Das Rote Buch: Sturmwarnung
privat, Klett-Cotta
Im Buch „Der kommende Sturm“ analysiert der Historiker Odd Arne Westad, wie es zum Ersten Weltkrieg kam – und was wir für heute daraus lernen können.
Kann man schlafwandelnd auf eine Klippe zutaumeln – nein, zulaufen oder besser noch zusprinten und dann mit Anlauf kopfüber hinunterspringen – ohne je aus dem Traum zu erwachen? Die aktuelle weltpolitische Lage legt den Schluss nahe. Kann das gut gehen? Wird das gut gehen? Ist das jemals gut gegangen?
Kritischer Blick auf vergessene Lehren der Vergangenheit
Eine derzeit vielbeachtete Antwort liefert der in Yale lehrende Politikwissenschaftler Odd Arne Westad mit seinem Buch „Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt“. Der gut lesbare Band ist vor einigen Wochen in den Vereinigten Staaten und parallel auch auf Deutsch erschienen und liefert einen kritischen Blick auf vergessene Lehren der Vergangenheit und auf die bedauerliche Tatsache, dass globale Krisen immer wieder die unangenehme Angewohnheit aufweisen ohne Vorankündigung aufzuschlagen.
Zur Erinnerung: Der Sommer 1914 versprach schön zu werden. Die Krisen der vergangenen Jahre schienen weniger drängend. Der deutsche Kaiser schipperte nach Norwegen und der britische Außenminister Edward Grey notierte in seinen Memoiren, in den ersten Monaten 1914 habe „der Himmel der internationalen Politik wieder klarer“ ausgesehen.
Eine Konfrontation, die niemand will
Nur ein paar Wochen später begann das große Sterben des Ersten Weltkriegs. 40 Millionen Menschen verloren in den folgenden vier Jahren ihr Leben und der Keim für den nächsten nationalen Opfergang des Zweiten Weltkriegs wurde nicht nur sorgsam geplanzt, sondern auch tüchtig begossen. Die Zutaten des toxischen Mixes: ökonomische Stagnation, Ressentiments, militärische Planungen, die vermeintlich rasches Handeln belohnten und lückenhafte Kommunikation.
Und heute? „Wir kommen in eine Phase, in der Großmächte um Vorherrschaft innerhalb verschiedener Weltregionen ringen“, diagnostiziert Westad mit dem Blick auf die Gegenwart. „Die Welt sieht zunehmend so aus wie die des 19. Jahrhunderts: imperiale Kriege, erschütterte Allianzen, revanchistische Mächte und territoriale Expansion.“ Die Gefahr: Wir stolpern erneut in eine Konfrontation, die niemand bewusst will – und wollen kann.
Für viele stellt sich nicht mehr die Frage, ob, sondern wann es Krieg gibt
„Die fatale Kombination von Draufgängertum, Angst, Fatalismus und schierer Dummheit, die den ersten großen Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts auslöste“, so Westad, könne eine ähnlich katastrophale Wirkung in der Gegenwart entfalten. Alarmistisch? Auch heute herrscht bekanntlich kein Mangel an politischen Konflikten – und an Ressentiments.
Hier verweist Westad auf bedrückende Zahlen: Zwei von fünf Amerikaner*innen gehen aktuell davon aus, ihr Land werde in den kommenden fünf Jahren Krieg mit China führen. Zwei Drittel der Russ*innen sehen sich in einem zivilisatorischen Ringen mit dem Westen, in dem es „um Leben und Tod“ gehe. Und Studierende in China – so der Autor – fragten ihn regelmäßig nicht nach dem Ob, sondern nur noch nach dem Wann des großen kommenden Kladderadatsches, wie die deutsche Sozialdemokratie im Kaiserreich den erwarteten Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft beschrieb.
Es gibt noch eine Alternative
Was also tun? „Dieses Buch ist ein Argument für Kompromisse zwischen Großmächten: nicht als Übereinstimmung, nicht als Konvergenz, nicht als moralische Gleichsetzung, sondern als tentative Abkommen zu zumindest einigen der Probleme, die Konflikte heute so viel intensiver machen“, erklärt Westad. „Moment!“, ruft da erschrocken manch ein Talkschow-Zuschauer: Kompromisse? Zugeständnisse? Erledigen die nicht das Geschäft des Gegners? Ist das nicht Belohnung des Aggressors?
