Bücher für Sozialdemokraten: Last-Minute-Geschenktipps zu Weihnachten
Bald ist Weihnachten und es fehlt noch immer das passende Geschenk? Bücher gehen immer. Und diese gefallen Sozialdemokrat*innen bestimmt.
Kai Doering | vorwärts
Willys verwegene Idee
Marlene Dietrich als Bundespräsidentin? Auf diese Idee kommen im Jahr 1964 der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, und sein Sprecher Egon Bahr. Mit dem Coup, die Schauspielerin und bekennende Antifaschistin zur Herausforderin des konservativen Amtshinhabers Heinrich Lübke zu machen, überraschen die beiden nicht nur die CDU.
Mit „Transit 64“ legt das Autorentrio BudeMunkWieland, hinter dem sich der Soziologe Heinz Bude, die Schriftstellerin Karin Wieland und die Illustratorin Bettina Munk verbergen, ein interessantes Gedankenspiel vor, das – obwohl halber Roman, halbe Graphic Novel – auch viele reale Bezüge zum Leben Dietrichs und Brandts enthält. Und wer weiß, wie die Geschichte verlaufen wäre, wäre Marlene Dietrich damals tatsächlich zur Wahl angetreten.
BudeMunkWieland: Transit 64, Hanser Verlag 2025, ISBN 978-3-446-28420-3, 25 Euro
Anleitung zum Ungehorsam
„Unsere Gesellschaft ist in weiten Teilen harmoniesüchtig und, das muss man so deutlich sagen, fast schon krankhaft auf Anpassung und Gehorsam getrimmt, sodass sie es gemeinhin lieber artig mag“, stellen Matthias Meisner und Paul Starzmann fest. Und das, davon sind die Journalisten überzeugt, tut der Gesellschaft nicht gut – zumal in einer Situation, in der der Rechtspopulismus erstarkt und die Interessen der Wirtschaft überhand nehmen.
Mit ihrem Buch „Mut zum Unmut“ legen Meisner und Starzmann deshalb „eine Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit“ vor. Sie haben dafür zahlreichen Menschen getroffen, die sich dem Mainstream widersetzen und so zum Vorbild für die Leser*innen taugen können. Abgerundet wird das Buch von den „zwölf Geboten der Renitenz“, einer praktischen Anleitung im Kurzformat. Denn zwar hielten die Braven die Gesellschaft zusammen. „Die Renitenten allerdings bringen sie voran.“
Matthias Meisner, Paul Starzmann: Mut zum Unmut. Ein Anleitung zur politischen Widerspenstigkeit, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. 2025, ISBN 978-3-8012-0707-6, 22 Euro
Frieden in der Ukraine – und dann?
Gibt es noch in diesem Jahr Frieden in der Ukraine? Während Russland und die USA noch über eine Lösung verhandeln (oder zumindest so tun), wirft Carlo Masala bereits einen Blick auf die Zeit danach. „Wenn Russland gewinnt“ heißt der Titel des Szenarios, das der Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr entwirft.
Im Frühjahr 2025 haben die Ukraine und Russland darin Frieden geschlossen – einen Frieden, für den die Ukraine zwanzig Prozent ihres Territoriums aufgeben und eine dauerhafte Neutralitätsklausel in ihre Verfassung aufnehmen muss. Europa ist dennoch erleichtert, zumal Putin seine Amtsgeschäfte an einen deutlich Jüngeren abgibt. Doch der scheinbare politische Frühling ist trügerisch: Drei Jahre später greifen russische Truppen das Baltikum an.
Was passiert, wenn der Krieg in der Ukraine endet? Masalas Buch gibt – mögliche – Antworten, die mehr Sorgen als Hoffnung hinterlassen.
Carlo Masala: Wenn Russland gewinn. Ein Szenario, C.H.Beck 2025, ISBN 978-3-406-82448-7, 15 Euro
Eine Mischung aus Höcke und Palmer
Alles beginnt mit einem Autounfall irgendwo in Süddeutschland. Unversehens findet sich der englische Journalist Jeremy Ash im Krankenhaus einer Stadt wieder, von der er nie zuvor gehört hat. Schon bald merkt er, dass der Oberbürgermeister Thorwald Burger auf die Menschen hier eine besonders Faszination ausübt. Er verfügt ein allgemeines Rauchverbot in der gesamten Stadt und verewigt sich in monumentalen Bauten wie einer Fahrradbrücke, die so hoch ist, dass die meisten Radfahrer beim Überqueren Höhenangst bekommen. Als Burger und Ash sich dann zufällig eines Nachts auf der Straße begegnen, nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Autor Joachim Zelter entwirft in „Hoch oben“ eine hochinteressante Gesellschaftsutopie im Format einer deutschen Stadt, in der Wirklichkeit und Fiktion zunehmend verschwimmen. Die Figur des Oberbürgermeisters Burger erinnert manchmal an Boris Palmer, den Oberbürgermeister von Tübingen, und manchmal an Thüringens AfD-Chef Björn Höcke. Wie gut, dass am Ende alles nur Fiktion ist. Oder vielleicht doch nicht?
