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Juso-Spitzenkandidatinnen: Viele Junge wissen nicht, dass sie wählen dürfen

Manon Luther und Delara Burkhardt treten für die Jusos bei den Europawahlen an. Während Burkhardt bereits seit 2019 im EU-Parlament sitzt, hofft Luther auf ihr erstes Mandat. Im Interview erklären sie, warum die EU für junge Menschen wichtig ist. 

von Lea Hensen · 7. Juni 2024
Die Spitzenkandidatinnen der Jusos: Manon Luther (links) und Delara Burkhardt

Die Spitzenkandidatinnen der Jusos: Manon Luther (links) und Delara Burkhardt

Was bedeutet die EU für Sie? 

Delara: Für mich ist Europa etwas Persönliches. Meine Mutter ist in den 1980ern aus politischen Gründen aus dem Iran nach Deutschland geflohen. Europa war für sie das Versprechen für Demokratie und Sicherheit. Mit dem Glauben an ein Europa, in dem Menschen sicher ihren Weg gehen können, bin ich aufgewachsen und ich will ihn heute verteidigen. 

Manon: Die EU gibt Hoffnung, dass die Welt ein besserer Ort werden kann. Man muss sich mal vorstellen: Da haben sich damals nach Jahrzehnten der Kriege die Staaten zusammengeschlossen und sich gesagt, wir wollen die Probleme der Zukunft gemeinsam lösen und ein geeintes, friedliches, demokratisches Europa schaffen. Das ist ein riesengroßer Erfolgsprojekt, was wir uns viel zu selten bewusst machen. 

Delara, Sie sind bereits Abgeordnete im EU-Parlament und setzen vor allem für Umweltfragen ein. Manon, was motiviert Sie, für die Europawahl zu kandidieren?

Manon: Für meine Herkunftsregion Braunschweig ist es enorm wichtig, dass die EU jetzt in sozial-ökologische Transformation investiert. Ich will mich dort für klimaneutrale, starke Wirtschaft einsetzen. Eine meiner Herzensangelegenheiten ist die Jugendgarantie: Alle jungen Menschen unter 30 sollen in Europa ein Recht auf eine kostenlose Berufsausbildung oder ein kostenloses Studium bekommen.

Delara 
Burkhardt, 
EU-Abgeordnete

Mit dem Glauben an ein Europa, in dem Menschen sicher ihren Weg gehen können, bin ich aufgewachsen und ich will ihn heute verteidigen.

Wie steht es denn um die Jugend in der EU?

Manon: Ich finde, junge Menschen wurden in den vergangenen Jahren, während der Corona- oder Energiekrise, vernachlässigt. Viele sind heute verunsichert und fragen sich, ob für sie das Versprechen noch gilt, dass eine gute Ausbildung zu einer besseren Zukunft führt. Wir brauchen jetzt ein europäisches Signal, das jungen Menschen zeigt, dass es vorangeht. Die rechten Parteien, die jetzt stark werden, tun nämlich rein gar nichts für sie.

Trotzdem würden laut einer Jugendstudie 22 Prozent der Jugendlichen in Deutschland die AfD wählen. Spüren Sie einen Rechtsruck bei jungen Menschen?

Delara: Der Rechtsruck ist leider nur eine Anpassung an die normalen gesellschaftlichen Verhältnisse: Junge Menschen haben früher weniger rechts gewählt, und jetzt wählen sie wie der Durchschnitt. Deswegen müssen wir ihnen erklären, was die EU mit ihnen zu tun hat. Im Wahlkampf der vergangenen Wochen habe ich auch gemerkt, dass viele 16-Jährige gar nicht wissen, dass sie wählen dürfen. 

Manon: Früher bin ich mit der Annahme zu solchen Veranstaltungen gegangen, dass junge Menschen tendenziell links seien, und wir sie nur mobilisieren müssen. Davon können wir nicht mehr ausgehen. Ich merke auch, dass viele Politik für etwas Angestaubtes halten. Wenn ich auf Veranstaltungen an Schulen bin, sind viele Schüler*innen verwundert, dass die SPD überhaupt junge Menschen anspricht und so junge Kandidierende hat wie mich. Wir müssen Politik also jünger und zugänglicher machen. Sonst machen es die Rechten, die alles nur vereinfachen.

Delara Burkhardt bei einer Wahlkampfveranstaltung

Wie erklären Sie den Erstwählern die Bedeutung der Europawahl? 

Manon: Ich erkläre ihnen, dass vieles, wovon sie heute in der EU profitieren, nicht selbstverständlich ist. Wie die Reisefreiheit in Europa, die Währungsunion, das Erasmus-Stipendienprogramm und der Wegfall von Roaminggebühren. In einer Region wie Braunschweig entscheidet die EU ganz konkret über die Arbeitsplätze der Zukunft. Ich meine: Wir erleben gerade Krieg an der europäischen Grenze, aber zeitgleich hält ein französischer Präsident in Dresden auf Deutsch ein Plädoyer für europäische Einigkeit. Wir dürfen es nicht zulassen, dass wir die Generation sind, die dieses Erfolgsprojekt gegen die Wand fährt. 

Delara: Wir brauchen ein EU-Parlament, das für Investitionen stimmt, die weiterführen, was wir schon angestoßen haben: den Green Deal, also den Umbau zu einer klimaneutralen Gesellschaft. Wenn wir heute sparen, bleiben die zukünftigen Generationen auf den Folgen des Nicht-Handelns sitzen. Deswegen ist die Europawahl für junge Menschen so entscheidend. 

Der Altersdurchschnitt der EU-Abgeordneten liegt bei ungefähr 52 Jahren. Delara, 2019 gehörten Sie mit 26 Jahren zu den jüngsten Abgeordneten in Brüssel. Wie ist es, als junger Mensch in die Politik zu gehen?

Delara: Eine junge Abgeordnete muss sich anders beweisen, um ernst genommen zu werden. Und das verärgert natürlich, denn wir wurden alle, egal ob mit 75 oder 25 Jahren, mit dem gleichen Mandat gewählt. Auf der anderen Seite hat mir meine Fraktion auch super viel Verantwortung gegeben, ich durfte Verhandlungsführerin bei fünf der Green-Deal-Gesetze sein.

Manon: Im Wahlkampf wurde ich mit meinen 28 Jahren schon mehrfach gefragt, ob ich eigentlich schon volljährig sei, schon irgendwo gearbeitet hätte, und wie es denn um meine Familienplanung steht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein „Martin“ (Anm. d. Red.: Politiker im Alter von Martin Schulz) diese Fragen gestellt bekommt, auch nicht, wenn er 28 Jahre alt wäre. Das Gefühl, mich umso mehr beweisen zu müssen, nehme ich an. Aber ich würde mir wünschen, dass das nicht notwendig ist.

Autor*in
Lea Hensen

ist Redakteurin des „vorwärts“.

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1 Kommentar

Gespeichert von Armin Christ (nicht überprüft) am Sa., 08.06.2024 - 08:32

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