Westad würde dem ein klares „Jein“ entgegenhalten. Ihm geht es darum, Kompromisse zu Territorialkonflikten auszuloten, globalen Handel nicht durch Zölle und Embargos abzuwürgen, laufendes Wettrüsten zu begrenzen und überall dort zu kooperieren, wo Kooperation möglich ist. Die Alternative? Ein nächster Sommer wie anno 1914: „Krieg in einem Maßstab, den die große Mehrheit von uns nie erlebt hat.“
Die Bombe hat ihren Schrecken verloren
Der Hauptteil des Buches zeichnet dabei einerseits das historische Driften in die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs nach. Befeuert von einer Kombination aus Selbstüber- und Selbstunterschätzung und vorangetrieben vom Taktstock der vermeintlich alternativlosen Masterpläne. Eine zweite Ebene des Buches kontrastiert den Rückblick mit dem Heute und beschreibt politische Akteure und ihre Interessenlagen – von den Vereinigten Staaten, der EU, Indien, China, Brasilien und Russland bis zur Türkei.
Eine Mahnung wirkt dabei besonders überzeugend: „Eine Lehre der Geschichte ist, dass Krieg von Fehlwahrnehmungen und Fehlkalkulationen ausgehen kann.“ Liefert die Realität des Ukraine- und des Irankriegs nicht täglich neue Belege dieser These?
En passant zerlegt der Autor dabei zugleich die Annahme, allein das zerstörerische Potenzial der (neuen) technischen Möglichkeiten würde Eskalationen schon verhindern. Das Veto der Bombe als disziplinierendes Element: eine irrige Annahme. Zitiert wird hier nicht zuletzt Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits.
Der Schwede zeigte sich stets überzeugt, seine Erfindung werde sich als Instrument des Friedens erweisen: „An dem Tag, an dem zwei Armeekorps sich gegenseitig in einer Sekunde vernichten können, werden alle zivilisierten Nationen ihre Truppen auflösen“. Es ist bekanntlich anders gekommen.
Diplomatie schafft Räume
Immer wieder fragt Westad dabei auch nach der Rolle, die Diplomatie überhaupt noch einnehmen kann, wenn Entscheidungsfenster aufgrund der technologischen Entwicklung auf Stunden, wenn nicht auf Minuten oder Sekunden schrumpfen. Sein Petitum: Die Rolle der Diplomatie ist das Schaffen von Räumen.
Das sei besonders entscheidend, weil ein Übermaß an Vertrauen in die Frieden schaffenden Fähigkeiten von Entscheidungsträgern in die Irre führt: „Zu den Konzepten, die vor dem Ersten Weltkrieg viel Glaubwürdigkeit erhielten, gehörte die Idee, dass der Großmachtkonflikt auf höchstem Niveau bewältigt werden kann. Wir sind auch heute noch schockiert, wie schnell sich diese Vorstellung im Juli 1914 auflöste.“
Durchzieht diese Hoffnung nicht auch die heutige Zeit? Die Vorstellung, am Ende werden sich die da Oben schon noch irgendwie zusammenraufen und die Dinge regeln, bevor sie aus dem Ruder laufen?
Eine Warnung an „Männer mit großen Egos“ und eine an die Progressiven
Entscheidend, so meint Westad, ist Kommunikation. Als vertrauensbildende Maßnahme und als Antidot gegen die Dämonisierung des Gegners. Doch auf das „Wie“ kommt es an. Denn – und an dieser Stelle wird der amtierende US-Präsident zwar nicht namentlich erwähnt, doch sein Schatten an der Wand zeichnet sich ab – „Männer mit großen Egos mögen glauben, dass sie durch Verständigung mit anderen großen Männern Frieden schaffen. Aber wenn eine echte Krise eintritt, werden sie von einer Kombination aus Hybris und Angst überwältigt.“
Progressive Kräfte wird Westads Ruf nach einer Art globalen Entspannungspolitik 2.0 sicher überzeugen. Doch auch für sie enthält das Buch eine Mahnung. Denn zwischen den Zeilen schwingt eine Absage an moralischen Überschwang mit, der die erforderlichen Kompromisse erschwert. Es geht in der komplexen neuen Welt der konkurrierenden Großmächte sicher nicht darum, sich von moralischen Überzeugungen abzuwenden aber doch auch darum, den Wert schwieriger Kompromisse anzuerkennen.
Denn, so erinnert Westad, am Ende urteilen eben nicht die Moral oder „die Geschichte“ über politisches Handeln, sondern das Leben und Überleben der Menschen auf diesem Planeten.
Odd Arne Westad: Der kommende Sturm. Der nächste große Krieg und wovor die Geschichte uns warnt, Klett-Cotta 2026, ISBN: 978-3-608-96715-9