Kultur

Film „Mit der Faust in die Welt schlagen“: Wenn Kinder falsch abbiegen

Wie und warum radikalisieren sich Jugendliche? Um diese Frage dreht sich der Kinofilm „Mit der Faust in die Welt schlagen“. Mit einem präzisen Blick auf die Geschichte zweier Brüder in Ostdeutschland will die Romanverfilmung für ein dringliches Thema sensibilisieren, ohne zu belehren.

von Nils Michaelis · 4. April 2025
Camille Moltzen in "Mit der Faust in die Welt schlagen"

Tobias (Camille Moltzen) wehrt sich verzweifelt gegen den Zerfall seiner Familie.

An einem dieser unzähligen fordernden Tage kann Sabine einfach nicht mehr. „Ich kotze!“, schreit sie mit aller Kraft durch ihren Garten hinter dem Siedlungshaus. „Wo ist euer Vater?“ Kurz zuvor gab es eine heftige Kabbelei zwischen ihren Söhnen um ein Luftgewehr. Dabei löste sich ein Schuss. Einer der Jungs wird getroffen, aber nicht ernsthaft verletzt. Das hätte aber auch schiefgehen können. Wie so vieles andere in dieser Familie im Osten von Sachsen.

Überforderte Eltern in der Nachwendezeit

Was Menschen im Kindesalter verpassen, können sie später schwerlich oder gar nicht nachholen, sagen Psycholog*innen. So lautet ein Erklärungsansatz für das radikale Potenzial einiger Menschen, die in der ehemaligen DDR verwurzelt sind. 

Damit wird gemeinhin folgende Erzählung verknüpft: Nach der Wiedervereinigung wurden im Osten viele Kinder und Jugendliche sich selbst überlassen. Anstatt emotional und geistig für den Nachwuchs da zu sein, waren die Mütter und Väter vor allem mit sich selbst beschäftigt. Sie mussten den alles umwälzenden Umbau der Gesellschaft bewältigen, wurden arbeitslos, waren überfordert. Diese Vernachlässigung ließ etliche Kinder entwurzelt aufwachsen. Viele von ihnen suchten Halt in rechtsextremen Subkulturen. So wuchs ein radikales Potenzial heran. Mit Folgen bis heute.

Wie alle anderen Narrative kann man auch dieses kritisch betrachten. Wirkungsmächtig ist es so oder so. Die Regisseurin Constanze Klaue griff es für ihren Kinofilm „Mit der Faust in die Welt schlagen“ zumindest teilweise auf. Es ist eine freie Adaption des gleichnamigen Romans von Lukas Rietzschel, der darin die Radikalisierung zweier Jugendlicher in der ostdeutschen Provinz beschreibt. Die 1985 geborene Filmemacherin ließ zudem persönliche Erfahrungen als Nachwendekind einfließen.

In dieser Familie ist vieles unfertig

Im Zentrum der um die Jahrtausendwende einsetzenden Geschichte steht die Geschichte der eingangs erwähnten Brüder. Philipp (etwa zwölf Jahre alt) und Tobias (circa acht Jahre) leben mit ihren Eltern in einem Dorf in der Oberlausitz. Seit Jahren werkelt Vater Stefan am neuen Eigenheim, doch auch lange nach dem Einzug ist noch immer vieles provisorisch. 

Unfertig und haltlos ist auch vieles andere in der Familie. Stefan ist ständig irgendwo „im Westen“ auf Montage. Von einem Tag auf den anderen Tag verliert er seinen Job als Elektriker, „weil die Polen weniger kosten“, so seine eigenen Worte. Mutter Anja schiebt als Krankenschwester Schichtdienst und ist, ebenso wie Stefan, selbst in scheinbar trauten Momenten des Familienlebens mit dem Kopf meistens woanders. 

Klaues Film zeigt, wie prekäre äußere Umstände, aber auch persönliche Schwächen der Eltern diese Familie immer mehr Richtung Abgrund treiben. Die Söhne begegnen dem emotionalen Vakuum auf ihre Weise. Der zunehmend von Waffen und Gewalt faszinierte Philipp schließt sich einer Gruppe von Neonazis an – die Baseballschlägerjahre sind in dieser abgehängten Gegend noch sehr lebendig. 

Der wesentlich sensibler und aufgeweckter wirkende Tobias klammert sich an die Idee einer intakten Familie und muss hilflos zusehen, wie sie zerbricht. Nach einem Zeitsprung lernen wir die Geschwister als junge Erwachsene kennen und gewinnen nun ein ganz anderes Bild von ihnen.

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Wie sind Philipp und Tobias zu dem geworden, was sie sind? Welchen Anteil hat daran der gesellschaftliche Kontext? Und was sagt all das über andere Jugendliche mit einem vergleichbaren Lebensweg aus? Endgültige Antworten auf solche weitreichenden Fragen liefert dieser Film nicht. Klaue setzt vor allem das präzise Beobachten von Situationen und Wendepunkten im Leben von zwei Heranwachsenden in einem von Entwurzelung erfassten Umfeld. Dem Publikum bleibt dabei reichlich Interpretationsspielraum.

Eindringliche Bilder für die stille Wut

Mit ihrer von moralisierenden Anwandlungen und psychologischen Deutungen nahezu freien Erzählung will Klaue für eine gesellschaftliche Entwicklung sensibilisieren, die in öffentlichen Debatten oder cineastisch meist nur oberflächlich betrachtet wird. Von großer Tiefe sind hingegen viele der fast beiläufig eingefangenen Szenen aus dem Alltag von zwei Brüdern, die nicht wissen, wohin mit ihrer stillen Wut. 

Diese Tiefe lebt auch vom Fragmentarischen: Viele der meist mit beweglicher Handkamera gedrehten Szenen beginnen und enden unvermittelt, sodass man ein Gefühl für die Orientierungslosigkeit und Verunsicherung der kleine und große Protagonist*innen bekommt. 

Dazu fällt positiv auf, dass klischeehafte Bilder über den Alltag im Osten vermieden werden: Hier marschieren keine grölenden Glatzen durchs Bild, stattdessen agiert der nette Langhaarige von nebenan als brauner Verführer. Eindringlich sind auch die Bilder von der Oberlausitz als Naturidyll: nicht nur, aber auch als Kontrast zum ansonsten eher tristen Alltag von Tobias und Philipp. 

Ein Alltag, der Denkanstöße zum großen Ganzen, nicht nur mit Blick auf Ostdeutschland, offeriert, selbst wenn vieles im Vagen bleibt. 

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ (Deutschland 2025), ein Film von Constanze Klaue, mit Anton Franke, Camille Moltzen, Anja Schneider, Christian Näthe u.a., 110 Minuten.

Im Kino. Weitere Infos unter across-nations.de

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