnert sich Gensecke. Mittlerweile weiß sie: Wenn sie eine gute Arbeit hat, wo sie sich wohlfühlt und wertgeschätzt wird, treten auch die Symptome seltener auf. Doch diese Wertschätzung fehlte damals, und sie fiel in ein mentales Loch.
Geholfen hat ihr die Familie. „Ich hatte einen fantastischen Partner an meiner Seite, der hat gesagt: jetzt erst recht!“, schwärmt sie. Beide heirateten, was für sie auch eine Absicherung bedeutete. Katrin Gensecke wurde schwanger, bekam eine Tochter. Sie sagte sich: Das Kind ziehst du groß. Und sie beschloss, sich für andere Betroffene einzusetzen, die ähnliches erlebt haben wie sie.
„Nichts über uns ohne uns“ – dieser Satz wurde zu ihrem politischen Leitmotiv
Wie beantragt man einen Schwerbehindertenausweis? Welche Rechte sollte man kennen? Das fand sie heraus und begann, eine Selbsthilfegruppe der DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft) in Sachsen-Anhalt zu gründen. Sie wollte aber nicht nur im Stuhlkreis sitzen und sich gemeinsam mit den anderen selbst bedauern. Also lud sie Referent*innen ein, die Praxiswissen mitbringen: aus der Rentensicherung oder dem Landesverwaltungsamt. „Das hat eine Weile gut geklappt, aber irgendwann war die Kaffeetrinkrunde wichtiger“, berichtet sie.
Da sei ihr klar geworden: Wirklich etwas für Menschen mit Behinderung verändern könne sie nur, wenn sie sich einer Partei anschließt. Die SPD erschien ihr als logische Wahl. Nicht zuletzt wegen ihres Großvaters, der Willy Brandt verehrte und mit Katrin, als sie 14 Jahre alt war, Bundestagsdebatten im Fernsehen geschaut hatte.
2011 trat Gensecke in die SPD ein und gründete kurz darauf auf Landesebene die Arbeitsgemeinschaft „Selbst Aktiv“ mit, deren Co-Bundesvorsitzende sie heute ist. Hier lautet das Motto: „Nichts über uns ohne uns!“ Was bedeutet: Wenn eine Entscheidung das Leben von Menschen mit Behinderung betrifft, dann müssen diese direkt beteiligt und auch in Abstimmungsprozesse eingebunden werden.
Gensecke kämpft für Inklusion auf dem Arbeitsmarkt
Eines der wichtigsten Anliegen von Katrin Gensecke: Der Arbeitsmarkt soll inklusiver werden. Sie wollte selbst wieder ins Berufsleben einsteigen, schrieb Dutzende Bewerbungen. Doch sie stellte fest, dass viele Arbeitgeber*innen ein falsches Bild im Kopf haben und glauben, dass Arbeiten mit Behinderung nicht funktioniere. Dabei gebe es bereits viele Instrumente, um das zu ändern: Ansprechstellen für Arbeitgeber*innen, Integrationsämter, ein „Budget für Ausbildung“, mit dem der Staat die betriebliche Erstausbildung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterstützt.
Trotzdem gebe es immer noch zu viele Werkstätten und zu wenig inklusive Arbeitsplätze auf dem regulären Markt. Dabei würden die Unternehmen doch ständig einen Fachkräftemangel beklagen, wundert sich Gensecke. Ein Blick in die Statistik zeigt: Überdurchschnittlich viele arbeitslose Menschen mit Schwerbehinderung sind gut qualifiziert. Sie verfügen über eine Berufsausbildung, manche auch über einen akademischen Abschluss.
Im Jahr 2021 kandidierte Gensecke erfolgreich für den Landtag von Sachsen-Anhalt. Zu diesem Zeitpunkt kämpfte ihr Mann schon mehrere Jahre gegen den Krebs. Vor seinem Tod pflegte sie ihn fast ein Jahr lang. Sie wollte nun für ihn da sein, so wie auch er sich in den schweren Zeiten immer um sie gekümmert, ihr aus den körperlichen und mentalen Tiefs herausgeholfen hatte. Trotz der Krankheit bestärkte ihr Mann sie, die Arbeit im Landtag fortzuführen. Nun sitzt sie kurz vor dem Ende der Wahlperiode in ihrem Landtagsbüro und sagt leise: „Ich glaube, er wäre jetzt sehr stolz auf mich.“
Warum Gensecke bei einem Wahlsieg der AfD um die Inklusion fürchtet
Ob sie nach der Wahl am 6. September weitermachen kann, werden die Wähler*innen entscheiden. Die SPD schwankt in Umfragen zwischen fünf und sieben Prozent, während die rechtsextreme AfD mehr als 40 Prozent Zuspruch erhält. Also eine Partei, die Inklusion im Wahlprogramm als gescheitertes Experiment bezeichnet und Kinder mit Behinderungen in Förderschulen stecken will.
Dort würden sie aber kaum auf ein reguläres Berufsleben vorbereitet, kritisiert Gensecke. Im Landtag konnte sie jahrelang beobachten, wie die AfD über Menschen mit Behinderungen diskriminierend denkt. Was für deren selbstbestimmte Lebensformen erreicht wurde, drohe verlorenzugehen, ist die Sozialdemokratin überzeugt. „Die werden alles Erkämpfte zurückdrehen und einstampfen.“
Gensecke hält dagegen. Gemeinsam mit Karl Finke, dem Co-Bundesvorsitzenden der AG Selbst Aktiv, hat sie Ende Juli eine Sternfahrt nach Magdeburg organisiert. 40 Teilnehmende aus dem ganzen Bundesgebiet sind in die Landeshauptstadt gekommen, um mit einem Stand am Willy-Brandt-Platz vor dem Bahnhof ein Zeichen zu setzen: für Barrierefreiheit, inklusive Arbeit, Bildung und die volle politische Mitentscheidung behinderter Menschen.
Zu tun gebe es viel, meint die SPD-Politikerin: Deutschland habe immer noch keine Antidiskriminierungsrichtlinie, die private Dienstleister und Anbieter in die Pflicht nimmt und zum Beispiel barrierefreie Zugänge zu Schwimmbädern oder Gaststätten vorschreibt.
Am 6. September wird der Landtag von Sachsen-Anhalt neu gewählt. Zwei Wochen später stehen Urnengänge in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern an. Fast jeder zehnte Mensch in Deutschland hat eine amtlich anerkannte Schwerbehinderung. Die Wahlen werden mit darüber entscheiden, ob ihre Anliegen in Zukunft Gehör finden.