Kommunalwahl in Hessen: Warum zwei Ex-Grüne für die SPD antreten
Privat
Victoria Schmidt und Jakob Mähler: Vor fünf Jahren waren sie noch bei den Grünen, nun treten die beiden Kommunalpolitiker*innen bei der Wahl im März für die SPD an.
Bei der Kommunalwahl vor fünf Jahren haben Sie beide noch für die Grünen kandidiert, diesmal für die SPD. Was hat sich geändert, abgesehen von der Farbe der Flyer?
Jakob Mähler: Zwischen 2021 und 2026 haben sich meine politischen Schwerpunkte klarer entwickelt. Aber auch die Politik im Main-Kinzig-Kreis, in Hessen und in Deutschland hat sich verändert. Ich habe immer wieder geschaut, welche Antworten die Partei auf verschiedene Fragen gibt und inwiefern das noch zu mir passt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich auf verschiedene Fragen so wie die SPD antworten würde und mich nach einem langen Denkprozess zu einem Wechsel entschieden.
Victoria Schmidt: Es sind sehr viele Sachen passiert, die mich haben wachsen lassen. Ich wollte eigentlich nur mal eine Legislaturperiode in der Kommunalpolitik reinschnuppern. Die ist jetzt fast vorbei. Ich habe durchgehalten. Es ist mir bewusst geworden, dass fünf Jahre sehr lang und hart sein können. Am Anfang saß ich nur in der Stadtverordnetenversammlung. Mittlerweile bin ich auch noch Ortsvorsteherin, sitze im Kreistag und bin Geschäftsführerin der SPD-Fraktion geworden.
Über die Gesprächspartner*innen:
Jakob Mähler (31) arbeitet als Pressesprecher. Bis Juli 2025 war er Mitglied der Grünen, saß für die Partei im Kreistag des Main-Kinzig-Kreises und in der Stadtverordnetenversammlung in Gelnhausen. In der Kreisstadt trat er 2023 als Bürgermeisterkandidat der Grünen an. Mit seinem Wechsel zur SPD legte er alle kommunalen Mandate nieder. Bei der Kommunalwahl im März tritt er auf Listenplatz zwei der SPD für die Stadtverordnetenversammlung sowie auf Platz 13 zur Kreistagswahl an.
Victoria Schmidt (27) ist Politikwissenschaftlerin. Seit Ende 2024 ist sie Mitglied der SPD. Aktuell sitzt sie für die Partei im Kreistag und in der Stadtverordnetenversammlung. Außerdem ist sie Ortsvorsteherin in Gelnhausen-Mitte. Sie kandidiert bei der Kommunalwahl auf Listenplatz eins für die Stadtverordnetenversammlung und Platz 34 für den Kreistag.
Victoria Schmidt: „Im Kopf war ich schon viel früher Mitglied der SPD als offiziell“
Wie fielen die Reaktionen auf den Parteiwechsel aus?
Schmidt: Ich war nach meinem Austritt bei den Grünen ein Jahr lang parteilos, bevor ich in die SPD eingetreten bin. Meine Mandate habe ich nach dem Austritt behalten und bewusst nicht niedergelegt, um weiter für die Bürgerinnen und Bürger da zu sein, die mich gewählt haben.
Im Vorfeld hatte ich schon vertrauensvolle Gespräche geführt, die mich in meiner Entscheidung bestärkt haben. So wusste ich, dass ich nach dem Parteiaustritt einen sicheren Hafen haben würde. Im Kopf war ich schon viel früher Mitglied der SPD als offiziell. Ich habe auch positive Stimmen aus der Bevölkerung wahrgenommen, die mir gesagt haben, dass ich tolle kommunale Arbeit leiste und mich nicht unterkriegen lassen solle.
Jakob Mähler: „Ich habe mich von Tag eins an in der SPD wohlgefühlt“
Jakob, Sie waren Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Stadtverordnetenversammlung und im Kreistag, zudem Geschäftsführer der Grünen-Kreistagsfraktion und 2023 Bürgermeisterkandidat für die Partei. Ihr Wechsel zur SPD war ein ziemlicher Paukenschlag.
