Kultur

Film „Ein einfacher Unfall“: Wie Regimegegner im Iran Rache nehmen wollen

9. January 2026 17:20:56

Ein mutmaßlicher Folterknecht des iranischen Regimes winselt um Gnade: Jafar Pahanis spannender Thriller „Ein einfacher Unfall“ erzählt von Rache an einem rachsüchtigen System. Der Stoff ist aktueller denn je.

Ein einfacher Unfall

Was nun? Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr), Ali (Majid Panahi) und Golrokh (Hadis Pakbaten) in der iranischen Wüste.

Im Iran toben die größten Massenproteste seit Jahren. Wieder fegt eine Welle der Repression und von Verhaftungen durch das Land. Sicherheitskräfte feuern auf Demonstrierende oder lassen sie hinter Gittern verschwinden. Was mag in den Menschen vorgehen, die die Maschinerie des Schreckens überstehen und versuchen, wieder ein normales Leben zu leben, insofern dies für Regimekritiker*innen in der Islamischen Republik überhaupt möglich ist? Und was passiert, wenn der Schrecken des Folterknastes von einem Moment auf den anderen sozusagen wieder leibhaftig vor ihnen steht?

Die quietschende Prothese wird ihm zum Verhängnis

Eine Ahnung davon gibt der Film „Ein einfacher Unfall“. Darin blickt der international preisgekrönte Regisseur Jafar Panahi tief in die Seele seines Landes. Durch einen unglücklichen Zufall landet Eghbal eines Abends in der Autowerkstatt von Vahid. Für den ist schnell klar, dass der Mann nicht irgendein Kunde ist. An seiner quietschenden Beinprothese meint er seinen Peiniger aus einem Teheraner Gefängnis zu erkennen. Dort wurden er und einige Freund*innen nach Protesten gegen die klerikale Führung festgehalten und monatelang verhört. „Der Krüppel“ war immer dabei.

Vahid sinnt auf Rache und entführt Eghbal. Bevor er ihn ins Jenseits befördert, will er sich ganz sicher sein, den Richtigen erwischt zu haben. Also trommelt er ein paar Leidensgenoss*innen zusammen, um sich rückzuversichern. Mit einem klapprigen Van platzt er in die Fotosession einer Hochzeit und bringt die Braut Golrokh, Bräutigam Ali und die Fotografin Shiva dazu, sich ihm anzuschließen. In einer Arztpraxis sammeln sie den gemeinsamen Freund Hamid ein und fahren in die Wüste. Dort bereiten sie den Showdown mit dem verhassten Schergen des Mullah-Regimes vor. Doch die Dinge entwickeln sich anders als gedacht. Nicht alle aus der Gruppe sind der Ansicht, dass man Gewalt mit Gewalt beantworten sollte. Immer wieder kommt die Frage auf, ob sie nicht doch einen Unschuldigen in die Holztruhe gesperrt haben.

Jafar Panahi verarbeitete eigene Erfahrungen im Gefängnis

Schon in früheren Filmen hat Jafar Panahi („Taxi Teheran“) auf stark am Realismus, bisweilen sogar am Dokumentarischen, orientierte Stilmittel gesetzt, um durch den Blick auf Einzelschicksale ein Porträt der iranischen Gesellschaft zu skizzieren. Sein jüngster, im vergangenen Jahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichneter Film ist aber von einer besonderen Wucht. 

Der 66-Jährige ließ seine eigenen Erfahrungen in den Händen einer unmenschlichen und zutiefst korrupten Justiz einfließen. In den Jahren 2010 und 2022 wurde er für mehrere Monate inhaftiert und zwischenzeitlich mit einem 20-jährigen Berufsverbot belegt. An einem bestimmten Punkt war für ihn die Zeit gekommen, all das filmisch zu verarbeiten. Durch die aktuellen Proteste und die drastischen Konsequenzen, die sie für viele Gegner*innen des Regimes haben, ist der Stoff aktueller denn je.

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Manipulation und Zersetzung wirken lange nach

Anhand des sich zuspitzenden Konflikts unter den Entführer*innen wird deutlich, wie komplex diese Erfahrungswelt ist. Wenn sich Vahid und die anderen darüber in die Haare kriegen, wie mit „dem Krüppel“ zu verfahren ist, meint man die langlebigen Folgen jener Manipulation und Zersetzung seitens der Sicherheitskräfte zu erkennen, denen sie damals hilflos ausgeliefert waren. Auch darin zeigt sich die Langlebigkeit des Traumas namens Haft.

„Ein einfacher Unfall“ ist nicht besonders subtil erzählt: Die persönlichen Hintergründe der Akteur*innen bleiben im Vagen und die Handlung wird geradlinig nach vorne getrieben. Dennoch bleibt genügend Raum, um die Bruchstellen innerhalb dieser Schicksalsgemeinschaft deutlich zutage treten zu lassen. Auch der Humor kommt nicht zu kurz.

Was einen für den Film, der dieses Jahr als französischer Oscar-Kandidat ins Rennen geht, einnimmt, ist nicht zuletzt der Umstand, dass die Spannung sehr subtil aufgebaut wird und der Pegel bis zum Schluss ganz oben bleibt. Was auch daran liegt, dass man den Gekidnappten nur selten zu Gesicht bekommt. Zudem ist einigen Szenen anzusehen, dass sie ohne Drehgenehmigung, also im Verborgenen, entstanden sind. Der mitunter verengte Blickwinkel, aber auch die einsamen Schauplätze verleihen dem Ganzen eine eigene Poesie. Und auch das hervorragende, vorwiegend aus Laiendarsteller*innen bestehende Ensemble leistet seinen Teil.

Spiegelbild der Realität im Iran

Panahi sieht seinen Film als Spiegelbild der Realität in einem System, das zunehmend ins Wanken gerät. Seit der im Jahr 2022 unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ gestarteten Protestbewegung habe sich die Ablehnung des iranischen Regimes im Land weit verbreitet. „Viele Frauen zeigen sich nun ohne Hidschab in der Öffentlichkeit“, sagte er in einem Interview. „Eine solche Form des massiven zivilen Ungehorsams war vor wenigen Jahren noch undenkbar. Es sind die iranischen Frauen, die diesen Wandel herbeigeführt haben.“

„Ein einfacher Unfall“ (Iran/Frankreich/Luxemburg 2025), ein Film von Jafar Panahi, mit Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi, Hadis Pakbaten u.a., 105 Minuten.

Im Kino 

Weitere Infos unter mubi.com

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