Kinofilm „Der Magier im Kreml“: Ein Insider erklärt Putins Aufstieg
Carole Bethuel
Politik als Spiel: Präsidentenberater Wadim Baranow (Paul Dano) feilt an der Marke Wladimir Putin.
Moskau in den 2000er-Jahren: An einer Hotelbar lehnen zwei Männer. Einer von ihnen sieht ziemlich niedergeschlagen aus. Man könnte sagen: Er hat sich verzockt. „Zehn Jahre lang haben wir dafür geackert, dass Russland ein normales Land ist. Und nun ist alles weg“, sagt er. Und fügt hinzu: „Er wird Russland in Ketten legen.“
Putin hat seinen mächtigsten Gegner ins Visier genommen
Der, vom dem da die Rede ist, ist der russische Präsident Wladimir Putin. Den pessimistischen, mit dem Wissen von heute aber sehr realistischen Ausblick auf Putins Herrschaft liefert Boris Beresowski. 1999 hat Russlands mächtigster Oligarch und Medienmogul Putins Weg an die Spitze des Staates geebnet. Vor allem mit der Absicht, ihn, wie Amtsvorgänger Boris Jelzin, für seine eigenen Interessen einspannen zu können. Nun muss Beresowski einsehen, dass es anders gekommen ist und Putin ihn längst als Gegner ins Visier genommen hat. Die ungeahnten Auswüchse seiner Macht haben viel mit dem anderen Mann an dem schummrigen Tresen zu tun.
Die Szene zählt zu den Schlüsselmomenten in dem Kino-Thriller „Der Magier des Kreml“. Der Titel bezieht sich auf Putins Berater Wadim Baranow. Er ist es, der an besagtem Abend Beresowskis Klagen lauscht. Baranow ist als fiktionale Figur angelegt, erinnert aber stark an Wladislaw Surkow. Dieser bezeichnete sich als einer der „Autoren des Putinismus“. Bis 2020 diente er als Präsidentenberater.
Anfang der 90er-Jahre als avantgardistischer Theaterregisseur gestartet, steigt Baranow bei Beresowskis Privatsender vom Produzenten von Reality-TV-Shows zu seiner rechten Hand auf. Nach Putins Machtübernahme wechselt er als Putins Spin-Doctor in den Kreml und macht das, was er immer gemacht hat: seine Weltsicht als Inszenierung unters Volk bringen. Nun allerdings steht Russlands mächtigster Mann im Mittelpunkt des Bühnenzaubers. Irgendwann zeigt sich, wer von den beiden Zauberer oder Zauberlehrling ist.
Putin: vom Geheimdienstchef zum Despoten
„Der Magier im Kreml“ basiert auf dem gleichnamigen, im Jahr 2022 erschienenen Roman des früheren italienischen Politikberaters Giuliano da Empoli. Die Erzählung trägt mehrere Wesenszüge: In der Manier eines politischen Thrillers wird Putins Weg vom weithin unbekannten Geheimdienstchef zum zunehmend autoritären und kriegslüsternen Staatschef aus der Perspektive eines Insiders nacherzählt. Hinzu kommen Charakterstudien des „Zaren“, wie ihn viele nennen, und jenes Mannes, dessen Aufgabe darin bestand, Putin als Marke aufzubauen und weiterzuentwickeln. Außerdem werden Reflektionen über das Wesen der Macht an sich eingeflochten.
In dieser vielschichtigen Erzählung ist Baranow Protagonist und Erzähler zugleich: Nach seinem unfreiwilligen Abschied von der Politik blickt er im Gespräch mit einem US-Forscher auf sein Leben zurück, von den chaotischen, aber von der Lust an der neuen Freiheit erfüllten Jahren nach dem Kollaps der Sowjetunion bis zu Putins „gelenkter Demokratie“.
Im Gegensatz zum Buch wurden jene Dialogszenen am Kaminfeuer auf das Nötigste beschränkt, vielmehr übersetzte der französische Regisseur Olivier Assayas Baranows Worte in bisweilen opulente Bilder aus den Hinterzimmern oder auch von der zur Schau gestellten Pracht der Mächtigen. Auch wurde der Part von Baranows großer Liebe Ksenia ausgebaut: Sie gehört zu den wenigen Menschen, die seinem manipulativem Wesen widersteht und eine Freiheit verkörpert, die ihm verwehrt bleibt.
Jude Law als Putin ist zum Schaudern
Auf eigenen Ebenen funktioniert „Der Magier im Kreml“, der seine Premiere 2025 bei den Filmfestspielen von Venedig feierte, ziemlich gut. Etwa in Sachen „Schauspieler*innenkino“: Jude Law verkörpert Putin und kommt der Gestik und Mimik des realen Despoten sehr nahe. Zugleich gewinnt er ihm Nuancen ab, die das Bild von ihm erweitern. Wenn Laws Putin ungelenk spricht oder sich dergestalt bewegt, erscheint es nicht als Zeichen von Schwäche oder Unsicherheit, sondern von Verachtung und unterdrückter Wut. Es ist zum Schaudern, aber auch faszinierend.
Auch Paul Dano als Baranow liefert eine bestechende Leistung ab. Er tritt uns als ebenso selbstbeherrschter wie anpassungsfähiger Biedermann entgegen, der zentrale Veränderungen und deren strategisches Potenzial früher als viele andere in seiner Umgebung zu erkennen scheint. In einer Szene sagt er: „Die Amerikaner haben den Algorithmus erfunden – es liegt an uns, ihn besser zu nutzen als sie.“ Dieser stets mit sonorer Stimme sprechende und vorgebliche „Mann ohne Eigenschaften“, der tatsächlich voller innerer Widersprüche ist, hält sich für einen neuen Rasputin und fällt am Ende seiner eigenen Hybris zum Opfer.
Die Betrachtungen über die Grundfragen der Macht werden in kleinen, aber anschaulichen Portionen serviert und sind bisweilen erhellend. Dennoch stellen sich irgendwann Ermüdungserscheinungen sein. Zu sehr klebt die Erzählung an Baranows vorgeblich allwissendem Blick auf die Dinge. Auch visuell wären mehr Brüche wünschenswert gewesen. Die Bilder vom während der Dreharbeiten in Lettland „nachempfundenen“ Russland sind beeindruckend, doch nach gut zwei Stunden mag das Auge nicht mehr durch Villen oder Hotelflure wandeln.
Ein Film über Mittäterschaft
Hinzu kommt, dass der Film angesichts der neuen Lage nach Russlands Vollinvasion in der Ukraine mitunter aus der Zeit gefallen wirkt. Und doch: Gerade sein über Russland hinaus reichender Gedankenreichtum macht diesen Film über die Genese von Mittäterschaft zu einem lohnenden und auch ohne viel Hintergrundwissen leicht zugänglichem Erlebnis.
„Der Magier im Kreml“ (USA, Großbritannien, Frankreich 2025), Regie: Olivier Assayas, Drehbuch: Olivier Assayas und Emmanuel Carrère (nach dem Roman von Giuliano da Empoli), mit Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Will Keen u.a., 156 Minuten, FSK ab 12.
Im Kino
Weitere Informationen unter constantin.film