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SPD Baden-Württemberg: Noch vier Wochen für die Aufholjagd

9. February 2026 15:52:15
In Baden-Württemberg bahnt sich mit Blick auf die Landtagswahl ein Zweikampf zwischen Grünen und CDU an. Die SPD droht zerrieben zu werden. Doch die Partei wehrt sich, mit Spitzenkandidat Andreas Stoch und prominenter Unterstützung.
Matthias Miersch, Andreas Stoch und die vier SPD-Landtagskandidatinnen in Stuttgart

Matthias Miersch, Andreas Stoch und die vier SPD-Landtagskandidatinnen in Stuttgart

Es tut sich was. In Umfragen machte die SPD zuletzt Boden gut. Sowohl bundesweit als auch in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz, wo in diesem Jahr Landtagswahlen anstehen, ging es für die Partei teils deutlich nach oben. 

Stoch will SPD-Absturz verhindern

Doch die erste Wahl auf Landesebene im Jahr 2026 ist bereits in knapp vier Wochen in Baden-Württemberg. Dort zeigt sich ein anderes Bild. Ein Stammland war „the Länd“ für die SPD nie. Doch jahrzehntelang fuhr die Partei hier stabil rund 30 Prozent der Stimmen ein. Seit dem Höhenflug der Grünen ab 2011 ist das Geschichte. Und nach dem historisch schlechtesten Wahlergebnis mit 11 Prozent vor fünf Jahren droht diesmal sogar der Absturz in die Einstelligkeit.

SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch will das verhindern und ist dafür im ganzen Land unterwegs. Baden-Württemberg ist ein Flächenland. Von einem Ende zum anderen sind es teilweise vier Stunden Autofahrt. In derselben Zeit wäre man von der Landeshauptstadt Stuttgart aus schon in Italien. Doch Stoch war auch schon barfuß unterwegs.

SPD mit größter landespolitischer Erfahrung

Stoch sitzt seit 2009 im Landtag. Er war Parlamentarischer Geschäftsführer, drei Jahre Kultusminister und zuletzt eineinhalb Legislaturperioden lang Oppositionsführer. Diesen Titel würde der Jurist gerne ablegen und die SPD wieder in die Regierung führen. „Grüne und CDU hatten in den vergangenen zehn Jahren die Gelegenheit, vieles im Land zu verändern und haben es nicht getan. Deswegen braucht es eine neue Kraft in diesem Land“, sagt Stoch im Gespräch mit dem „vorwärts“. Er ist überzeugt, diese neue Kraft müsse die SPD sein. 

Im Wahlkampf ist es jedoch die CDU, die mit ihrem Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten Manuel Hagel und dem Slogan „Neue Kraft fürs Land“ wirbt. Hagel ist 37 Jahre alt und wäre der mit Abstand jüngste Ministerpräsident Deutschlands. Und dann gibt es auch noch die andere neue Kraft: Cem Özdemir von den Grünen. Nach Jahrzehnten in der Bundes- und Europapolitik kehrt der 60-Jährige wie der verlorene Sohn ins „Ländle“ heim und wirbt für sich als Nachfolger des grünen Landesvaters Winfried Kretschmann, der nach 15 Jahren im Amt mit 77 Jahren dem verdienten Ruhestand entgegenstrebt.

Özdemir glänzt mit Abwesenheit in seinem Wahlkreis

Özdemir setzt auf seine Beliebtheit. In der Direktwahlfrage liegt er deutlich vor Hagel, die CDU jedoch deutlich vor den Grünen. Zuletzt legten die Grünen drei Prozentpunkte zu. Das ging zulasten der SPD, die wiederum zwei Prozentpunkte verlor. Die Sozialdemokratie droht in diesem Duell zerrieben zu werden. „Das nervt, weil Cem Özdemir wenig vom Land weiß. Und Manuel Hagel ist jemand, der sich sehr stromlinienförmig innerhalb seiner Partei auf diese Position gebracht hat“, stört sich Stoch an dem vermeintlichen Zweikampf.

Sara Dahme will für die SPD in den Landtag von Baden-Württemberg.
SPDings – der „vorwärts“-Podcast

SPDings – der „vorwärts“-Podcast, Folge 49 mit Sara Dahme

Vor zweieinhalb Jahren als Quereinsteigerin aus der Kulturszene in die SPD eingetreten, sorgt Sara Dahme seitdem in der Stuttgarter Kommunalpolitik für Furore. Nun will sie in den Landtag und setzt dabei auf KI und ein Pferd.

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Özdemirs Wahlkreis ist im Stuttgarter Süden. Ob er das auch weiß? Denn bislang habe er sich dort noch nicht blicken lassen, sagt dessen SPD-Kontrahentin Sara Dahme. Bei Podiumsdiskussionen lasse er sich stets vertreten, sagt sie. Eine Chance also für die SPD? Stoch will sie ergreifen und unterstützt Dahme beim Haustürwahlkampf im Stadtteil Degerloch. „Wer Angst vor Menschen hat, ist in der Politik falsch“, sagt er selbstbewusst und ist überzeugt: „Die Menschen hier würden davon profitieren, wenn die SPD in der Regierung wäre.“ 

Stoch verschenkt „Schokolädle“

Einige Meter entfernt lehnen zwei ältere Männer an einem Zaun und mustern Stoch und Dahme neugierig, die zusammen einen roten Bollerwagen ziehen. „Wie sieht’s aus mit Schokolädle?“, fragt Stoch mit schwäbischem Akzent. Der 56-Jährige lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern in Heidenheim auf der schwäbischen Alb, 80 Kilometer von Stuttgart entfernt. 

