Inland

Rede in der Fraktion: Was Hape Kerkeling der SPD zu sagen hat

3. September 2026 22:36:59
Am ersten Tag ihrer Klausur hatte die SPD-Bundestagsfraktion einen prominenten Gast. Der Komiker Hape Kerkeling warb eindrücklich dafür, die Demokratie zu verteidigen – und für ein AfD-Verbotsverfahren.
Entertainer Hape Kerkeling mit Mikrofon vor einer Wand mit der Aufschrift "SPD-Bundestagsfraktion"

Fand deutliche Worte vor den SPD-Abgeordneten: Entertainer Hape Kerkeling

Seine Figuren sind Kult. Ob der schusselige stellvertretende Chefredakteur des „Grevenbroicher Tagblatts“ Horst Schlämmer oder Schlager-Diva Uschi Blum: Hape Kerkeling erweckt ganz unterschiedliche Charaktere humoristisch zum Leben. Dass der 61-Jährige auch ernst sein kann, hat er am Donnerstag vor der SPD-Bundestagsfraktion bewiesen. In einem Impulsvortrag redete Kerkeling den Abgeordneten zum Auftakt ihrer zweitägigen Klausur ins Gewissen.

Hape Kerkeling: „Kapitulation der Fakten vor der Lautstärke“

„Wir haben uns in diesem Land angewöhnt, fast alles zur Ansichtssache zu erklären, aus lauter Angst, jemandem zu nahe zu treten“, kritisierte Kerkeling und sprach von einer „Kapitulation der Fakten vor der Lautstärke“. Diese mache es Extremist*innen leicht, ihre Ideologie gesellschaftsfähig zu machen.

„Rechtsextreme Strategen haben längst begriffen, dass man eine offene Gesellschaft nicht mehr mit Panzern erobern muss“, sagte Kerkeling. „Es reicht, ihre eigenen Werte gegen sie zu wenden: ihre Toleranz, ihre Liebe zum fairen Diskurs, ihre Angst illiberal zu werden.“ Die Folgen seien längst offensichtlich.

„Wenn wir jeder noch so kruden Behauptung im Namen der Meinungsfreiheit dieselbe Bühne bauen wie einer geprüften Tatsache, wenn wir jedem Verfassungsfeind im Namen vermeintlicher Fairness denselben Resonanzraum geben, wie seinen Gegnern, dann sägen wir nicht am Ast der Intoleranz. Wir sägen am Ast, auf dem wir alle gemeinsam sitzen“, warnte Kerkeling.

Otto Wels als Vorbild für die Gegenwart

In seinem Vortrag warb der Entertainer auch ausdrücklich für die Einleitung eines Verbotsverfahrens gegen die AfD. „Zurückhaltung ist manchmal Weisheit. Manchmal ist sie nur ein hübsches Wort für Feigheit“, sagte Kerkeling und forderte mehr Entschlossenheit im Vorgehen gegen die AfD – „nicht irgendwann, sondern jetzt, wo die Umfragewerte explodieren und die Zeit gegen uns arbeitet“.

Vorbild könne der frühere SPD-Vorsitzende Otto Wels sein, der sich 1933 als einziger Redner im Reichstag gegen das „Ermächtigungsgesetz“ der Nazis stellte und dessen Namen deshalb der heutige Sitzungssaal der SPD-Fraktion trägt. „Er hätte auch schweigen können“, erinnerte Kerkeling vor den Abgeordneten. „Schweigen wäre bequemer gewesen. Vermutlich sogar überlebensfreundlicher. Er hat es trotzdem nicht getan. Und genau deshalb stehen wir heute, dreiundneunzig Jahre später, nicht an seinem Grab. Wir stehen in seinem Vorbild.“

An die heutigen SPD-Abgeordneten appellierte Hape Kerkeling: „Reden Sie. Streiten Sie. Verteidigen Sie diese Verfassung, als wäre sie das Kostbarste, was wir besitzen – weil sie es ist.“

Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.

