Für Europa, für Vielfalt, gegen rechts: Warum der ESC wichtiger ist denn je
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Sichtbares Zeichen für Vielfalt und Toleranz: ESC-Siegerin Conchita Wurst 2014 in Kopenhagen
Seit dem Ende des Kommunismus 1989/1990 waren Demokratie und Vielfalt in Europa noch nie so bedroht wie heute. Mag der Machtwechsel von Autokraten zu Demokraten in Polen und in Ungarn Hoffnung geben, Grund zur Entwarnung ist er nicht. Denn in fast allen Ländern Europas sind Rechtsextreme auf dem Vormarsch.
Eurovision Song Contest: Warum der ESC Europa verbindet
In dieser Zeit ist es daher umso wichtiger, dass mit dem Eurovision Song Contest ein starkes Zeichen gesetzt wird für ein friedliches, demokratisches und tolerantes Europa, für Freiheit und Vielfalt. Genau darum geht es beim Eurovision Song Contest, kurz ESC, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert und der so viel mehr ist als nur ein Musikwettbewerb.
Denn er ist eines der ganz seltenen TV-Events, die von Millionen Menschen in Europa zur selben Zeit gesehen, diskutiert und bewertet werden. Weltweit wird er von über 160 Millionen Zuschauern verfolgt, in einigen Ländern Europas liegt die Sehbeteiligung bei mehr als 80 Prozent. Das verbindet. „United by music“ heißt zurecht das offizielle Motto des ESC. Europa wird beim ESC emotional erfahrbar.
ESC 2022: Wie Europa Solidarität mit der Ukraine zeigte
Das wurde besonders deutlich im Jahr 2022, als Putins Russland die Ukraine überfiel, um sie als unabhängigen Staat zu vernichten und von der Karte Europas auszulöschen. Die Ukraine gewann den ESC. Die Menschen in Europa zeigten Solidarität mit dem angegriffenen Land. Immer wieder setzen die Lieder des Songcontest Zeichen gegen Krieg und für Frieden, etwa mit dem deutschen Siegerlied von 1982 „Ein bisschen Frieden“.
Die Vielfalt Europas wird beim ESC erlebbar: in unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Identitäten. Diese Vielfalt zeigt sich auch in den Musikstilen. Sie reichen von klassischer Volksmusik und romantischen Balladen über Pop und Schlager bis zu Hardrock, Heavy Metal und moderner Experimentalmusik. Die Vielfalt zeigt sich auch in Tänzen und Kostümen, manchmal auch in der Nationaltracht. Diese Vielfalt wird beim ESC gefeiert, sie wird als Bereicherung und nicht als Problem empfunden.
Dana International und Conchita Wurst: ESC-Feindbilder der Rechten
So hatte es eine deutliche Wirkung über den Wettbewerb hinaus als 1998 mit „Dana International” aus Israel erstmals eine transgeschlechtliche Sängerin den ESC gewann, gegen heftige Proteste religiöser und ultrarechter Kräfte in Israel. Und 2014, als der österreichische Sänger Thomas Neuwirth als bärtige Dragqueen „Conchita Wurst” Sieger wurde.
Alles das, das Leben des europäischen Gedankens und der Vielfalt, macht den ESC zum Feindbild der Rechtsextremen. Die Sichtbarkeit von LGBTQ-Kultur trifft hier auf harte Ablehnung, auf Häme, Hass und Hetze. Auch die politisch progressiven Statements zahlreicher Songs zu europäischen Werten, wie Freiheit und Vielfalt, Menschenrechten und Diversität, Migration und Genderfragen lehnen die Rechten ab. Der ESC ist für sie ein Projekt des ihnen so verhassten liberalen und demokratischen Europas.
Warum der ESC eine Chance für die Demokratie in Europa ist
Angesichts dieser immer weiter wachsenden Bedrohung von rechts, ist der Eurovision Song Contest wichtig und unverzichtbar, heute mehr denn je. Der TV-Entertainer Hape Kerkeling hat es auf den Punk gebracht: „Solange es den ESC geben wird, hat die Demokratie in Europa eine Chance.“ Nutzen wir diese Chance!