Inland

Bas an Merz: „Darauf nagel' ich ihn fest“

27. April 2026 15:17:59
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas hat sich für eine Reform, aber gegen eine Schwächung des Sozialstaats ausgesprochen. Zum Auftakt der zweitägigen Klausurtagung der Landesgruppen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen fand die SPD-Vorsitzende klare Worte. 
Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas auf der Klausurtagung der Bundestagslandesgruppen aus NRW und Niedersachsen/Bremen in Bielefeld

BIELEFELD, DEUTSCHLAND - 27. APRIL 2026: Klausurtagung der SPD Landesgruppen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen/Bremen in der Hechelei in Bielefeld. (Foto: Thomas F. Starke)

Der Bielefeld-Witz kursiert seit Jahrzehnten. Ist die ostwestfälische Großstadt eigentlich nur das Ergebnis einer großen Verschwörung? Auch Bärbel Bas sagt am Montagmittag: „Ich bin gerne nach Bielefeld gekommen, um mal festzustellen, ob es Bielefeld wirklich gibt.“ Die Bundesarbeitsministerin ist zu Gast bei der zweitägigen Klausurtagung der Landesgruppen aus NRW und Niedersachsen/Bremen im Bundestag. Wobei die Duisburgerin eigentlich nicht zu Gast, sondern eine der 49 Abgeordneten ist. Die beiden Landesgruppen stellen somit mehr als ein Drittel der gesamten Bundestagsfraktion.

Bas und die Bielefeld-Verschwörung

Daher wird mit Spannung auf die Klausurtagung zum Start einer Woche geschaut, die von vielen Beobachter*innen als wegweisend für die weitere Arbeit der Bundesregierung bewertet wird. Die Rufe nach strukturellen Reformen des Sozialstaats sind groß. Auch die Sprecher*innen der beiden Landesgruppen, Wiebke Esdar, Oliver Kaczmarek und Johann Saathoff, sprechen sich in einem dreiseitigen Positionspapier für eine Reform der Sozialsysteme aus. Diese sollen nach Vorstellung der SPD-Abgeordneten aber ohne zusätzliche Beiträge und sinkende Leistungen vonstatten gehen. Stattdessen sprechen sie sich für strukturelle Reformen für mehr Effizienz und eine digitale Verwaltung aus.

Auch mit Blick auf die angestrebte Gesundheitsreform, die am Mittwoch im Kabinett beschlossen werden soll, argumentieren sie, dass die Arbeitnehmer*innen in den vergangenen Jahren bereits durch gestiegene Beiträge in Vorleistungen getreten seien. Jetzt gelte es aus ihrer Sicht, die hohen Ausgaben im Gesundheitssystem in den Blick zu nehmen. 

Ministerin: Reform ja, Kürzungen nein

Ins selbe Horn stößt auch Bas, die vor allem eine Botschaft an den Koalitionspartner in Berlin mit nach Bielefeld gebracht hat. „Dieser Staat muss moderner werden, aber nicht kleiner“, fordert sie. Leistungskürzungen wie beispielsweise die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auf den Rücken der Arbeitnehmer*innen seien nicht gerecht. „Deswegen werde ich an der Stelle hart bleiben“, stellt Bas klar.

Gleichzeitig weist die Bundesarbeitsministerin darauf hin, dass der Bericht der Sozialstaatskommission große Ansätze enthalte, um den Sozialstaat zu reformieren. „Deswegen lasse nicht zu, dass permanent behauptet wird, die SPD würde sich jeglicher Reformansätze verweigern“, sagt die Parteivorsitzende. Doch Reformen müssten auch etwas bringen. Zudem gilt aus ihrer Sicht: „Wenn ein Land unter Druck steht, braucht es den Zusammenhalt in der Gesellschaft und einen starken Sozialstaat, der das möglich macht.“ 

Bas: „Es muss fair sein für alle im Land“

Die Sozialdemokratie könne aus ihrer Sicht sehr deutlich zeigen, wo sie hinwolle: „Es muss fair sein für alle im Land. Dann kommen wir auch voran.“ Zu einem fairen Arbeitsmarkt gehören für sie auch Tarifverträge. Derzeit betrage die Tarifbindung in Deutschland lediglich 49 Prozent, bemängelt Bas. Insofern sei es wichtig gewesen, das lange diskutierte Bundestariftreuegesetz zu verabschieden, sodass beispielsweise die im Zuge des Sondervermögens vergebenen Aufträge nur an tarifgebundene Unternehmen gehen können.

Diskussionsrunde in Bielefeld

Diskussionsrunde unter dem Titel „Zusammen für sichere Arbeitsplätze“ (v.l.): der Krefelder Oberbürgermeister Frank Meyer, die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Rump, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Nicola Fuchs-Schündeln, der Vorsitzende des DGB Niedersachsen – Bremen – Sachsen-Anhalet, Ernesto Harder und die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas

Diskussionsrunde unter dem Titel „Zusammen für sichere Arbeitsplätze“ (v.l.): der Krefelder Oberbürgermeister Frank Meyer, die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Rump, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Nicola Fuchs-Schündeln, der Vorsitzende des DGB Niedersachsen – Bremen – Sachsen-Anhalet, Ernesto Harder und die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas

Bas verweist auch auf die erste Regierungserklärung von Bundeskanzler Merz, in der dieser versprochen hatte, für eine höhere Tarifbindung eintreten zu wollen. „Darauf nagel‘ ich ihn fest“, sagt die Ministerin in Bielefeld. Ihr springt Ernesto Harder bei, der DGB-Vorsitzende von Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt: „Wir brauchen mehr Mitbestimmung und mehr Tarifbindung.“ Zugleich wünsche er sich aktuell mehr Ruhe: „Wir haben permanent zu kämpfen mit den Reden des Kanzlers über die angebliche Faulheit der Menschen.“ Diesen „Schmarrn“ zu hören zu bekommen, verunsichere viele Arbeitnehmer*innen.

Kein Plan von Reiche

Die niedersächsische Abgeordnete Frauke Heiligenstadt fragt denn auch: „Wo ist unsere positive Botschaft? Wir können die Abwehrkämpfe nur führen, wenn wir wissen, was wir wollen.“ Bas‘ Antwort ist klar: mehr Tarifbindung und Mitbestimmung und von Katherina Reiche einen Plan für die Zukunft der Industrie in Deutschland. „Was fehlt in dieser Bundesregierung, ist ein Plan, wo wir in 20 bis 30 Jahren sein wollen“, kritisiert Bas gerade mit Blick auf angeschlagene Branchen wie Chemie oder Stahl. „Es ist wichtig, dass Impulse aus dem Wirtschaftsministerium kommen“, fordert sie. 

Autor*in
Jonas Jordan
Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

Weitere interessante Rubriken entdecken

3 Kommentare

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Mo., 27.04.2026 - 18:28

Permalink

Am 22.4.26 erlebten wir eine kleine „Zeitenwende“: Pistorius, Politstar der Sonntagsfrage, heimlicher unheimlicher Hoffnungsträger der SPD, Kriegstüchtigkeits-Minister, stellte die neue „Bundeswehr-Militärstrategie (vor, in der) Deutschland auf Reichweite, Tempo und Abschreckung setzt“ (Europa News). Der Vorwärts aber hat davon (bisher (27.4.26, 18:00 Uhr)) nichts mitbekommen. Er wollte stattdessen „an die Vermögensteuer ran“ und „mit Pedro Sánchez einen progressiven Aufbruch beginnen“ (23.4.). Wichtig war ihm auch, „Engagement für Demokratie auszuzeichnen“ (24. 4.), sowie einen „Mutmacher gegen den Rechtsruck“ (27.4.) vorzustellen. Und dann wollte er auch noch irgendwen „festnageln“, weil der sich „gegen eine Schwächung des Sozialstaats ausgesprochen“ (27.4.) hatte. Mit letzterem meint der Vorwärts ausdrücklich nicht den Kriegstüchtigkeitsminister, obwohl der schon tief in den Wohlstand der Bevölkerung greift mit einem „Sondervermögen“ ohne Obergrenze für Aufrüstung.

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Mo., 27.04.2026 - 18:30

Permalink

Dafür verspricht er dann aber „Abschreckung und notfalls auch den Abwehrkampf gegen Russland“, das zwar, wie jeder sieht, nicht einmal die Ukraine in die Knie zwingen kann, das sich aber dennoch auf „eine militärische Auseinandersetzung mit der Nato vorbereitet“ (WAZ, 23.4.26). Besonders schlüssig ist ein Angriff unter solchen Voraussetzungen nicht gerade – aber wer erwartet in Militästrategien schon rationale Annahmen. Darum nimmt Pistorius auch seine Prognose vom Kriegsbeginn bis 2029 zurück und verlegt sie ins Jahr 2039. Dann aber wagt Russland gar keinen Angriff mehr auf die Nato, weil sich die Bundeswehr durch die bis dahin erfolgte „Maximierung unserer Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit“ zur „konventionell stärksten Armee Europas entwickelt“ haben wird. So passt alles wunderbar zusammen.

Vielleicht hat der Vorwärts seine Gründe, Kriegstüchtigkeits-Minister Pistorius und seine „Bundeswehr-Militärstrategie“ nicht zu erwähnen.