M-V nach der Wahl: „Schwesigs Strategie lässt sich nicht einfach kopieren“
Patrick Geßner
Politikwissenschaftler Jochen Müller meint, das Wahlergebnis bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern zeige eine gesellschaftliche Spaltung.
Die SPD hat bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern mit 35,5 Prozent ein überraschend starkes Ergebnis erzielt. Sie sprachen von einer „spektakulären Aufholjagd“. Die CDU scheiterte mit 4,9 Prozent historisch. Wie erklären Sie, dass die Landes-SPD sich erfolgreich vom Bundestrend entkoppeln konnte, die CDU aber nicht?
Zunächst hängt die Bewertung des SPD-Ergebnisses stark vom Vergleich ab: Gegenüber der Landtagswahl 2021 hat sie etwas verloren. Gegenüber der Bundestagswahl 2025 in Mecklenburg-Vorpommern hat sie ihr Ergebnis dagegen fast verdreifacht, und noch im September 2025 lag sie in einer Landtagsumfrage bei nur 19 Prozent. Die Aufholbewegung innerhalb eines Jahres ist deshalb bemerkenswert.
Dafür kamen sehr besondere Bedingungen zusammen. Manuela Schwesig ist seit neun Jahren Ministerpräsidentin, sehr bekannt und konnte sich als „Landesmutter“, als soziale Stimme und als Vertreterin nordostdeutscher Interessen präsentieren. Fast die Hälfte der SPD-Wähler sagte nach der Wahl, sie hätte die Partei ohne Schwesig nicht gewählt.
Die CDU hatte dagegen weder einen vergleichbaren Kandidatenbonus noch eine starke eigenständige landespolitische Marke. Bei ihr schlugen der schlechte Bundestrend und die geringe Popularität des Kanzlers vollständig durch.
Ist Schwesigs Kurs im Wahlkampf – persönliche Sichtbarkeit, klare Abgrenzung zur AfD, Entkopplung von der Bundes-SPD – ein übertragbares Modell für sozialdemokratische Politik in anderen ostdeutschen Ländern? Oder bleibt Mecklenburg-Vorpommern ein Sonderfall?
Nur bedingt. Die Wahl zeigt, welche Wirkung eine gut durchdachte, zunehmend stark personalisierte Kampagne haben kann. Aber eine solche Strategie lässt sich nicht einfach kopieren. Sie setzt eine bekannte und relativ populäre Amtsinhaberin voraus, die glaubwürdig für das Land stehen und gleichzeitig politische Inhalte verkörpern.
Hinzu kommt: Die Entkopplung vom Bund hat auch Nebenwirkungen. Wenn eine Partei im Bund regiert und dort Reformen beschließt, kann nicht jede Parteigliederung dauerhaft so tun, als habe sie damit wenig zu tun. Gerade wenn politische Handlungs- und Reformfähigkeit positiv bewertet werden, kann eine permanente Distanzierung auch die Partei in ihrer Gesamtheit schwächen. Mecklenburg-Vorpommern zeigt also eine Möglichkeit, aber kein allgemeines Erfolgsrezept.
„Die SPD muss eigene Wähler binden, Nichtwähler mobilisieren und für Menschen attraktiv sein, die zwischen mehreren Parteien schwanken“
Die AfD gewann 22 der 36 Direktwahlkreise, die SPD nur 14 – doch in allen vier Rostocker Wahlkreisen und in Schwerin behauptete sich die SPD. Zeigt dieses Muster eine Spaltung zwischen urbanen Zentren und ländlichem Raum im Osten? Was können Sie über die langfristige Verankerung der AfD im ländlichen Osten sagen und welche Konsequenzen hat das für die sozialdemokratische Strategie in Ostdeutschland?
Ein Stadt-Land-Muster ist deutlich erkennbar. Ich würde daraus aber keine einfache Formel „Stadt wählt SPD/links, Land wählt AfD” machen. Städte und ländliche Räume unterscheiden sich in ihrer Bevölkerungszusammensetzung, ihren sozialen Strukturen und politischen Milieus. Entscheidend sind letztlich individuelle Einstellungen und Erfahrungen.
Forschung zu räumlichen Unterschieden zeigt entsprechend, dass Ländlichkeit allein AfD-Unterstützung nur unzureichend erklärt. Infrastruktur, wirtschaftliche Lage und demografische Entwicklung können politische Unzufriedenheit begünstigen, wirken aber nicht mechanisch auf die Wahlentscheidung. Aktuelle Forschung zeigt zudem, dass gerade migrationsbezogene Sorgen und Einstellungen für die Unterstützung der AfD eine zentrale Rolle spielen und deutlich mehr erklären als klassische Indikatoren wirtschaftlicher Deprivation.
Trotz konkreter Regierungsleistungen der SPD – beitragsfreie Kitas, Erhalt von Krankenhausstandorten, Wirtschaftsförderung – wurde die AfD mit 38,2 Prozent stärkste Kraft. Reicht soziale Sachpolitik im Osten nicht mehr aus, um Protestwähler*innen zu binden? Oder ist das Ergebnis Ausdruck einer tieferen gesellschaftlichen Spaltung, die über Sachpolitik hinausgeht?
AfD-Wähler sind aus meiner Sicht kaum noch als kurzfristige Protestwähler zu verstehen. Viele sind inzwischen programmatisch und emotional eng an die Partei gebunden. Kurz vor der Wahl konnten sich in einer INSA-Potenzialanalyse 41 Prozent grundsätzlich vorstellen, AfD zu wählen; tatsächlich erhielt sie 38,2 Prozent. Potenzial und tatsächliche Wahl liegen also bemerkenswert nahe beieinander.
Das macht Rückgewinnung schwieriger. Populistische Einstellungen und eine starke Ablehnung der etablierten Parteien können Parteipräferenzen zusätzlich stabilisieren; Untersuchungen zeigen gerade bei AfD-Anhängern eine ausgeprägte Distanz gegenüber anderen Parteien.
Für die SPD bedeutet das: Es reicht nicht, ausschließlich auf ehemalige SPD-Wähler zu schauen. Sie muss gleichzeitig eigene Wähler binden, Nichtwähler mobilisieren und für Menschen attraktiv sein, die zwischen mehreren Parteien schwanken.
Soziale Politik kann wichtig sein, aber man sollte nicht erwarten, dass gute Kitas, Krankenhäuser oder Wirtschaftsförderung automatisch zu einem bestimmten Wahlverhalten führen. Wahlentscheidungen sind keine Leistungsabrechnung mit anschließendem Kassenzettel. Gerade bei der AfD spricht die Forschung gegen die einfache Vorstellung, ihre Wähler seien vor allem wirtschaftlich „abgehängt”. Wirtschaftliche und räumliche Probleme können einen Resonanzraum schaffen, aber kulturelle Konflikte, Migration, Identität, politisches Vertrauen und das Verhältnis zu etablierten Institutionen spielen eine eigenständige Rolle.
Jochen Müller ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wahlen, Parlamente und Parteien. Seit Oktober 2022 ist er Professor für Politische Soziologie und Methoden am Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Greifswald.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
Dirk Bleicker
Karin Billanitsch hat Rechtswissenschaften und Journalistik in München und Stuttgart studiert und ist Redakteurin beim „vorwärts“.