Rede in der Fraktion: Was Hape Kerkeling der SPD zu sagen hat
SPD-Bundestagsfraktion
Fand deutliche Worte vor den SPD-Abgeordneten: Entertainer Hape Kerkeling
Seine Figuren sind Kult. Ob der schusselige stellvertretende Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblatts“ Horst Schlämmer oder Schlager-Diva Uschi Blum: Hape Kerkeling erweckt ganz unterschiedliche Charaktere humoristisch zum Leben. Dass der 61-Jährige auch ernst sein kann, hat er am Donnerstag vor der SPD-Bundestagsfraktion bewiesen. In einem Impulsvortrag redete Kerkeling den Abgeordneten zum Auftakt ihrer zweitägigen Klausur ins Gewissen.
Hape Kerkeling: „Kapitulation der Fakten vor der Lautstärke“
„Wir haben uns in diesem Land angewöhnt, fast alles zur Ansichtssache zu erklären, aus lauter Angst, jemandem zu nahe zu treten“, kritisierte Kerkeling und sprach von einer „Kapitulation der Fakten vor der Lautstärke“. Diese mache es Extremist*innen leicht, ihre Ideologie gesellschaftsfähig zu machen.
„Rechtsextreme Strategen haben längst begriffen, dass man eine offene Gesellschaft nicht mehr mit Panzern erobern muss“, sagte Kerkeling. „Es reicht, ihre eigenen Werte gegen sie zu wenden: ihre Toleranz, ihre Liebe zum fairen Diskurs, ihre Angst illiberal zu werden.“ Die Folgen seien längst offensichtlich.
„Wenn wir jeder noch so kruden Behauptung im Namen der Meinungsfreiheit dieselbe Bühne bauen wie einer geprüften Tatsache, wenn wir jedem Verfassungsfeind im Namen vermeintlicher Fairness denselben Resonanzraum geben, wie seinen Gegnern, dann sägen wir nicht am Ast der Intoleranz. Wir sägen am Ast, auf dem wir alle gemeinsam sitzen“, warnte Kerkeling.
Otto Wels als Vorbild für die Gegenwart
In seinem Vortrag warb der Entertainer auch ausdrücklich für die Einleitung eines Verbotsverfahrens gegen die AfD. „Zurückhaltung ist manchmal Weisheit. Manchmal ist sie nur ein hübsches Wort für Feigheit“, sagte Kerkeling und forderte mehr Entschlossenheit im Vorgehen gegen die AfD – „nicht irgendwann, sondern jetzt, wo die Umfragewerte explodieren und die Zeit gegen uns arbeitet“.
Vorbild könne der frühere SPD-Vorsitzende Otto Wels sein, der sich 1933 als einziger Redner im Reichstag gegen das „Ermächtigungsgesetz“ der Nazis stellte und dessen Namen deshalb der heutige Sitzungssaal der SPD-Fraktion trägt. „Er hätte auch schweigen können“, erinnerte Kerkeling vor den Abgeordneten. „Schweigen wäre bequemer gewesen. Vermutlich sogar überlebensfreundlicher. Er hat es trotzdem nicht getan. Und genau deshalb stehen wir heute, dreiundneunzig Jahre später, nicht an seinem Grab. Wir stehen in seinem Vorbild.“
An die heutigen SPD-Abgeordneten appellierte Hape Kerkeling: „Reden Sie. Streiten Sie. Verteidigen Sie diese Verfassung, als wäre sie das Kostbarste, was wir besitzen – weil sie es ist.“
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.