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Josephine Ortleb: „Das wird der nächste große Moment für mich werden“

Josephine Ortleb ist seit Kurzem Vizepräsidentin des Bundestages. Im Interview erzählt die SPD-Politikerin aus dem Saarland, was ihr das Amt bedeutet und wie sie sich auf ihre erste Sitzungsleitung vorbereitet.

von Jonas Jordan · 3. April 2025
Seit Ende März ist Josephine Ortleb Vizepräsidentin des Bundestages.

Seit Ende März ist Josephine Ortleb Vizepräsidentin des Bundestages.

2015 haben Sie den Helene Weber-Preis für engagierte Kommunalpolitikerinnen erhalten. Was hätten Sie geantwortet, wenn Ihnen damals jemand gesagt hätte, dass Sie zehn Jahre später seit acht Jahren im Bundestag sitzen und gerade zur Vizepräsidentin gewählt worden sind?

Ich hätte es mir nicht vorstellen können. Wahrscheinlich hätte ich darüber gelacht. Denn als ich den Helene-Weber-Preis bekommen habe, bin ich gerade in den Saarbrücker Stadtrat gekommen, habe mich dort erst mal hauptsächlich in meinen Themenfeldern bewegt und war zufrieden. Ich hatte nie geplant, Bundestagsabgeordnete zu werden, geschweige denn Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Umso schöner ist es, dass es heute so ist.

Josephine
Ortleb

Vizepräsidentin des Bundestages

Ich kann durch meine eigene Geschichte dem Bundestag ein anderes Gesicht geben.

Einige Medien haben nach Ihrer Wahl geschrieben, die SPD mache nun ernst in Sachen Verjüngung. Stimmen Sie der Aussage zu?

Ich bin seit mehr als vier Jahren Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion. Ich kenne den Parlamentsbetrieb. Ich bin auch Mitglied im Ältestenrat. Ich bringe viel Erfahrung und Kompetenz für diesen Job mit. Dennoch kann ich durch meine eigene Geschichte und mein Alter, auch als junge Mutter und gelernte Restaurantfachfrau, dem Bundestag ein anderes Gesicht geben. Das finde ich gut. Denn der Bundestag ist vielfältig. Das muss sich auch im Präsidium widerspiegeln.

Wann und wie haben Sie erfahren, dass Sie als Bundestagsvizepräsidentin vorgeschlagen werden sollen?

Das war ziemlich kurzfristig. Lars Klingbeil ist an mich herangetreten. Mir war sofort klar, welch große Ehre es ist, dieses Amt begleiten zu dürfen, und deswegen habe ich nicht lange gezögert.

Wie nervös waren Sie vor der konstituierenden Sitzung des Bundestages?

Als ich montagabends von meiner Fraktion mit so einem großen Rückhalt nominiert wurde, ist die Anspannung erst einmal abgefallen. Trotzdem war die Konstituierung ein wichtiger und aufregender Tag für mich. Jede Konstituierung ist ein großer Tag, weil ich es immer noch als besondere Ehre empfinde, meinen Wahlkreis im Deutschen Bundestag vertreten zu dürfen. Das ist ein unglaubliches Privileg. Das spürt man an so einem Tag besonders.

„Der Ton im Bundestag ist rauer geworden.“

Sie wurden mit dem besten Ergebnis der Vizepräsident*innen gewählt. Was bedeutet Ihnen das?

Darüber habe ich mich gefreut. Es ist ein großer Vertrauensvorschuss. Die Präsidentin und ihre Vizepräsidentinnen sind für einen guten Sitzungsablauf zuständig, dass wir es schaffen, einen respektvollen Ton und Umgang miteinander im Plenum und die Würde und Integrität des Hauses zu wahren. 

Mit dem Ergebnis spüre ich eine große Verantwortung, da oben zu sitzen und genau das zu gewährleisten. Denn wir merken im Deutschen Bundestag, dass der Ton immer rauer wird. Die Debatten, die wir in der Gesellschaft führen, führen wir auch im Plenum des Deutschen Bundestages. Deswegen haben wir eine große Vorbildfunktion. Für mich wird das Ziel sein, als Sitzungsleitung einen respektvollen Ton und Umgang miteinander zu gewährleisten.

Sie haben angesprochen, dass der Ton im Bundestag rauer geworden ist. Schon in der vergangenen Legislaturperiode gab es in der AfD-Fraktion einen regelrechten Wettbewerb um die meisten Ordnungsrufe. Nun hat sich deren Fraktion fast verdoppelt. Wird das die größte Herausforderung?

Diesen Wettbewerb um Ordnungsrufe und Ordnungsmaßnahmen habe ich in der letzten Legislaturperiode mit Sorge betrachtet, weil es Dinge verächtlich macht und infrage stellt. Für mich wird es sehr wichtig sein, damit richtig umzugehen. Wir müssen über eine Verschärfung der Ordnungsmaßnahmen im Deutschen Bundestag miteinander sprechen. Es ist notwendig, dass diejenigen, die dort sitzen, sich darüber bewusst sind, wie auf die Debatten im Plenum geschaut wird und dass wir da gut miteinander umgehen müssen.

Steht schon fest, wann Sie Ihre erste Sitzung leiten werden?

Nein, das wissen wir noch nicht. Das hat viel mit den Koalitionsverhandlungen zu tun. Wenn diese abgeschlossen sind und die Kanzlerwahl stattgefunden hat, wird es irgendwann so weit sein. Das wird dann der nächste große Moment für mich werden.

Gibt es eine bestimmte Vorbereitung für neue Vizepräsident*innen oder werden Sie direkt ins kalte Wasser geschmissen?

Es gibt glücklicherweise viel Unterstützung aus der Bundestagsverwaltung für all das, was als Vizepräsidentin an Aufgaben auf einen zukommt. Darüber bin ich sehr froh. Darüber hinaus gibt es viel Erfahrungswissen. Die Richtschnur des Miteinanders ist die Geschäftsordnung. Ich schaue mir auch an, wie die Debatten in der Vergangenheit gelaufen sind, um für mich selbst einen Weg zu finden, wie ich beispielsweise mit Ordnungsrufen und allen anderen Dingen, die auf mich zukommen, umgehen werde.

Josephine 
Ortleb

Bärbel und Aydan Özoğuz werden wahrscheinlich von mir viele Anrufe bekommen.

Haben Sie sich schon Tipps bei Bärbel Bas geholt?

Klar. Bärbel und Aydan Özoğuz werden wahrscheinlich von mir viele Anrufe bekommen, weil die beiden mich mit ihrer Sitzungsleitung in den vergangenen dreieinhalb Jahren total beeindruckt haben. Ich habe als Parlamentarische Geschäftsführerin viele Stunden vorne im Plenum gesessen und mir das anschauen können. Daher weiß ich ein bisschen, worauf es ankommt.

Fehlt zu Ihrem Glück jetzt nur noch, dass der 1.FC Saarbrücken in die zweite Fußball-Bundesliga aufsteigt?

Das wäre schön, wobei zu meinem Glück erst mal fehlt, überhaupt Zeit zu haben, um ins Stadion gehen zu können. Wenn am Ende der Aufstieg steht, wäre es das allergrößte Glück.

Bei einem Aufstieg würde Saarbrücken beispielsweise in Berlin im Olympiastadion spielen. Das wäre doch praktisch für Sie.

Total. Dann würde sich meine Fußball-Leidenschaft ein bisschen besser mit diesem Amt vereinbaren lassen.

Autor*in
Jonas Jordan
Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

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