Jessika Wischmeier: Die Organisation der SPD war stets ihr Geschäft
Dirk Bleicker/ vorwärts
Auf zu neuen Ufern: Die langjährige SPD-Bundeschäftsführerin Jessika Wischmeier hat das Willy-Brandt-Haus verlassen.
Aus dem Willy-Brandt-Haus ging es erstmals drei Wochen an die Ostsee. Sechs Jahre war Jessika Wischmeier Bundesgeschäftsführerin der SPD, hatte in dieser Zeit zwei Bundestagswahlkämpfe mit organisiert, eine Mitgliederbefragung und einige Parteitage. Da war ein bisschen Erholung bitter nötig.
Anfang Juli machte die Nachricht die Runde, dass die SPD den Vertrag mit Wischmeier nicht verlängert. Manche Medien schrieben, sie sei als Bundesgeschäftsführerin entlassen worden, was Unsinn ist: Die Entscheidung, künftig keine Bundesgeschäftsführung mehr zu haben, traf bereits ein Parteitag Ende 2019. Jetzt wurde der Beschluss wirksam.
Eine Herausforderung für alle im Willy-Brandt-Haus
„Wir hatten 2019 gute Argumente für die Entscheidung und jetzt war der Moment das umzusetzen“, sagt Jessika Wischmeier. Ihre Aufgaben als Bundesgeschäftsführerin haben zum Teil Generalsekretär Tim Klüssendorf und Schatzmeister Dietmar Nietan übernommen. Einiges ging auch an die Abteilungsleiterinnen und Abteilungsleiter im Willy-Brandt-Haus. „Ich glaube, dass die Entscheidung richtig war, auch wenn das für alle Beteiligten eine Herausforderung ist“, sagt Wischmeier. Das Willy-Brandt-Haus mit seiner „besonderen Belegschaft“ werde das aber hinbekommen. „Einen perfekten Moment gibt es nie.“
Die Demokratie lebendig halten
Wischmeier blickt durchaus mit Stolz auf ihre sechsjährige Amtszeit zurück. „Es ist uns gelungen, Diskussionsräume in der SPD zu schaffen“, sagt sie. Die Debattencamps 2018 und 2020 bzw. der Debattenkonvent 2022 seien „echte Highlights“ gewesen. Auch die Organisation der Parteiarbeit in der Corona-Zeit gehörte zu Wischmeiers Aufgaben – eine herausfordernde, aber auch sehr lehrreiche Zeit, wie sie findet. Und dann war da ja noch der Sieg bei der Bundestagswahl 2021, den Wischmeier „die Vollendung meiner politischen Biografie“ nennt.
Dass ihre Zeit im Willy-Brandt-Haus ohne eine Wiederholung dieses Erfolgs endet, schmerzt Jessika Wischmeier. „Wir hätten nach dem Wahlsieg die erfolgreichen Teams zusammenhalten müssen“, sagt sie rückblickend. Viele seien 2021 aber in Ministerien gegangen oder hätten sich neu orientiert.
Einsatz von Künstlicher Intelligenz „eine Riesenchance für die SPD“
Was blieb, waren neue Formen des Zusammenarbeitens, die Jessika Wischmeier zum Teil schon in ihrer vorherigen Funktion als Abteilungsleiterin Mobilisierung eingeführt hatte, wie etwa die Methode des „agilen Arbeitens“, die erstmals bei der Vorbereitung des Mitgliedervotums über den Parteivorsitz 2019 zum Einsatz kam. Eine neue digitale Plattform erleichtert seitdem das teamübergreifende Arbeiten im Willy-Brandt-Haus. „Das muss allerdings immer wieder neu mit Leben gefüllt werden. Ansonsten fällt man schnell in alte Strukturen zurück“, hat Jessika Wischmeier beobachtet. Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz sei „eine Riesenchance für die SPD“.
Gleiches gilt aus Wischmeiers Sicht für den gerade begonnenen Prozess für das neue Grundsatzprogramm. „Die SPD und die Gesellschaft stehen an einem Scheideweg“, sagt sie und ist überzeugt: „Wir müssen es hinbekommen, unsere Demokratie lebendig zu halten.“ Dabei will Jessika Wischmeier auch künftig mitmischen, auch wenn sie noch nicht sagen will, an welcher Stelle. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, aufzuhören Politik zu machen.“
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.