Jochen Ott: „Der Karneval ist ein sehr sozialdemokratisches Fest“
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Jochen Ott (SPD), Vorsitzender der SPD-Fraktion in Nordrhein-Westfalen und Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2027, sitzt mit Narrenkappe bei der Festsitzung zur Verleihung des „Orden wider den tierischen Ernst“ in Aachen.
Alaaf oder Helau?
Als Kölner bin ich mit Alaaf sozialisiert worden, aber es tut auch nicht weh, Helau zu rufen. Ich habe am Wochenende etwas ganz anderes gerufen: Gelau! Oder Hippendorf Mäh! Es gibt alles. Und das ist das Schönste an NRW, es ist bunt und vielfältig.
Kölsch oder Alt?
Natürlich Kölsch, aber ich habe in meinem Kühlschrank Pils, Alt und Kölsch.
Warum wollen Sie als Kölner unbedingt einen neuen Job in Düsseldorf?
Ich will NRW als Ministerpräsident aus der Düsseldorfer Staatskanzlei wieder gerecht machen. Ich arbeite jetzt seit mehr als 16 Jahren in Düsseldorf und muss ganz ehrlich sagen, dass die Landeshauptstadt schön ist. Die kulturellen Foppereien zwischen Düsseldorf und Köln machen Spaß, aber je besser der neue Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester mit seinem Düsseldorfer Amtskollegen Stephan Keller zusammenarbeitet, desto mehr profitieren die Menschen in der Metropolregion Rheinland davon.
„Manchmal werde ich als Jochen Ott aus Düsseldorf begrüßt. Das ist etwas spooky.“
Welche Nachteile bringt es in Köln mit sich, wenn man wie Sie seit 16 Jahren in Düsseldorf arbeitet?
Mit Blick auf meinen Arbeitsplatz in der Landeshauptstadt werde ich auf Veranstaltungen kurioserweise manchmal als Jochen Ott aus Düsseldorf begrüßt. Das ist dann immer etwas spooky.
Was ist Ihr liebstes Karnevalskostüm?
Mein Lieblingskostüm hatte ich vor vielen Jahren, als ich gemeinsam mit unserem damaligen Fraktionsvorsitzenden der Kölner SPD als halber Tünnes und halber Schäl verkleidet war. Das sind zwei Kölner Originale. Die Kostüme haben wir extra schneidern lassen. Das war zwar aufwändig, aber es hat sich gelohnt. Ansonsten mag ich Kostüme, die sehr einfach sind. Dieses Jahr gehe ich als Robin Hood, der den Kampf gegen die schwarz-grüne Landesregierung aufnimmt, um NRW wieder gerecht zu machen.
Ist Robin Hood in dem Sinne das sozialdemokratischste Kostüm?
Mit Sicherheit.
Wäre Robin Hood für eine Erbschaftsteuerreform?
Klar, er hätte dafür gesorgt, dass das Geld gerecht verteilt wird.
Am Donnerstag beginnt im Rheinland der Straßenkarneval. Ist das im Grunde eine sozialdemokratische Utopie, alle sind gleich und in Vielfalt geeint?
Die Idee des Karnevals ist es, oben und unten zu tauschen, in andere Rollen zu schlüpfen, egal ob Köbes, Kaiser oder Königinnen. Insofern ist es ein sehr sozialdemokratisches Fest. Der Karneval ist aus einer bürgerlichen Protestbewegung gegen den Adel entstanden. In dieser Freiheitstradition stehen Leute wie Jacques Tilly, die heute die Wagen bauen und deswegen angefeindet werden. Der Karneval hat immer auch etwas Revolutionäres.
Als die Band Bläck Fööss Anfang der 70er-Jahre zum ersten Mal mit nackten Füßen aufgetreten ist, wurden sie von den Leuten im Festkomitee sehr verstört angeguckt. Als die Band Brings, die dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiern, zum ersten Mal vor großem Publikum gespielt hat, hat der damalige Präsident des Festkomitees sogar den Saal verlassen. Heute treten moderne Bands wie Querbeat oder Rhythmussportgruppe aus Düsseldorf mit Trompete oder Bläserchor auf. Sogar Rapper sind am Start. Der Karneval hat ein unglaubliches Potenzial, sich weiterzuentwickeln.
