Kultur

Film „Zweitland“: Familiendrama über Südtirols historische Wunden

5. December 2025 16:27:51

Wie weit darf der Freiheitskampf gegen den italienischen Staat gehen? Auch bei dieser Frage liegen die ungleichen Brüder Anton und Paul über Kreuz. Anhand eines Familiendramas erzählt der Kinofilm „Zweitland“ von einem langwierigen Konflikt mitten in Europa.

"Zweitland": Filmszene mit Thomas Prenn

Wieder mal musste ein Strommast dran glauben: Paul (Thomas Prenn) unterwegs in einem Südtiroler Tal.

Weite Täler, schroffes Gebirge und ein vergleichsweise liebliches Klima: Genau das lieben viele Tourist*innen an Südtirol. Aber wer erinnert sich heute noch daran, dass es im nördlichsten Teil Italiens nach dem Zweiten Weltkrieg lange Zeit alles andere als idyllisch zuging? Anfang der 60er-Jahre eskalierte die Auseinandersetzung zwischen der deutschsprachigen Minderheit und der Zentralregierung in Rom. Das Kinodrama „Zweitland“ führt mitten hinein in diese turbulenten Zeiten der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, wie der offizielle Name lautet.

Nach dem Anschlag versinkt Mailand in Finsternis

Während eine Bauernfamilie gemeinsam das Abendessen löffelt, ist irgendwo weit draußen eine Explosion zu hören. Wieder einmal wurde ein Strommast in die Luft gejagt. „Jetzt scheißen sie in Mailand im Dunkeln“, sagt Anton voller Genugtuung. Er sieht sich als Familienoberhaupt. Mit seiner Frau Anna, dem kleinen Sohn sowie dem jüngeren Bruder Paul bewirtschaftet er einen kleinen Hof mit Milchkühen. 

Außerdem mischt Anton bei den Südtiroler Separatist*innen mit. Diese fordern, dass ihnen endlich die Autonomierechte gewährt werden, zu denen sich Italien in einem internationalen Abkommen verpflichtet hat. Einige von ihnen wollen viel mehr, nämlich sich komplett von Rom loslösen. Immer wieder gibt es Attacken auf das Stromnetz. Manchmal müssen aber auch italienische Carabinieri dran glauben. Diese wiederum greifen hart durch. Erst gut zehn Jahre später, nach weitreichenden Konzessionen des italienischen Staates, wird sich die Lage beruhigen.

Im Jahr 1961, als die Erzählung beginnt, ist das noch nicht abzusehen. Stattdessen verhärten sich die Fronten nicht nur zwischen Separatist*innen und Sicherheitskräften, sondern auch innerhalb der deutschsprachigen Community. Ist Gewalt ein legitimes Mittel, um für seine Rechte zu kämpfen? Und was ist das eigentliche Ziel dieses Kampfes? Darüber wird in den Kneipen und im Landesparlament heftig gestritten.

Zwei Brüder und zwei Lebensentwürfe

Auch zwischen Anton und Paul tritt dieser Konflikt immer deutlicher zutage, obendrein befeuert durch weitere gravierende Unterschiede zwischen den beiden. Während Anton sich nach dem Tod der Eltern dafür aufgerieben hat, den Hof zu erhalten, will Paul dem geistig verengten Landleben entfliehen und in München eine künstlerische Ausbildung beginnen. Anton würde es wohl so beschreiben: hier der heimatverbundene Rebell, dort der realitätsferne „Künstler“.

Zwischen diesen beiden Polen mäandert Antons Frau, Anna, die sich auch über die Familie hinaus um Ausgleich bemüht und gegen die patriarchalen Strukturen aufbegehrt. Nach einem weiteren Anschlag wird die Lage zunehmend brenzlig und Anton muss abtauchen. Nun kommt in der bisherigen Konstellation des gemeinsamen Lebens einiges in Bewegung. 

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„Zweitland“ ist kein Historienstück über den Freiheitskampf in Südtirol. Vielmehr ergründet der Filmemacher Michael Kofler in seinem Kinodebüt die politische Verantwortung jedes Einzelnen. Und das in Zeiten, wo demokratische Strukturen weltweit unter Druck geraten und populistische Parteien mit scheinbar einfachen Lösungen an Boden gewinnen. Dass er für dieses globale Thema seine Südtiroler Heimat als Schauplatz gewählt hat, liegt auch daran, dass der eingangs beschriebene Konflikt lange totgeschwiegen wurde. Koflers „Anti-Heimatfilm“ soll daher auch schmerzhafte Wunden offenlegen.

Ein subtil eingefangenes Familiendrama

Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist ein subtil eingefangenes Familiendrama: Im Laufe der Zeit wird zunehmend deutlich, wie tiefgreifend nicht nur die menschlichen, sondern auch die ideologischen Unterschiede zwischen Anton und Paul sind. Und welche Sprengkraft dieser Grundkonflikt wiederum mit Blick auf Anna besitzt. Diese wird allerdings ihren eigenen Weg gehen, auch dank ihrer fast schon visionären Denkfreude.

„Zweitland“ lebt von einer intensiven, fast schon klaustrophobischen Atmosphäre. Zwischen hölzernen Bauernhauswänden werden die großen Fragen jener Zeit verhandelt, wenngleich die Dialoge oft fragmentarisch sind. Gerade auf der nonverbalen Ebene liefern Thomas Prenn (Paul), Aenne Schwarz (Anna) und Laurence Rupp (Anton) eine bestechende Leistung ab. Ein Übriges leistet die eindringliche Bildsprache: Die Handkamera ist den tragenden Figuren in Halbtotalen stets dicht auf den Fersen und das alles bei weitgehend natürlichen Lichtverhältnissen.

Merkwürdig ist allerdings, dass viele Situationen wie eingefroren wirken. In Sachen Dynamik ist viel Luft nach oben. Während ringsherum Menschen in Polizeikasernen verschwinden, scheint das Leben wie gewohnt weiterzugehen. Es sei denn, die Carabinieri filzen mal wieder das eigene Haus. Diese wiederum erscheinen in diesem auf die Separatist*innen fokussierten Film fast schon als Randfiguren, obwohl sie den verhassten Gegner repräsentieren. Unabhängig davon vermittelt der Film ein tiefes Gefühl dafür, was diesen Konflikt angetrieben hat.

„Zweitland“ (Deutschland, Italien, Österreich 2025), ein Film von Michael Kofler, mit Thomas Prenn, Aenne Schwarz, Laurence Rupp, Francesco Acquaroroli u.a.,112 Minuten, FSK ab 12 Jahre

Im Kino

Weitere Informationen unter weltkino.de

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