Inland

So bunt ist der Kampf gegen rechts: Mit Musik und Spiel für die Demokratie

Überall im Land engagieren sich Menschen gegen Rechtsextremismus und für Weltoffenheit, mit viel Einsatz und Kreativität.

von Kai Doering und Jonas Jordan · 21. März 2024
Sänger Stefan Brings bei einer Demonstration in Erftstadt

Voller Einsatz „weil es einfach sein muss“: Sänger Stephan Brings tritt auf einer Demo gegen Rechtsextremismus in Erftstadt bei Köln auf.

„Wenn mir dä Arsch nit huh­ krieje, ess et eines Daachs zo spät.“ Die auf Kölsch gesungene Textzeile stammt aus dem Lied „Arsch huh – Zäng ussenander“ der gleichnamigen Kölner Musiker­ initiative, was auf Hochdeutsch so viel wie „Hintern hoch – Zähne ausein­ander“ bedeutet. Unter diesem Motto versammelten sich in der Domstadt erstmals im Jahr 1992 rund 100.000 Menschen nach den Brandanschlägen von Mölln und Solingen, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren. 

Manfred Post war einer von ih­nen. Damals noch Rockbeauftragter der Stadt Köln, ist der Sozialdemo­krat heute ehrenamtlicher Geschäfts­ führer von „Arsch huh“. Der Verein hat auch in diesen Tagen wieder Zehntau­sende Menschen für die Demokratie auf die Straße gebracht. 

„Es hat mich sehr daran erinnert, wie voll die Südstadt 1992 war“, sagt Post. Allerdings sieht er auch einen entscheidenden Unterschied: „Heute gibt es mit der AfD eine Partei, die bundesweit bei 20 Prozent steht. Es geht um die Gefährdung der Demokratie, die einschränkung der Medien, den Aus­tritt aus der EU, eine andere Gesellschaft. Das ist eine ganz andere Gefahrenlage.“ 

Warum Musiker Stefan Brings eine historische Verantwortung spürt

Auch deshalb will „Arsch huh“ nicht nur kurzfristig für Demonstrationen mobilisieren, sondern bis zur Bundes­tagswahl 2025 eine Kampagne für die Demokratie lostreten. Immer mit der Unterstützung von Kölner Musikerin­nen und Musikern. 

So wie Stephan Brings, der als Sänger der gleichnami­gen Band mit Hits wie „Kölsche Jung“, „Superjeilezick“ oder „Sünderlein“ nicht nur im Karneval für Stimmung sorgt. Seine Stimme auch für gesellschafts­politische Themen zu erheben, ist Brings schon aus historischer Verantwortung heraus wichtig. „Wir sind damit auf­ gewachsen und haben das von unse­ren Eltern übernommen. Wir kannten ehemalige Edelweißpiraten und Leute, die jahrelang in Buchenwald gesessen haben“, sagt er. 

Mit Blick auf die aktuellen Proteste ist der Sänger der Meinung: „Es hat was bewirkt und es bewirkt bei uns selbst auch, uns zu zeigen, dass wir viele sind und eigentlich auch die Mehrheit.“ 

Als Beispiel nennt Brings eine Demonstra­tion im knapp 50.000 einwohner zäh­lenden erftstadt westlich von Köln, bei der er aufgetreten ist. Dort versammel­ ten sich Ende Januar 2.000 Menschen. Von der CDU über Gewerkschaften und Kirche bis hin zu Mitgliedern der Links­partei war die gesamte demokratische Gesellschaft vertreten. 

Bei „Arsch huh“ will Stephan Brings sich auch künftig weiter engagieren: „Wir haben nie auf­gehört, uns zu treffen und Dinge zu or­ganisieren, weil es einfach sein muss.“ 

Breites Bündnis

Starkes Zeichen: Das Bündnis Weltoffenes Thüringen tritt gegen Ausgrenzung und Hass ein. Unterstützt wird es von Thomas Röhler (Bildmitte), Olympiasieger im Speerwurf.

Das Bündnis „Weltoffenes Thüringen“ tritt gegen Ausgrenzung und Hass ein

In Thüringen wird es bereits am 1. Sep­tember ernst. Dann wird ein neuer Landtag gewählt. Der vom Verfas­sungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte AfD-Llandesverband mit Björn Höcke an der Spitze würde nach derzeitigen, bei rund 30 Prozent liegenden Umfragewerten stärkste Kraft werden. 

Um das zu verhindern, hat sich im Januar die Ini­tiative „Weltoffenes Thüringen“ gegrün­det. Mehr als 3.500 Verbände und Privat­ personen aus Sport, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft, Gewerkschaften, Politik und Sozialverbänden unterstützen sie. 

So macht beispielsweise Peter Benz, Präsident der Bauhaus-Universität in Weimar, deutlich: „Thüringen muss und wird ein weltoffenes Land bleiben.“ Denn schon jetzt bekomme er die Auswirkungen des AfD-Umfragenhöhenflugs zu spüren. 

SPD: Thüringen soll vielfältig bleiben

Benz berichtet von einem Berufungsverfahren für einen Posten an der Uni, in dem der Kandidat nach einem sehr positiven Gespräch gesagt habe, er müsse jetzt nur noch mit seiner Familie besprechen, ob sie sich Thüringen wirklich antun wollten. „Das ist sehr bedenklich. Wie kann das sein, dass ein Bundesland einen so schlechten Ruf hat?“, ist Uni-Präsident Benz ratlos.

In den kommenden Wochen und Monaten will sich die Initiative innerhalb Thüringens noch stärker regionalisieren und weitere Unterstützer gewinnen. Denn das Ziel ist klar: „Unser Thüringen soll ein Ort sein, an dem alle die gleichen Rechte genießen dürfen. Wir wollen ein Thüringen, in dem jeder willkommen ist. Bei uns soll niemand ausgegrenzt und gehasst werden“, sagt Katja Glybowskaja, SPD-Fraktionsvorsitzende im Jenaer Stadtrat.

Auf Werbetour

Landrat Stefan Sternberg aus Mecklenburg-Vorpommern: Der SPD-Politiker wirbt bei Schülerinnen und Schülern für Demokratie.

Landrat Stefan Sternberg wirbt für Demokratie

Doch wie moderiert man Krisen und schafft Zusammenhalt auf kommunaler Ebene? Das weiß Stefan Sternberg. Der Sozialdemokrat ist seit 2018 Landrat des Kreises Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Waldbrände, Corona-Pandemie, Flüchtlingsintegration, Inflation, Energiekrise: Langweilig wurde es ihm in den vergangenen Jahren nie. 

Wegen seiner Mitgliedschaft im Corona-Expertenrat der Bundesregierung standen die Querdenker schon mal vor seiner Haustür, einer schrie seine Tochter an. Dennoch sagt Sternberg: „Ich lasse mich nicht unterkriegen.“ 

An die Adresse der Rechten, die seit 2019 auch in seinem Landkreis im Kreistag sitzen, sagt er: „Ich habe vor denen keine Angst, weil sie an ihren Taten gemessen werden. Und alles, was von ihnen kommt, sind Populismus und Show, um den Leuten gefallen zu wollen. Es gab in den letzten zwei Jahren kein Thema, bei dem ich sie inhaltlich hätte stellen können.“ 

Keine Angst vor den Rechten

Ohnehin sollte man den Themen der Rechten nicht zu viel Raum geben, findet Sternberg. Stattdessen wirbt er lieber für die Vorzüge der Demokratie, zum Beispiel bei allen zehnten Klassen in seinem Landkreis. Junge Menschen, die bei der Kommunalwahl in diesem Jahr das erste Mal ihr Kreuz machen dürfen. 

„Die Jugend ist eine ganz große Chance. Übrigens auch für die SPD, Wähler zu generieren und -denen aufzuzeigen: ‚Hey, wir sind eigentlich eine tolle Partei, auch in Krisenzeiten, wo alle über uns den Stab brechen“, ist Stefan Sternberg überzeugt.

Klares Ziel

Die Blauen dürfen nicht gewinnen: Premiere für das Spiel "Adé AfD" vor dem Bundestag in Berlin.

Premiere von „Adé AfD!“ vor dem Bundestag

„Mit Rechtsextremen spielt man nicht.“ Das ist nicht nur die Überzeugung der Initiative „Brand New Bundestag“, sondern auch der Slogan eines Spiels, das sie für das „Super-Wahljahr“ 2024 konzipiert hat. Eigentlich unterstützt die unabhängige und überparteiliche Organisation Menschen, die mit progressiven Ideen „frischen Wind“ in Bundestag und Landtage bringen wollen. Doch die steigenden Umfragewerte der AfD haben im vergangenen Jahr zu einem Umdenken geführt. 

„Die Blauen dürfen nicht gewinnen“, sagt Clara Ludwig, die sich bei Brand New Bundestag um die Kommunikation kümmert. Und sie meint das wörtlich. Um über die Ziele der Partei aufzuklären, hat Brand New Bundestag das Spiel „Adé AfD!“ entworfen. Es ähnelt dem Klassiker „Mensch ärgere dich nicht!“, allerdings mit zwei großen Unterschieden: Zum einen gibt es Aktionskarten, die unter anderem über die Ziele der AfD aufklären.

Spielend gegen die AfD

Zum anderen sollen diejenigen, die nicht die blauen Spielfiguren haben, zusammenspielen. So kann ein Spieler zum Beispiel die Anzahl an Feldern, die er vorrücken darf, an einen anderen Spieler weitergeben, damit dieser einen blauen Spielstein rausschmeißt. „Überparteiliche Zusammenarbeit ist das Gebot der Stunde“, erklärt Clara Ludwig die Idee. Das Ziel: Möglichst wenige AfD-Figuren dürfen ins Parlament einziehen.

Das Spiel gibt es in mehreren Ausführungen. Die große Variante feierte im vorigen Jahr vor dem Bundestag mit Abgeordneten und Prominenten wie -Ex-Fußballnationalspieler Arne -Friedrich Premiere. Für dieses Jahr gebe es bereits viele Anfragen, das Spiel auszuleihen, besonders aus den Bundesländern, in denen Landtagswahlen anstehen. 

Für 39 Euro kann man sich „Adé AfD!“ auch als Brettspiel nach Hause bestellen. Und dann gibt es noch die „Print-und-Play-Variante“ zum Selbstausdrucken. Rund 1.000 Menschen haben das bereits getan.
 

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1 Kommentar

Gespeichert von Martin Holzer (nicht überprüft) am Do., 21.03.2024 - 17:50

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"So bunt ist der Kampf gegen rechts: Mit Musik und Spiel für die Demokratie"

In wieweit ist es eigentlich der Demokratie förderlich, wenn das gesamte politische Spektrum rechts der Mitte "bekämpft" wird? Würden wir ein anderes Land auch als Demokratie bezeichnen, wenn dort das gesamte linke politische Spektrum bekämpft wird?