Wenn es die Zeit erlaubt, fährt er auch in Sitzungswochen nach Hause. Seine Familie ist neben dem Sport sein Kraftzentrum. In „Sport mit Stoch“ präsentiert er sich wahlweise beim Rudern, Boxen, American Football oder Tischtennis. Diese private Seite nach außen zu kehren, zu der auch seine Leidenschaft für lauten Punk Rock gehört, ist für Stoch legitimer Teil des Wahlkampfes. Fotos beim Essen postet er jedoch – anders als Markus Söder – nicht. Dafür sei er zu sehr Genießer.  

Vielleicht zwei Stimmen mehr für die SPD

Heute verteilt der Genießer Schkokolade. Die beiden Männer greifen zu und versprechen, auf jeden Fall wählen zu gehen. Stoch hakt nach: „Bei so einer Kandidatin kann man doch auch die SPD wählen.“ Sie wollen es sich zumindest überlegen. Vielleicht also zwei Stimmen mehr für die Partei. „Die SPD ist auf dem Platz, aber bei vielen nicht auf dem Schirm“, glaubt Stoch.

Oppositionsführer im Landtag

Seit eineinhalb Legislaturperioden ist der SPD-Fraktionsvorsitzende Andreas Stoch auch Oppositionsführer im Landtag. Diesen Titel möchte er gerne abgeben und seine Partei wieder in die Regierung führen.

Oppositionsführer Andreas Stoch bei einer Rede im baden-württembergischen Landtag.

Das zu ändern, wird eine große Aufgabe für die verbleibenden Wochen. Doch erst mal wartet im Landtag noch eine weitere Aufgabe auf Stoch: die letzten beiden Plenartage in dieser Legislaturperiode. Also heißt es von Stuttgarts Höhen wieder runter in den Kessel der Autostadt und mit Sakko und Krawatte rein ins Plenum. 

Tierkadaver statt Bildungspolitik

An diesem Mittwochnachmittag geht es um Tierkadaverbeseitigung im Seuchenfall. Für den Bildungspolitiker Stoch, der für kostenlose Bildung von der Kita bis zum Master- oder Meister-Abschluss kämpft, nicht gerade ein Herzensthema. Der SPD-Fraktionsvorsitzende hört zu, stimmt mit ab und muss dann weiter ins Studio.

Eine neue Aufnahme von „Soundcheck Politik“ wartet. In seinem Podcast spricht Stoch regelmäßig mit prominenten Gäst*innen. Diesmal geht es mit der SPD-Vorsitzenden Bärbel Bas darum, wie die angeschlagene Wirtschaft wieder in Schwung kommen kann. In Baden-Württemberg schrumpfte sie im ersten Halbjahr 2025 um 0,8 Prozent. 

„Ich soll euch und Sie alle von unserer Bundesarbeitsministerin grüßen“, sagt Stoch eine Stunde später auf der Bühne im Literaturhaus Stuttgart. Der Saal ist mit rund 100 Personen voll besetzt. Und das trotz prominenter Konkurrenz. Denn zur gleichen Zeit hat die Linke mit Heidi Reichinnek „auf die Barrikaden“ gerufen. Die Linke ist für die SPD zur ernsthaften Konkurrenz geworden, steht aktuell bei sieben Prozent in Umfragen und könnte erstmals in den Landtag einziehen.

Miersch fühlt sich „sauwohl“ bei „sau geiler Partei“

„Wer will, dass die soziale Frage eine Rolle spielt, der muss SPD wählen und darf seine Stimme nicht verschenken“, sagt Matthias Miersch, Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag und an diesem Abend Stargast seiner Partei. Er ist neben „Andi“ Stoch der einzige Mann auf dem Podium. Denn in allen vier Wahlkreisen der Landeshauptstadt kandidieren für die Sozialdemokratie Frauen. Neben Dahme sind das die Gewerkschafterin Hanna Binder, Bildungspolitikerin Laura Streitbürger und Katrin Steinhülb-Joos, die bereits seit 2021 im Landtag sitzt.

Miersch zeigt sich begeistert vom Auftreten der vier Frauen. Er sagt: „Ich fühle mich heute Abend richtig sauwohl! Denn ich spüre bei allen vieren das Herz für ein ursozialdemokratisches Thema, die Bildungspolitik.“ Aber reicht das für die Aufholjagd? Sara Dahme findet schon: „Wer einen Slogan wie the Länd erfinden kann, kann auch aus Protest SPD wählen. Und warum nicht? Sau geile Partei!“ 

Autor*in
Jonas Jordan
Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

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