Eurovision Song Contest 2026: Warum Fans um den ESC fürchten
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Zunehmende Polarisierung: Die georgische Gruppe „Bzikebi“ bei ihrem Auftritt im Halbfinale des Eurovision Song Contest 2026 in Wien
1956 fand die erste Ausgabe des „Eurovision Song Contests“ statt. In diesen Tagen geht er in sein 70. Jahr. Wann wurde bei euch das ESC-Feuer entfacht?
Martin Schmidtner: Bei mir war das 1974. Da durfte ich zum ersten Mal den ESC gucken und seitdem bin ich Fan. Damals hat ja ABBA gewonnen und in der „Hörzu“ gab es vorgedruckte Tabellen, in die man seine eigene Wertung eintragen konnte. Das hat unglaublich Spaß gemacht. Erst als Nicole 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ den ESC für Deutschland gewonnen hat, habe ich einige Zeit Abstand genommen.
Warum?
Schmidtner: Weil ich mich so geärgert habe, dass Ralf Siegel mit dem Lied die Friedensbewegung verhöhnt. Das habe ich ihm wirklich übelgenommen und den ESC deshalb einige Jahre aus Protest nicht mehr angeschaut. Erst als ich dann Marc kennengelernt habe, haben wir ab 1990 den ESC zusammen geguckt.
Eurovision Song Contest: Welche ESC-Jahre unvergessen bleiben
Und irgendwann habt ihr dann auch begonnen, live vor Ort dabei zu sein.
Marc Schulte: Genau. Das lag an mir. Als der ESC 2008 in Belgrad stattfand, fragte mich ein Freund, ob ich nicht mitkommen will. Damals war es überhaupt kein Problem, an Eintrittskarten zu kommen und auch eine Presseakkreditierung war leicht zu kriegen. So habe ich meine ersten Texte über den ESC geschrieben und war mit einem Mal mittendrin in dem Zirkus. Ich weiß noch, wie ich Martin vollkommen euphorisch aus Belgrad angerufen habe und er dachte, jetzt sei ich völlig durchgeknallt. Im Jahr darauf sind wir dann zusammen zum ESC nach Moskau gefahren.
„Am meisten in Erinnerung sind mir die Städte, in denen es politisch am interessantesten war und wo es auch die größte Herausforderung war, zu berichten“
Mit einer einzigen Unterbrechung 2013 habt ihr danach an allen ESCs bis einschließlich 2022 teilgenommen. Welcher davon ist euch besonders in Erinnerung geblieben?
Schulte: Für mich war das eindeutig Baku 2012. Es war toll zu sehen, wie die Menschen dort mitgefiebert haben und den europäischen Gedanken gelebt haben, während das Regime vor allem das Ziel hatte, ein gigantisches Spektakel zu veranstalten.
Song Contest Momente: 2014 gewann Conchita Wurst
Schmidtner: Am meisten in Erinnerung sind mir die Städte, in denen es politisch am interessantesten war und wo es auch die größte Herausforderung war, zu berichten. Das waren Moskau, Baku, Kiew und Tel Aviv. Mein persönlich allergrößter ESC-Moment war aber 2014 in Kopenhagen, als Conchita Wurst gewonnen hat. Das hat mich sehr gepackt damals.
Schulte: Mein größter ESC-Moment war natürlich, als Michael (Schulte, Marcs Halbbruder, Anm.d.Red.) 2018 in Lissabon gesungen und den vierten Platz belegt hat.
2023 habt ihr dann euren Abschied vom ESC verkündet, weil ihr mit der „Kommerzialisierung und Monopolisierung“ nicht mehr mithalten konntet, wie ihr damals gesagt habt. Was war passiert?
Schulte: Als wir 2009 angefangen haben, über den ESC zu bloggen, konnte man als Berichterstatter sämtliche Proben mitverfolgen, hatte immer Interviewkontakte, konnte die Teilnehmenden treffen. Mittlerweile ist es so, dass du als Berichterstatter bis zur Generalprobe gar keine Probe mehr mitverfolgen kannst. Das liegt zu einem großen Teil daran, dass die European Broadcasting Union den ESC zuerst an TikTok und mittlerweile an Reddit verkauft hat. Das heißt, dass sie entscheiden, was nach außen dringen darf und was nicht. Das meinen wir mit Monopolisierung.
ESC Finale: So stiegen die Preise für die Show
Ein weiterer Punkt sind die Preise. Während man zu Anfang noch für 200 Euro das ESC-Gesamtpaket bekommen konnte, zahlt man mittlerweile locker 200 Euro pro Show. Das macht es für Fans mittlerweile extrem schwierig, überhaupt noch zu den Shows zu kommen. Der ESC ist inzwischen nur noch etwas für die Profis und die Agenturen. Das ist echt schade.
„Mittlerweile gibt es fast nur noch Schwarz-Weiß-Denken und der gegenseitige Respekt, der den ESC immer ausgemacht hat, ist fast komplett verschwunden“
Schmidtner: Seit zwei, drei Jahren kommt noch eine ganz andere Art der Politisierung hinzu, die sich vor allem an der Frage Israel ja oder nein entzündet. Statt die Menschen zusammenzuführen, wie es eigentlich Ziel des ESC ist, führt das zu einer zunehmenden Spaltung. Auch früher hat man sich in den Fanforen über Politik gestritten, aber es war immer eine Diskussion, die sachlich geblieben ist und am Ende ein versöhnliches Ende hatte. Mittlerweile gibt es fast nur noch Schwarz-Weiß-Denken und der gegenseitige Respekt, der den ESC immer ausgemacht hat, ist fast komplett verschwunden. Das ist nicht mehr unsere Welt.