Mähler: Die Nachricht hat eine gewisse mediale Breite entwickelt, die mich persönlich überrascht hat. Bei mir gab es – anders als bei Victoria – kein Übergangsjahr. Deswegen habe ich mich auch entschlossen, meine Mandate zurückzugeben. Die Grünen waren nicht erfreut über meinen Austritt. Die Entscheidung wurde auch kritisch gesehen – ich bin aber auch auf viel Verständnis gestoßen.
Aus der Bevölkerung habe ich sehr viele positive Rückmeldungen bekommen. Im Nachhinein war der Wechsel eine persönlich herausfordernde Situation, weil ich acht Jahre lang in verschiedenen Funktionen bei den Grünen aktiv war, aber ich wusste, warum ich es mache und wurde in der SPD sehr herzlich aufgenommen. Ich habe mich von Tag eins an wohlgefühlt und bin jetzt auch in meinem Stadtteil Vorsitzender der SPD.
Als früherer Bürgermeisterkandidat der Grünen haben Sie innerhalb der Stadtgesellschaft eine gewisse Prominenz erreicht. Wie reagieren die Menschen jetzt auf Sie, wenn Sie Wahlkampf für die SPD machen?
Mähler: Im Bürgermeisterwahlkampf stand ich als Person im Vordergrund, nicht meine Partei. Deswegen sagen viele zu mir: „Ich habe dich wegen deiner Einstellung und Haltung gewählt – an der hat sich nichts geändert.“ Es ist zwar eine Umgewöhnung, aber der Vorteil der Kommunalpolitik ist, dass die Person im Vordergrund steht.
Was war für Ihren Eintritt in die SPD entscheidend? Ein bestimmtes Thema oder eine bestimmte Person?
Schmidt: Die Mischung. Ich habe in Gelnhausen ein sehr gutes Team aus erfahrenen und jüngeren Gesichtern innerhalb der Fraktion vorgefunden, sodass ich direkt Lust hatte, mitzuarbeiten. Durch das Übergangsjahr konnte ich mir die Partei in Ruhe von außen angucken. Inhaltlich ist mir der soziale Aspekt sehr wichtig, das Miteinander, Menschen zu verbinden und Brücken zu bauen. Das ist bei klassischen grünen Themen schwieriger umzusetzen.
Mähler: Wir leben in einem Flächenlandkreis mit großen Städten, aber auch kleineren Gemeinden. Wenn wir politische Antworten suchen, können wir diese nicht flächendeckend über alles drüberlegen, sondern müssen uns die Gegebenheiten vor Ort anschauen. Das gefällt mir bei der SPD, vor allem hier im Main-Kinzig-Kreis, sehr gut. Wir sind in jeder einzelnen Stadt mit einem eigenen Ortsverein oder Stadtverband aktiv. Wir bringen diese verschiedenen Ansichten und Perspektiven ein und verknüpfen diese zu guten Lösungen für den Main-Kinzig-Kreis, die in allen Städten und Gemeinden funktionieren.
Das hat mich dazu bewogen, Teil der SPD Main-Kinzig werden zu wollen. Denn ich will Politik machen, die sich an der Lebensrealität der Menschen orientiert. Es geht darum, die Menschen mit ihren verschiedenen Lebensentwürfen zu unterstützen. Deswegen fühle ich mich in der SPD als Pragmatiker sehr gut aufgehoben.
Victoria Schmidt: „Egal ob es 51, 49 oder 35 Prozent werden, die Hauptsache ist, dass wir stärkste Kraft werden“
Bei der Wahl 2021 kam die SPD in Gelnhausen auf 23,28 Prozent, die Grünen auf 21,52 Prozent. Was haben Sie sich diesmal vorgenommen?
Mähler: Wir wollen stärkste Kraft werden.
Schmidt: Egal ob es 51, 49 oder 35 Prozent werden, die Hauptsache ist, dass wir stärkste Kraft werden.
