40 Jahre Atomunfall von Tschernobyl: „Wir brauchen mehr Risikobewusstsein“
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Nach dem Super-GAU: Blick auf den zerstörten Reaktorblock des Atomkraftwerks Tschernobyl im Juni 1986.
Nach der Explosion von Block 4 im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl war die Welt eine andere. Spätestens jetzt war klar, mit welchen Risiken die Kernenergie verbunden ist. Der ausschließlich aus Archivmaterial montierte Film „Tschernobyl 1986 – der Super-GAU“ erzählt vom unterschiedlichen Umgang mit dem verheerenden Störfall in Ost und West. Für Regisseur Volker Heise ist all dies keine abgeschlossene Geschichte, die uns nichts mehr angeht. Den Film sieht er als Parabel über die technische Zivilisation und ihre Krisen.
Historische Stoffe wie Tschernobyl seien nur interessant, wenn sie etwas über unsere Gegenwart erzählen, erklärten Sie in einem Interview anlässlich Ihres neuen Films. Was sagt der damalige Umgang mit der Reaktorkatastrophe über die heutige Zeit?
Dass man besser einen Kommunikationsberater an der Seite haben sollte, bevor man sich hinstellt und erklärt, all das wird nicht gefährlich für uns. Der damalige CSU-Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, der dies in Bezug auf die Strahlenbelastung im Fernsehen gesagt hat, wirkte ziemlich hilflos. Die politische Kommunikation hat sich seitdem stark verändert.
Mit Blick auf das Krisenmanagement 1986: Ist Deutschland heute krisenresilienter?
Wenn man zum Beispiel auf die Corona-Pandemie blickt, würde ich sagen, die damalige Regierung hat es wenigstens versucht. Allerdings kommen Katastrophen immer wie aus dem Nichts. Die Gesellschaft, ihre Institutionen und die Politik können darauf nur bedingt vorbereitet sein. Es kommt darauf an, dass die Regierung klar kommuniziert, was sie zum Schutz der Bevölkerung leisten kann und was nicht. Während Corona tauchten ständig Narrative auf, die diese Bemühungen unterliefen. Das sind gesellschaftliche Prozesse, die man schwer vorhersagen oder kontrollieren kann.
„Das Versprechen der Kraftwerksbetreiber, es werde niemals und nirgendwo einen Super-GAU geben, war gebrochen.“
Zurück zu Tschernobyl: Die Sowjetunion war ein totalitäres System. Informationen kamen schwer von unten nach oben, weil die da unten Angst vor den Reaktionen von denen dort oben hatten, wenn sie schlechte Nachrichten hatten. Daher dauerte es so lange, bis erste offizielle Informationen nach außen drangen. In offenen Gesellschaften ist so ein Mechanismus undenkbar. Diesen Unterschied wollten wir aufzeigen.
„Unvorhergesehene Ereignisse verändern von einem Tag zum anderen unseren Alltag, verschärfen gesellschaftliche Widersprüche und setzen kaum noch zu kontrollierende Dynamiken in Gang“, heißt es in einem Ihrer Statements zum Film. Inwiefern war die Gesellschaft in der BRD und DDR nach Tschernobyl eine andere?
In der DDR wurde der Super-GAU beschwiegen, er war offiziell kein Thema. Bis heute ist er für die Menschen in Ostdeutschland keine so große Sache, weil es zu DDR-Zeiten keine wirkliche öffentliche Auseinandersetzung gegeben hat. Im Westen hatte die Katastrophe eine andere Wirkung, in der Folge wurde die Kernkraft zunehmend abgelehnt. Das Versprechen der Kraftwerksbetreiber, es werde niemals und nirgendwo einen Super-GAU geben, war gebrochen. Der Informationsgrad in der alten Bundesrepublik ist wesentlich höher. Das ist zumindest meine persönliche Erfahrung.
Sie haben Parallelen zwischen der Kernenergie und anderen Technologien wie Internet und KI gezogen, die anfangs euphorisch begrüßt wurden, bevor sie ihre risikobehafteten und unkontrollierbaren Seiten offenbart haben. Fühlen wir uns in der technisierten Welt zu sicher?
Wir denken, die Technologie kann uns alles abnehmen und sämtliche Probleme lösen. Doch jeder technische Fortschritt hat eine andere Seite, die ich als kleinen Teufel bezeichnen würde. Den sollte man immer im Auge behalten. Man muss immer wissen, worauf man sich einlässt. Das zeigt das Beispiel Tschernobyl. Allerdings bezieht unser Film keine Position pro oder kontra Atomkraft. Wir wollten darstellen, was passieren kann, wenn sie außer Kontrolle gerät.
Braucht eine Risikogesellschaft mehr Risikobewusstsein?
Ja, absolut. Nehmen wir nur den Iran-Krieg: Die Ölpreise sind gestiegen und erste Fabriken mussten schließen. Daran wird deutlich, wie krisenanfällig unser System ist. Wir sollten uns besser auf derartige Situationen einstellen.
Ihr Film besteht ausschließlich aus Archivmaterial. Wie sind Sie vorgegangen, um daraus eine Erzählung zu formen, die zunehmend alptraumhaft wird?
Mein Ansatz war, alles wegzuräumen, was andere Filme bereits gezeigt haben, und mich auf die Quellen zu konzentrieren. Ich wollte die Geschichte allein aus dem Material heraus erzählen, also mit der Geschichte erzählen und nicht über sie. Ich wollte mich auf Augenhöhe mit der damaligen Zeit bewegen und dem Publikum ein Gefühl davon vermitteln. Während der ersten beiden Wochen kamen aus Tschernobyl so gut wie keine Bilder. Also fokussierten wir uns zunächst darauf, wie Medien und Öffentlichkeit im Westen mit dem Thema umgingen.
„Die Argumente für und gegen die Kernkraft haben sich seit 1986 nicht geändert.“
Nach dem 10. Mai gab es mehr und mehr Bildmaterial vom Ort des Geschehens in der Ukraine. Ab dann verbreitete der Kreml die Geschichte von heldenhaften Sowjetsoldaten, die durch ihren lebensgefährlichen Einsatz am zerstörten Reaktor die atomare Gefahr besiegen. Diese propagandistisch gefärbten Aufnahmen haben wir wie Archäolog*innen auseinandergenommen und neu zugeordnet.
Sie haben Tschernobyl als Wendepunkt in Ihrem Leben bezeichnet. 40 Jahre danach fordern Unionspolitiker*innen wie Markus Söder eine Rückkehr zur Kerntechnologie. Was löst das in Ihnen aus?
Wenn Markus Söder von sogenannten kleinen Atomkraftwerken spricht, die niemals explodieren werden, kann ich nur den Kopf schütteln. Die Argumente für und gegen die Kernkraft haben sich seit 1986 nicht geändert. Und denken wir an die Katastrophe von Fukushima. Atomkraftwerke sind Atomkraftwerke, egal wie groß sie sind. Herr Söder betreibt Schönmalerei. Gerne kann er sich ein kleines AKW in seinen Garten stellen - aber seine Nachbarn werden nicht erfreut sein.
„Tschernobyl 1986 – der Super-GAU“, Regie und Drehbuch: Volker Heise, 90 Minuten.
Der Film ist in der ARD-Mediathek abrufbar.
Weitere Informationen unter ard.de
Und ausgerechnet Söder, der nach Fukushima auf einen schnellen Ausstieg aus der Atomkraft drängte, will nun so wie Flintenuschi plötzlich zur Atomkraft zurück, wobei die SMR-Kraftwerke eine Entwicklungszeit von 10-15 Jahren benötigen, wenn wir längst hoffentlich saubere Sonnen- und Windenergie haben werden. Andererseits wehrt Söder sich gegen die Lagerung von Atommüll in Bayern. Allein die Castor-Transporte kosten 150 Mio. Euro.
Und wo will Söder das benötigte Uran her beziehen, Frankreich bezieht ein Viertel davon ausgerechnet aus Russland.
Aber vor allem scheinen die Befürworter immer noch nichts aus den Katastrophen vonTschernobyl und Fukushima gelernt zu haben.