Gab es aus eurer Sicht einen Wendepunkt oder ein Ereignis, das das ausgelöst hat?
Schmidtner: Ein wichtiges Ereignis war der ESC-Sieg der Ukraine in Turin 2022. Die Sympathie für das angegriffene Land hat dabei sicher eine Rolle gespielt, aber man darf auch nicht vergessen, dass das „Kalush Orchestra“ eine tolle Show und mit „Stefania“ ein mitreißendes Lied abgeliefert hat. Trotzdem behaupteten die Fans von Sam Ryder aus England danach, ihm sei der Sieg gestohlen worden. Das war eine neue Entwicklung, die nahtlos mit einer Mobbing-Kampagne gegen die israelische Teilnehmerin 2024 fortgesetzt wurde.
ESC Kontroverse: Wie die Israel-Frage den Contest politisiert
2024 wurde die israelische Vertreterin Eden Golan mit dem Tod bedroht, sodass sie ihr Hotelzimmer in Malmö nur für Proben und Auftritte verlassen konnte.
Schulte: Ja, das war ein neuer Tiefpunkt, der uns sehr erschreckt hat. Hier hat die Polarisierung ein Ausmaß angenommen, das wir nie erwartet hätten. Und ein Ergebnis ist ja, dass in diesem Jahr mehrere Länder den ESC boykottieren, weil Israel nicht ausgeschlossen wurde. Das Argument lautet hier, dass Israel wegen seines Vorgehens in Gaza genauso behandelt werden müsste wie Russland und Belarus wegen des Kriegs in der Ukraine.
„Über die Jahre hat sich ein enormer kultureller Austausch entwickelt, insbesondere in der Zeit, in der in der jeweiligen Landessprache gesungen werden musste“
Wie sehr gefährdet diese Polarisierung den ESC?
Schulte: Wenn es nicht gelingt, die aktuelle Entwicklung zu stoppen, ist der ESC in seiner Existenz gefährdet. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem die Teilnahme von Ländern zu einer Art Gesinnungstest wird. Die Künstlerinnen und Künstler werden bei jeder Gelegenheit gefragt, wie sie zum Thema Israel stehen. Und wenn sie eine vermeintlich falsche Antwort geben, wird über sie hergefallen. Um Musik geht es dabei schon lange nicht mehr.
Eurovision Song Contest: Wofür der Wettbewerb steht
Dabei ging es schon 1956, als der ESC das erste Mal stattfand, um Politik. Damals sollte Musik die europäische Einigung vorantreiben.
Schmidtner: Naja, zunächst mal war der erste ESC ein Großversuch für europäische Live-Übertragungen. Aber natürlich hat man versucht, ein ideelles Gerüst darum herum aufzubauen. Über die Jahre hat sich so ein enormer kultureller Austausch entwickelt, insbesondere in der Zeit, in der in der jeweiligen Landessprache gesungen werden musste. Nicht umsonst wurde der ESC 2016 mit der Karlsmedaille für europäische Verständigung ausgezeichnet. Denn der ESC hat es geschafft, die Staaten Osteuropas nach dem Fall des Eisernen Vorhangs relativ schnell einzubeziehen. Diese integrative Kraft des ESC haben wir auch immer wieder vor Ort gemerkt, etwa 2017 in Kiew.
Wie werdet ihr in diesem Jahr den ESC verfolgen?
Schulte: Ich bin doch wieder ein bisschen schwach geworden und werde mir die Probe des zweiten Halbfinales und die Generalprobe live in Wien ansehen. Pünktlich zum Finale bin ich dann aber zurück in Berlin und werde es mir mit Martin im Fernsehen ansehen. Dann habe ich den direkten Vergleich und kann nachempfinden, wie sich die Auftritte in der Halle anfühlen.
Schmidtner: Das Finale sehen wir uns dann im Freundeskreis an und nicht wie früher bei großen Partys. Da sind wir über die Jahre anspruchsvoller geworden und wollen möglichst viel von den Auftritten mitbekommen und nicht, dass sie in Unterhaltungen untergehen.
„Mit Sarah Engels hat Deutschland zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Künstlerin am Start, die offensichtlich wirklich brennt, dabei zu sein“
Und wer ist euer Favorit?
Schulte: Mein absoluter Lieblingssong ist „Tanzschein“ aus Österreich. Der macht gute Laune, wird aber wohl keine Chancen haben, weil er vom Wortwitz lebt, der über den deutschen Sprachraum hinaus nicht verständlich ist.
Schmidtner: Ich habe große Sympathie für Norwegen, aber auch der Sänger wird wohl kaum Chancen haben. Großer Favorit ist ja zurzeit Finnland, was ich absolut unverständlich finde.
ESC Finale: Wer 2026 gute Chancen hat
Schulte: Ja, ich auch. Das ist eine ganz furchtbare Inszenierung, die gehypt wird, weil eine Geigerin mit einer Sondergenehmigung live auftritt. Normalerweise darf ja nur der Gesang live sein und die Instrumente müssen aus der Konserve kommen. Es ist relativ offensichtlich, dass die EBU den ESC im kommenden Jahr gern in Helsinki hätte.
Und der deutsche Beitrag von Sarah Engels?
Schmidtner: Mit Sarah Engels hat Deutschland zum ersten Mal seit Jahren wieder eine Künstlerin am Start, die offensichtlich wirklich brennt, dabei zu sein. Leider ist ihr Song eine wilde Mischung, dem die klare Richtung fehlt. Sie wird deshalb keine großen Chancen haben. Das ist schon ein wenig tragisch.
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.