Mähler: Wir stellen in fünf von sechs Stadtteilen die Ortsvorsteher. Daher können wir optimistisch und selbstbewusst in den Wahlkampf gehen. Denn wir haben die besten Lösungen für die Stadt.
Was sind die wichtigsten Themen?
Schmidt: Der Bahn-Ausbau spielt eine große Rolle, weil die Strecke zwischen Hanau und Fulda 2027 für ein halbes Jahr gesperrt werden soll. Wir müssen gucken, wie wir uns besser gegen Extremwettereignisse wie Hitze und Hochwasser entlang der Kinzig wappnen können. In den Ortsteilen geht es viel um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Sanierung unserer Dorfgemeinschaftshäuser und den Verkehr.
Mähler: Kinderbetreuung ist auch ein wichtiges Thema. Wir haben in Gelnhausen niedrige Kita-Gebühren. Es wird immer wieder versucht, daran zu schrauben, um unser Haushaltsdefizit auszugleichen. Selbst wenn wir die Kita-Gebühren unverhältnismäßig erhöhen, könnten wir das Defizit nicht ausgleichen. Deswegen positionieren wir uns als SPD stark gegen Gebührenerhöhungen.
In Gelnhausen sind mehr als die Hälfte der Menschen in Vereinen organisiert. Deswegen wollen wir das Ehrenamt stärker unterstützen. Aktuell haben wir zu viel Bürokratie für Vereine. Zudem müssen sie hohe Hallennutzungsgebühren bezahlen. All das wollen wir vereinfachen. Denn wer ehrenamtlich tätig ist, sollte dafür nicht noch irgendwelche bürokratische Hürden meistern müssen.
Wie gehen Sie im Main-Kinzig-Kreis mit dem Erstarken der AfD um?
Mähler: Bei der letzten Landtagswahl und auch bei der Bundestagswahl gab es mehrere Städte im östlichen Main-Kinzig-Kreis, in denen die AfD stärkste Kraft wurde. Das hat uns alle schockiert. Viele Menschen fühlen sich nicht ausreichend gehört – dieses Gefühl nutzt die AfD aus.
Bisher ist die AfD im Kreistag und in den Städten und Gemeinden und Ortsbeiräten noch nicht in der Stärke vertreten, dass es einen Unterschied machen würde. Doch es ist zu befürchten, dass sich das ändern könnte. Dann wäre beispielsweise die Schöffenwahl im Kreistag nicht mehr ohne ihre Zustimmung möglich. Das würde die Zusammenarbeit stark verändern. Deswegen müssen die demokratischen Faktionen näher zusammenrücken.
Jakob Mähler: „Das Tischtuch zu den Grünen ist nicht zerschnitten.“
Könnten Sie sich künftig eine Koalition mit den Grünen vorstellen?
Mähler: Von meiner Seite ist das Tischtuch nicht zerschnitten, sondern ich bin weiterhin in gutem Austausch, teilweise auch noch freundschaftlich verbunden.
Schmidt: Ich würde die Zusammenarbeit mit den Grünen nicht ausschließen. Ich habe mich kürzlich erst wieder mit der Spitzenkandidatin der Grünen ausgetauscht. Bei vielen Themen gibt es Schnittmengen.
Wer von Ihnen beiden tritt für die SPD 2029 bei der Bürgermeisterwahl in Gelnhausen an?
Mähler: Die Entscheidung treffen wir Gott sei Dank noch nicht jetzt. Und in drei Jahren fließt noch viel Wasser die Kinzig runter.
Schmidt: Sag niemals nie. Das habe ich in den letzten fünf Jahren gelernt. Denn es kommt immer anders, als man denkt.
Ereignisreicher und turbulenter als bei Ihnen beiden in den vergangenen fünf Jahren kann eine Legislaturperiode auch kaum sein.
Mähler: Nein, das muss auch nicht noch mal sein. Ich würde jetzt gerne mit weniger Puls und mehr Kontinuität weiterarbeiten.
ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo