Büttenredner Jens Singer: „Extremisten erkennt man an ihrer Humorlosigkeit“
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Kanzler-„Schofför“ Jens Singer: „Friedrich Merz ist nie zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“
Am Dienstag haben Sie auf Facebook geschrieben: „Fühle mich wie nach der Bundestagswahl. Ich will meine Stimme zurück!“ Was ist passiert?
Über die Bundestagswahl müssen wir jetzt nicht sprechen, aber was aktuell meine Stimme angeht, machen sich gerade leider die vielen Auftritte der letzten Wochen bemerkbar.
Seit dem 11.11. sind Sie als „Schofför des Kanzlers“ im Karneval-Dauereinsatz. Welche politischen Themen bestimmen die aktuelle Session?
Das hat sich über die Wochen verändert. Ich schreibe ja nicht eine Rede, die ich dann zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch unverändert halte, sondern passe sie immer wieder an. Am Anfang hatte ich zum Beispiel CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann in meiner Rede mit seiner Forderung „Einfach mal machen!“. Nur kannte den kaum einer, schon gar nicht den Satz. Eine Frau in Düsseldorf hat gefragt hat, der Linnemann, das sei doch dieser Typ von „Rammstein“. Da habe ich gemerkt, dass Linnemann außerhalb der Berliner Blase kaum bekannt ist und ihn rausgenommen.
Die Grünen sind allerdings immer ein Thema. Pointen über die Grünen funktionieren aus meiner Sicht heute deshalb so gut, weil sie wie sonst niemand für bestimmte urbane Milieus und deren Lifestyle stehen, verbunden mit extrem viel moralischer Selbstgerechtigkeit. Sie haben das Studium geschmissen aber die Weisheit mit Löffeln gefressen und alle anderen sind entweder zu doof, korrupt oder haben dunkle Motive. Die Medien bestärken die Grünen darin auch noch. Demzufolge halten die sich tatsächlich für die besseren Menschen und diese Arroganz erzeugt genau die Fallhöhe, die es für gute Witze braucht.
„Bei der SPD hieß es immer, die besten Witze über die SPD machen wir selbst. Und da ist was dran.“
Und die AfD?
Bei der AfD liegen die Dinge anders. Die sind die andere Seite derselben Medaille. Die fühlen sich in einer Wagenburg. Die kriegen überall massiv Gegenwind, sogar steuerlich gefördert. Das verführt Kabarettisten dazu, es sich sehr einfach zu machen. Haltung statt Pointe. Das gibt Gesinnungsapplaus in den Universitätsstädten. Nur ist das ausrechenbar. Und wenn man in ländlichen oder industriell geprägten Regionen spricht, muss mehr kommen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch AfD-Wähler über die AfD lachen, wenn die Pointe wirklich gut ist und sitzt, vor allem wenn der Redner nicht nur billigen Haltungsapplaus abholen will.
Sowas zu schreiben macht richtig Arbeit. Ich habe in den Jahren viel über Extremismus gelernt. Richtige Extremisten erkennt man an ihrer Humorlosigkeit. Sie sind nicht in der Lage über sich selbst zu lachen. Mir hat ein Juso mal ernsthaft erklärt, er könne nicht lachen, solange die soziale Frage nicht gelöst sei. Ich fand das schon damals ziemlich komisch, er nicht. Aber solche Figuren gibt es nicht nur bei den Linken, den Grünen, sondern auch in der AfD. Gott sei Dank besteht die SPD nicht nur aus Jusos. Bei der SPD hieß es immer, die besten Witze über die SPD machen wir selbst. Und da ist was dran.
Sie waren selbst lange SPD-Mitglied. Hat man da eine gewisse Beißhemmung der Partei gegenüber?
Ich schone niemanden! Und bei mir darf man in der Rede lachen ganz im Gegenteil zu Bärbel Bas. Ein beliebter Kalauer ist mein Satz, dass wir nicht mehr vom Tomahawk sprechen, sondern das Klingbeil ausgegraben haben. Das funktioniert erstaunlicherweise gerade wegen seiner Schlichtheit sehr gut. Ich frage auch nach dem Unterschied zwischen Lars Klingbeil und einer Raupe: Aus der Raupe wird noch was. Besonders gern nehme ich aber die Sprache aufs Korn. Die SPD sagt ja gern, sie wolle Politik machen für die, die hart arbeiten und morgens früh aufstehen. Dabei wird sie vor allem von denen gewählt, die gar nicht mehr arbeiten und nachts aufstehen müssen und zwar mehrfach.
„Die Pointen über Friedrich Merz funktionierten sogar bei der Sitzung der CDU Köln erstaunlich gut.“
Wie sieht es mit Friedrich Merz aus?
Der Kerl ist nicht beliebt. Das merkt man in allen Sälen. Natürlich spielt er immer eine Rolle in meinem Programm, er ist ja auch mein Chef als „Schofför“. Viel Gelächter gibt es immer, wenn ich sage: Zwei Drittel der Deutschen halten Merz als Kanzler für unfähig, ein Drittel hält Merz für einen Monat. Alles neu macht eben der Mai, aber nicht der Merz. Diese enttäuschte Erwartungshaltung, die Merz im Bundestagswahlkampf geweckt hatte, ist bei all meinen Auftritten spürbar. Die Pointen über Friedrich Merz funktionierten sogar bei der Sitzung der CDU Köln erstaunlich gut. Die sind also viel souveräner als man ihnen gemeinhin unterstellt. Dass Witze über den eigenen Laden sogar lautstark eingefordert wurden, habe ich bislang nur erlebt bei einer Karnevalsfeier der FDP.
Für einen Büttenredner ist das sicher eine dankbare Situation, oder?
Ja und nein. Ich spüre immer wieder auch eine Form von Eskapismus, dass die Leute sagen, sie wollen von Politik gar nichts mehr hören, weil ihnen das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Politik verloren gegangen ist. Sie wollen deshalb wenigstens im Karneval von der Politik in Ruhe gelassen werden. Das ist für mich eine neue Erfahrung.
Gleichzeitig scheint der Karneval so politisch wie lange nicht.
Die Gegenbewegung gibt es auch. Die Dinge, die in der Welt passieren, gehen natürlich auch am Karneval nicht spurlos vorbei und es gibt durchaus Leute, sie sagen: Jetzt erst recht! Ein gutes Beispiel für diese Art der Politisierung ist der großartige Wagenbauer Jacques Tilly, der gerade in Russland vor Gericht steht, weil er Putin beleidigt haben soll. Auch andere Züge werden immer mutiger mit den Wagen, die sie präsentieren. Das finde ich ermutigend.
„Der Trump macht echt Ärger. Ich habe deshalb irgendwann entschieden, mich mehr um Putin zu kümmern.“
Nochmal zurück zu Friedrich Merz. Ist er ein guter Fahrgast?
Das will ich mal mit einer Anekdote von unserer ersten gemeinsamen Fahrt beantworten. Friedrich Merz saß noch gar nicht richtig bei mir im Auto, da haut er schon den ersten Spruch raus und sagt: Gute Bundeskanzler sind wie gute Autoreifen. Sie haben Profil, sie haben Bodenhaftung. Und vor allem sind sie schwarz. Und ich antworte: Ja, Herr Bundeskanzler, das mag sein. Aber wir wechseln die Dinger hier auch zweimal im Jahr aus. Das fasst das die Person von Friedrich Merz ganz gut zusammen, finde ich.
Welches meinen Sie?
Er wurde ja am 11.11. geboren, aber eben nicht in Köln, sondern in Brilon. Das sagt alles. Friedrich Merz ist nie zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und es spiegelt auch das Bild wider, das die Menschen von ihm haben. Das unkontrollierte Raushauen von Sprüchen passt auch dazu.
Sprechen Sie eigentlich in Ihrem Programm auch über Donald Trump?
Der Trump macht echt Ärger. Erstens ist es schwierig, das war er sagt, komödiantisch zu toppen. Und zweitens habe ich bei allem, was ich über ihn sage, immer das Gefühl, dass das alles schon mal gebracht worden ist. Ich habe deshalb irgendwann entschieden, mich mehr um Putin zu kümmern. Obwohl er vor vier Jahren diesen schrecklichen Krieg in der Ukraine begonnen hat, fliegt er bei uns meist unter dem Radar. Putin kommt ja vom KGB, nicht von den KVB, also den Kölner Bahnbetrieben. Der KGB lässt Leute verschwinden, die KVB ganze Bahnen. Das ist natürlich ziemlich schwarzer Humor, aber es legt den Finger in die Wunde.
„Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Thüringer Büttenredner getroffen, der schon in der DDR aktiv gewesen ist. Den hat damals direkt nach einer Büttenrede die Stasi verhaftet.“
Als Parlamentsbeamter im Bundestag sind Sie nah dran an der Politik. Hilft das, wenn Sie Ihr Programm vorbereiten, oder ist es eher hinderlich, weil Sie zu sehr drinstecken?
Was ich täglich erlebe, ist ein Quell ständiger Inspiration. Allein die Tatsache, dass wir im Bundestag eine schwarz-rot-goldene Fahne haben, in der echte Goldfäden verwoben sind, kann ich für eine Pointe nutzen, weil natürlich oft die Frage kommt, ob da nichts wegkommt. Ich sage dann immer, dass man sich da keine Sorgen machen muss, denn der Bundestag ist weder der Louvre noch die Sparkasse Gelsenkirchen. Aber auch die Personen, die im Bundestag herumlaufen, sind eine Inspiration. Da gibt es viele Talente, die im Parlament eigentlich verschwendet sind. Jens Spahn zum Beispiel wäre der ideale Nachfolger von FIFA-Präsident Infantino. Ich merke aber auch immer wieder, dass vieles, was im Bundestag rauf und runter diskutiert, draußen oft kaum jemand mitbekommt.
Mit dem Straßenkarneval steht nun der Höhepunkt der Session an. Am Aschermittwoch ist dann naturgemäß alles vorbei. Fällt man da als Karnevalist in ein Loch?
Ja, an Aschermittwoch bin ich auch immer schlecht gelaunt und am Wochenende drauf frage ich mich, wohin geht es eigentlich heute? Andererseits bin ich auch ganz froh, dass der Reisestress erstmal ein Ende hat, bis es im November wieder von vorne losgeht. In diesem Jahr habe ich für die Zeit bis dahin aber auch schon Pläne: Ich bin nach Thüringen eingeladen worden, um dort zu erzählen, wie wir im Rheinland Büttenreden schreiben. Darauf freue ich mich sehr. In Thüringen gibt es ja auch sehr karnevalistische Ecken. Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Thüringer Büttenredner getroffen, der schon in der DDR aktiv gewesen ist. Den hat damals direkt nach einer Büttenrede die Stasi verhaftet. Wenn man so etwas hört, ist man besonders froh, in einer Demokratie zu leben, in der sich die Mächtigen von uns den Spiegel vorhalten lassen müssen, ohne sich wehren zu können.
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.