Joachim Zelter: Hoch oben, Kröner Verlag 2025, ISBN 978-3-520-75203-1, 22 Euro
Wie Rechtspopulisten den Wohlstand zerstören
„It's the economy, stupid!“ Mit diesem Slogan zog Bill Clinton 1992 in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf – und gewann sie gegen Amtsinhaber George Bush. Wäre wirklich die Wirtschaft der entscheidende Faktor, wie von Clinton behauptet, dürften Rechtspopulist*innen keine Chance haben. Denn egal, ob sie Donald Trump, Marine Le Pen oder Alice Weidel heißen, sie alle agitieren gegen Freihandel, die Europäische Union und den Klimaschutz – und setzen damit den Wohlstand aller aufs Spiel.
Wie sie das machen, warum Reiche bei einem Erfolg der Rechten noch reicher werden und wie eine Wirtschatspolitik aussehen müsste, um Wähler*innen zurückzugewinnen, macht Alexander Hagelüken, Leitender Redakteur für Wirtschaftspolitik der „Süddeutschen Zeitung“, deutlich. Denn klar ist: Die „Ökonomie des Hasses“ zerstört unser aller Wohlstand, auch wenn die, die ihn betreiben, uns das Gegenteil weismachen wollen.
Alexander Hagelüken: Die Ökonomie des Hasses, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. 2025, ISBN 978-3-8012-0701-4, 26 Euro
Was junge Menschen in Ostdeutschland prägt
Hätten bei der Bundestagswahl nur die 18- bis 24-Jährigen ihre Stimme abgegeben, wäre die Linke als Siegerin hervorgegangen, dicht gefolgt von der AfD. In den ostdeutschen Bundesländern lag die AfD bei der „Generation Z“ durchgängig auf dem ersten Platz. „Dass meine Generation die negativen Erfahrungen, die all die Jahre von der Politik nicht bearbeitet wurden, mit in die Wiege gelegt bekommen hat, scheint mir eine plausible Erklärung dafür zu sein, dass populistische Parteien gerade unter jungen Leuten so viele Anhänger finden“, schreibt Nora Zabel in ihrem Buch „Vereint in Zerrissenheit“.
Zabel, 1996 in Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern geboren und seit frühester Jugend in der CDU aktiv, analysiert in ihrem Buch „die ostdeutsche Generation Z zwischen zwei Welten“ – geboren in der Bundesrepublik und doch geprägt von den Erfahrungen der Wendezeit und – über die Eltern – der DDR. Ein Schluss ihres sehr persönliches Buches lautet: „Vielleicht sollten wir uns weniger fragen, ob wir eine ostdeutsche Identität wollen, sondern warum wir immer noch so krampfhaft darüber diskutieren müssen.“
Nora Zabel: Vereint in Zerrissenheit. Die ostdeutsche Generation Z zwischen zwei Welten, Droemer 2025, ISBN 978-3-426-56344-1, 21 Euro
Reichstagspräsident wider Willen
In diesem Jahr wäre Paul Löbe 150 Jahre alt geworden. Obwohl der Sozialdemokrat zwischen 1920 und 1932 fast durchgängig als Präsident die Geschicke des Reichstags lenkte und damit eine der prägenden Figuren der Weimarer Republik war, gab es über ihn bisher keine Biografie. Victoria Krummel hat das geändert. Auf knapp 350 Seiten beschreibt sie, wie aus dem schlesischen Tischlersohn der von allen Seiten geachtete Repräsentant des ersten deutschen Parlamentarismus wurde.
Krummel recherchierte dafür im Nachlass Löbes und machte sogar bisher unbekannte Nachkommen ausfindig. „Paul Löbe wollte wohl nie von sich aus einen höheren Posten, sondern musste mehr oder weniger dazu überredet werden“, lautet eines von Krummels Ergebnissen, die sie kurzweilig aufgeschrieben hat. Dass Paul Löbe dennoch zum Langzeit-Reichstagspräsidenten wurde, hat zwar nicht die Demokratie gerettet, ihr aber dennoch Glanz verliehen.
Victoria Krummel: Paul Löbe. Ein Leben für die Demokratie, Osburg Verlag 2025, ISBN 978-3-95510-380-4, 28 Euro
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.