„Karneval zu feiern, macht resilient gegen rechts.“
In Köln gibt es die Kampagne „Kein Kölsch für Nazis“. Inwieweit sehen Sie die Vielfalt des Karnevals durch Rechtsextreme bedroht?
Am Sonntag war ich beim Närrischen Parlament in der Köln-Arena, als 15.000 Menschen alle kölschen Lieder mitgesungen haben – von Bands, die über Zusammenhalt singen und davon, dass wir zusammen eins sind, dass die Heimat da ist, wo du glücklich bist. Querbeat singt sogar „Kein Kölsch für Nazis“. In diesen Momenten merkt man, welche unglaubliche Kraft der Karneval in dieser herausfordernden Zeit hat.
Zugleich ist aber wichtig, dass der Karneval für alle offen bleibt und sich alle Menschen ihn auch leisten können. Angesichts der Karten- und Gastronomiepreise ist das eine Debatte, der wir uns stellen müssen – gerade mit Blick auf die kleinen Vereine. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass jeder mitfeiern kann und wir den Karneval als Zusammenhaltsmotor weiterhin haben. Karneval zu feiern, macht resilient gegen rechts.
Wie kann die Politik den kleinen Vereinen stärker unter die Arme greifen und sie entlasten?
Bereits beschlossen ist, dass das Land Nordrhein-Westfalen die GEMA-Gebühren für ehrenamtlich organisierte, nicht-kommerzielle Veranstaltungen von Vereinen übernimmt. Daneben sind auch die ganzen Auflagen der Ordnungsämter, insbesondere im Karneval, ein Problem. Damit sind sehr hohe Kosten verbunden, die auf die Vereine zukommen. Sicherheit braucht gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Deshalb wollen wir ab 2027 weitere Schritte einleiten, damit zusätzliche Sicherheitsauflagen nicht zum Aus für öffentliche Veranstaltungen führen. Dazu gehört auch, dass wir die Kommunen finanziell nicht weiter ausbluten lassen dürfen, so wie es unter Schwarz-Grün in NRW gerade der Fall ist. Ich wünsche mir zugleich, dass die Städte und Gemeinden bei der Förderung kleiner Vereine noch großzügiger sind. Gerade dort, wo mit solchen Veranstaltungen keine Gewinne erwirtschaftet werden – etwas mit Blick auf Ausschankerlaubnisse.
Der Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly wird in Russland angeklagt. Zeigt das, welche Kraft der Karneval hat, dass sich ein Autokrat wie Putin davon offenbar provoziert fühlt?
Ich muss gestehen: Ich bin großer Fan von Jacques Tilly. Seine provokanten Wagen sind Kunst – und sollten als solche auch verstanden werden. Dass er dafür durch den russischen Staat verfolgt wird und auf eine internationale Fahndungsliste gesetzt werden soll, ist der Versuch, mit allen staatlichen Mitteln die Kunstfreiheit einzuschränken.
Ende Januar war ich in seiner Wagenhalle und habe dort lange mit ihm gesprochen. Es war mir wichtig, ihm die Solidarität der SPD zu übermitteln. Wir lassen uns von Einschüchterungen nicht mundtot machen. Während der eine im Panzer sitzt und auf Gewalt setzt, baut der andere Karnevalswagen und hält den Mächtigen mit Humor und Kunst den Spiegel vor. Dass ein Künstler dafür angeklagt wird, sagt mehr über das System aus, das ihn verfolgt, als über ihn selbst.
„Während der eine im Panzer sitzt und auf Gewalt setzt, baut der andere Karnevalswagen und hält den Mächtigen mit Humor und Kunst den Spiegel vor.“
Wie verbringen Sie das Karnevalswochenende?
Natürlich geht es mit Freundinnen und Freunden in Veedelskneipen. Dann gehe ich mit meinem eigenen Verein im Zug mit. Das sind die Urbacher Räuber, ein traditionsreicher Karnevalsverein aus Köln Porz-Urbach. Am Montag darf ich mit den Kolleginnen und Kollegen des Eduardus-Krankenhauses, welches seinen 100. Geburtstag feiert und für Köln ein ganz wichtiger Ort für die Gesundheit der Menschen in dieser Stadt ist, im Kölner Rosenmontagsumzug mitgehen. Am Dienstag bin ich in Köln-Nippes bei meinem Veedelszoch. Da stehen wir mit dem ganzen Freundeskreis und der Nachbarschaft und jubeln den Gruppen aus Nippes zu.
ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo