Meinung

Rente mit 63: Warum die pauschale Abschaffung ein Fehler wäre

11. September 2026 15:54:12
Das Aus der abschlagsfreien „Rente mit 63“ schien beschlossene Sache – nun ist die Debatte zurück. Nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt stellt sich die Frage, ob die Bundesregierung die Pläne umsetzen sollte. Das ist gut so. 
Zwei Rentner sitzen mit dem Rücken zum Bild auf einer Bank.

Wer sein Leben lang eingezahlt und hart gearbeitet hat, hat sich eine frühere Rente verdient, oder nicht?

Na, was ist jetzt mit der „Rente mit 63“? Wird sie abgeschafft – oder nicht? Spätestens nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt liegt die Frage wieder auf dem Tisch und verwirrt nicht nur die Rentner*innen von morgen.  

Vorneweg: Der Name „Rente mit 63“ führt in die Irre. Wer heute nach 45 Jahren vorzeitig in Rente geht, ist mindestens 64 Jahre und sechs Monate alt, weil die Altersgrenze mit dem regulären Renteneintrittsalter mitgestiegen ist. Die Rentenkommission empfiehlt, die abschlagsfreie Frührente zu streichen, um die angespannte Rentenkasse zu entlasten. Würde die Regel fallen, könnten die meisten Rentner*innen einen abschlagsfreien Ruhestand ab 2031 frühestens mit 67 Jahren erreichen. 

Warum die Abschaffung besonders Ostdeutschland treffen würde 

Angesichts des AfD-Ergebnisses in Sachsen-Anhalt sollte die Bundesregierung diese Pläne hinterfragen. Rund 250.000 bis 280.000 Menschen nehmen laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) jedes Jahr die abschlagsfreie Frührente neu in Anspruch. In Ostdeutschland, wo die AfD besonders punktet, sind es mehr als im Westen. 

Rentner*innen im Osten erreichen die 45 Versicherungsjahre deutlich häufiger, weil sie in der DDR früher anfingen zu arbeiten, weniger Berufswechsel hatten und Frauen deutlich häufiger und länger arbeiteten. Nach der Wiedervereinigung haben Ostdeutsche dann jahrzehntelang für wesentlich niedrigere Löhne geschuftet, verfügen heute kaum über Betriebsrenten und über weniger Privatvermögen als Menschen im Westen. Es ist unfair, gerade sie mit Abschlägen zu belasten.  

Vieles an den Reformvorschlägen der Rentenkommission ist sinnvoll, unter anderem will sie das Rentenniveau von 48 Prozent stabilisieren. Gleichzeitig hören die Menschen, sie müssten Einschnitte in Kauf nehmen, seien zu oft krank, und würden grundsätzlich zu wenig arbeiten, während sie monatelang auf einen Arzttermin warten und immer höhere Mieten zahlen. Das macht wütend – und wer wütend ist, interessiert sich weniger für Fakten. 

Rente mit 63: Wie viel Geld der Staat sparen könnte 

Auf der anderen Seite steht das Geld. Laut DIW würde der Staat mit der Abschaffung der Frührente pro Rentnerjahrgang fast zehn Milliarden Euro sparen. Angesichts der milliardenhohen Zuschüsse zur Rentenversicherung, die der Bund jährlich leistet, ist das ein echter Faktor. Nur muss sich die Bundesregierung fragen, was wichtiger ist: der politische Preis oder der Preis für den Fiskus. 

Deswegen muss es Kompromisse geben. Das gilt insbesondere für Menschen, die jahrzehntelang in körperlich oder psychisch herausfordernden Berufen geschuftet haben. Die Rentenkommission schlägt eine Härtefallregel vor, doch bedeutet die, dass Rentner*innen erst beweisen müssen, dass sie aus gesundheitlichen Gründen das reguläre Renteneintrittsalter nicht erreichen.  

Härtefallregelung: Wer künftig früher in Rente gehen könnte 

Österreich ist dafür gerade kein gutes Beispiel: Die Schwerarbeit, nach der Rentner*innen dort auch schon mit 60 in den Ruhestand gehen können, muss unter anderem über den Kalorienverbrauch während der Arbeitszeit belegt werden – bei Männern müssen es mindestens 2.000 Kilokalorien sein, bei Frauen 1.400. Erst seit kurzem genügen Pflegeberufe den Anforderungen. 

So weit darf es in Deutschland nicht kommen: Wer 45 Jahre eingezahlt hat, sollte früher gehen dürfen, ohne vorher beweisen zu müssen, dass er kaputt ist. Wenn man die „Rente mit 63“ tatsächlich reformiert, dann sollte sich der Anspruch zumindest an Berufsgruppen orientieren: An Berufen in der Pflege, Schichtarbeiten oder an Arbeit auf dem Bau. Und in jedem Fall braucht eine Änderung der Rente sinnvolle Übergangsregeln. Die Menschen in diesem Land haben sich darauf verlassen, dass ihre Lebensleistung belohnt wird. Darin darf man sie nicht enttäuschen.  

Autor*in
Lea Hensen
Lea Hensen

ist Redakteurin des „vorwärts“.

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