Weitere interessante Rubriken entdecken

9 Kommentare

Gespeichert von Hans Koch (nicht überprüft) am Fr., 04.09.2026 - 16:02

Permalink

Alles gesagt, was es zur AFD zu sagen gibt! Bravo HaPe.
Und an euch, Genossen: Kriegt Euren Arsch bzgl. AfD-Verbot endlich aus den weichen Sesseln, wenn es in 10 Jahren noch SPD-ler geben soll!!!!!!

Gespeichert von Oliver Czulo (nicht überprüft) am Fr., 04.09.2026 - 21:00

Permalink

Wir haben die Aufklärung als Leitgedanken, trauen wir uns, uns weiter ihrer zu bedienen. Unsere kostbare Verfassung - frei nach Kerkeling - ist eines ihrer Produkte. Vielleicht gelingt es uns wieder, eine Leidenschaft für die Kraft der Vernunft zu entfachen.

"Wir haben die Aufklärung als Leitgedanken"

„Die Vernünftigen müssen gewinnen“ – ein erstaunlich unaufgeklärter Satz. Aufklärung beginnt nämlich dort, wo man aufhört, sich selbst für die Vernunft und die anderen für das Problem zu halten. Wer die Vernunft für sich reklamiert, betreibt keine Aufklärung, sondern Selbstermächtigung.

Gespeichert von Bernd Windisch (nicht überprüft) am Mo., 07.09.2026 - 00:12

Permalink

Wer entscheidet eigentlich, was eine „krude Behauptung“ und was eine „geprüfte Tatsache“ ist? Gerade Corona sollte uns gelehrt haben, wie schnell Gewissheiten zu Irrtümern und offene Fragen zu vermeintlichen Wahrheiten erklärt werden können.

Demokratie schützt man nicht, indem man unbequemen Stimmen den „Resonanzraum“ nimmt. Man widerlegt sie – öffentlich, mit Fakten und Argumenten.

Wer die Wahrheit vor Widerspruch schützen muss, schützt nicht die Wahrheit, sondern die Deutungshoheit.

Gespeichert von Jörg Kampmann (nicht überprüft) am Mo., 07.09.2026 - 17:50

Antwort auf von Bernd Windisch (nicht überprüft)

Permalink

Ein ganz weit gefasstes Thema - philosophisch gesprochen, gibt es ja keine echte Wahrheit. Naturwissenschaftlich gesprochen, gibt es eine "praktikable Wahrheit" - denkt nur an die Auseinandersetzung der katholischen Kirche über die astronomischen Erkenntnisse von Kepler und Galileo. Das ptolemäische System hatte die Erde als Mittelpunkt der Bewegung, Galileo und Kepler fanden heraus - die Sonne ist der Mittelpunkt der Bewegung. Der Streit war mächtig - Keplers Erkenntnis gelangten erst nach seinem Tod an die Öffentlichkeit von damals ... Also was ist dann Meinung? Im naturwissenschaftlichen Sinn ist es keinesfalls Wahrheit. Erst wenn die Tatsachen (also im weitesten Sinne die Messungen) der Meinung entsprechen, kann man eine Meinung als plausibel, aber nie als wahr, sehen ... Das Thema beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten ... und dieses ändert sich auch im Laufe der Zeit!

Gespeichert von Hubert Klingenberger (nicht überprüft) am Mo., 07.09.2026 - 17:27

Permalink

Liebe SPD-Bundestagsfraktion,
Bitte stellt das Redemanuskript von Hape Kerkeling der Öffentlichkeit zur Verfügung und - viel wichtiger - nehmt Euch seine Ausführungen zu Herzen!
Besten Dank!

Gespeichert von Siegfried Räbiger (nicht überprüft) am Di., 08.09.2026 - 12:34

Permalink

"Reden Sie. Streiten Sie." Solange die gewählten Gremienvertreter sich nicht offensiv, auch die Hinterbänkler über die Socialen Medien mit Fakten einmischen und das Feld der eeFDeeh überlassen, sind die Apelle und Einsichten der letzten Jahrzehnte weiterhin Worthülsen. Es reichen nicht die klaren Worte von Bärbel Bas und ihr Stehvermögen, es fehlt die öffentliche Rückendeckung im Land, im Kreis, im Ort.