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SPD-Erfolgsgeschichte: Von Siegen lernen heißt siegen lernen

18. März 2026 15:48:07
Seit den Kommunalwahlen im vergangenen September ist eine einstige SPD-Hochburg wieder rot. Die sozialdemokratischen Bürgermeister*innen in Siegen-Wittgenstein sind jung und ambitioniert. Was ist ihr Geheimnis?
Wahlplakat von Tristan Vitt: Seit Ende September ist er der jüngste SPD-Bürgermeister im Siegerland.

Wahlplakat von Tristan Vitt: Seit Ende September ist er der jüngste SPD-Bürgermeister im Siegerland.

Siegerland in roter Hand, heißt es seit der nordrheinwestfälischen Kommunalwahl im vergangenen September. Seitdem stellt die SPD nicht nur mit dem seit 2014 amtierenden Andreas Müller den Landrat, sondern auch fünf von elf Bürgermeister*innen. Sie alle sind zwischen Ende 20 und Mitte 40 Jahre alt. Eine „goldene Generation“, wie die Lokalzeitung nach der Wahl schrieb.

Der Jüngste der fünf ist Tristan Vitt. Er ist 28 Jahre alt, aber am 28. September 2025 vermutlich um mindestens ein paar Tage aufeinmal gealtert. Es war der Tag der Stichwahl: Zwischen dem Juso und dem CDU-Amtsinhaber hatten die rund 100.000 Einwohner*innen der Kreisstadt Siegen ihre Wahl zu treffen, und sie entschieden sie denkbar knapp. Denn nach 105 ausgezählten Wahlbezirken lag Vitt mit ganzen sieben Stimmen vor seinem konservativen Konkurrenten. „Ich wusste, dass es knapp werden kann, hätte aber nicht damit gerechnet, dass es so knapp wird. Aber es hätte überhaupt nie jemand damit gerechnet, dass wir überhaupt diese Wahl gewinnen können“, sagt er beim Gespräch mit dem „vorwärts“ in der Siegener SPD-Unterbezirksgeschäftsstelle. 

Seit 1. November ist Vitt der erste Siegener SPD-Bürgermeister seit 26 Jahren und hat damit direkt einen kleinen Boom ausgelöst. Allein in seinem Ortsverein habe es mehr als 25 Neueintritte gegeben.

Neueintritte in den Ortsverein: Erfolg dank Weitblick

Der Erfolg ist kein Zufall, wie die Unterbezirksvorsitzende Nicole Reschke berichtet, die selbst seit 2015 Bürgermeisterin der Stadt Freudenberg ist. „Wir haben die letzten 20 Jahre sehr stark Personalentwicklung betrieben.“ Ihr Vorgänger als Unterbezirksvorsitzender, der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Willy Brase, rief Ende der 2000er Jahre die Kommunalakademie ins Leben. Hinzu kamen ein Mentoringprogramm und Juso-Sommercamps als Gelegenheiten zum Netzwerken. „Das hat gefruchtet“, konstatiert Reschke.

SPD Siegen-Wittgenstein

Der frühere Vorsitzende Willy Brase hat nicht nur die Bilder im Hintergrund gemalt, sondern auch Personalentwicklung mit Weitsicht betrieben, sodass die SPD Siegen-Wittgenstein heute fünf von elf Bürgermeister*innen im Kreis stellt: Tristan Vitt und Hannes Gieseler (v. l. vorn), Michael Kolodzig, Nicole Reschke und Henning Gronau (v. l. hinten)

Der frühere Vorsitzende Willy Brase hat nicht nur die Bilder im Hintergrund gemalt, sondern auch Personalentwicklung mit Weitsicht betrieben, sodass die SPD Siegen-Wittgenstein heute fünf von elf Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern im Kreis stellt: Tristan Vitt und Hannes Gieseler (v. l. vorn), Michael Kolodzig, Nicole Reschke und Henning Gronau (v. l. hinten)

Zwei, die unmittelbar davon profitiert haben, sind Hannes Gieseler und Henning Gronau. Gieseler sagt: „Wir wurden nicht nur gefördert und mit dem Know-How versorgt, sondern es wurde auch dafür gesorgt, dass wir in die entsprechenden Positionen kommen.“ Seit 2020 ist er Bürgermeister von Wilnsdorf, einer tiefschwarzen Gemeinde, in der die CDU in den 90er Jahren noch Ergebnisse nahe der 70 Prozent einfuhr. „Bei uns gab es vorher noch nie SPD-Bürgermeister“, sagt der 41-jährige Gieseler. 

Gronau amtiert seit 2015 als Bürgermeister von Erndtebrück. Zwar war auch schon sein Vorgänger Sozialdemokrat. Dennoch stellt er eine andere Wahrnehmung der SPD im Landkreis Siegen-Wittgenstein fest: „Man traut uns zu, dass wir die Probleme der Menschen verstehen.“ Mit Blick auf seine Wiederwahl im vergangenen Jahr mit einer Zustimmung von 85 Prozent sagt er: „Das zeigt, dass wir inzwischen ganz tief auch in den konservativen Wählerschichten angekommen sind.“ 

Persönlicher Kontakt und Haustürwahlkampf

Ein Faktor, dass das gelingen konnte, waren persönliche Kontakte und insbesondere der Haustürwahlkampf, meint Michael Kolodzig. Er setzte sich im September gleich im ersten Wahlgang gegen zwei Mitbewerber durch und wurde neuer Bürgermeister von Kreuztal, der zweitgrößten Stadt im Landkreis. „Es hat einen Effekt, dass man die Menschen einfach ganz echt sehen und mit ihnen reden kann“, glaubt er. Zudem habe der Wahlerfolg auch die eigenen Leute wieder zusätzlich motiviert: „Wenn man irgendwo mitmacht, möchte man auch eine Chance sehen, etwas zu reißen. Denn dann macht es mehr Spaß.“

Damit das auch so bleibt, geht der Blick schon in Richtung Zukunft. Der neue Siegener Bürgermeister Tristan Vitt fordert etwa, dass sich die SPD anders aufstellen und stärker in die Breite der Gesellschaft gehen müssen. Dieser Aspekt solle bei der Akquise von Kandidierenden stärker berücksichtigt werden. Die Unterbezirksvorsitzende Nicole Reschke sagt wiederum: „Es ist unsere Verantwortung, das, was vor 20 Jahren mit der Kommunalakademie begonnen wurde, auch weiterzuführen.“ Denn die nächste Wahl steht schon vor der Tür: 2027 wird in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt. Die SPD Siegen-Wittgenstein will ihre Kandidierenden Ende April nominieren.

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Autor*in
Jonas Jordan
Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

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